Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?

Inflation, Zinsen, EZB, Geldpolitik, Konjunktur, Steuern allgemein
DispoDetektiv_Dirk
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Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?

Beitrag von DispoDetektiv_Dirk »

@Mahnbescheid_Monika — ja, genau das. Die Fed hat Ende 2024 mit den Zinssenkungen angefangen, weil die Inflation sich der 2%-Marke annäherte UND weil der Arbeitsmarkt sich leicht abkühlte. Jerome Powell hat in seinen Pressekonferenzen explizit beide Faktoren genannt. Die EZB hat zur ähnlichen Zeit auch gesenkt, aber die offizielle Begründung war fast ausschließlich: Inflation geht runter. Fertig. Beschäftigungszahlen wurden allenfalls am Rande erwähnt — und dann nur als wirtschaftlicher Kontext, nicht als Zielgröße. Das ist der Unterschied in der Praxis: Gleiche Entscheidung, aber andere Begründung und andere Reaktionsfunktion.
VersicherungsVerdrossene
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Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?

Beitrag von VersicherungsVerdrossene »

Ich frag mich ob das nicht auch n Demokratieproblem ist. Die EZB ist ja für 20 Länder zuständig, die alle unterschiedliche Arbeitslosenzahlen haben. Spanien hatte mal 25%, Deutschland gleichzeitig unter 5%. Welche Beschäftigung sollte die EZB dann ansteuern? Das ist vielleicht auch ein Grund warum die EZB das Mandat so eng hält — Preisstabilität ist wenigstens euroraum-einheitlich messbar. Vollbeschäftigung in Griechenland und Vollbeschäftigung in den Niederlanden sind völlig verschiedene Schuhe.
VergleichsViggo
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Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?

Beitrag von VergleichsViggo »

@VersicherungsVerdrossener_Veit — das ist ein sehr valider Punkt und wird tatsächlich in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur als zentrales Argument für das enge EZB-Mandat genannt. Dazu kommt: Die USA sind ein einheitlicher Arbeitsmarkt mit Mobilität. Ein Arbeitsloser aus Ohio kann nach Texas ziehen, wenn dort Jobs sind. Im Euroraum ist das schon aus Sprachgründen viel schwieriger. Also selbst wenn die EZB ein Beschäftigungsmandat hätte — sie könnte regionale Ungleichgewichte kaum sinnvoll adressieren. Für den OP praktisch relevant: Wer europäische Tagesgeldkonten (DKB, ING, N26, Comdirect) hält, schaut am besten auf die EZB-Sitzungskalender und die HVPI-Flash-Schätzungen von Eurostat. Die kommen immer am letzten Werktag des Monats — da sieht man schon frühzeitig, wohin die Reise geht.
SparenOderLeben_Sigi
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Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?

Beitrag von SparenOderLeben_Sigi »

Okay ich fass mal zusammen was ich gelernt hab: Fed = eierlegende Wollmilchsau, EZB = preußischer Buchhalter ? Nein im Ernst, ich find den Thread hier klasse. Aber mal ne ketzerische Frage: Hat das Dual Mandate der Fed nicht auch dazu beigetragen, dass die USA 2021/22 die Inflation so lange verschlafen haben? Powell hat monatelang gesagt 'transitory inflation' und die Zinsen nicht erhöht — weil der Arbeitsmarkt noch nicht ganz erholt war nach Corona. Die EZB war auch zu langsam, aber aus anderen Gründen. Am Ende haben beide Zentralbanken Mist gebaut, nur mit unterschiedlichen Ausreden ?
LangzeitanlegerLothar
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Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?

Beitrag von LangzeitanlegerLothar »

@SparenOderLeben_Sigi — das ist eine legitime Kritik. Das 'transitory'-Narrativ der Fed 2021 wird tatsächlich als einer der größten geldpolitischen Fehler der jüngeren Geschichte diskutiert. Ob das Dual Mandate kausal dafür war oder ob es schlicht eine Fehleinschätzung der Inflationsdynamik war, ist unter Ökonomen strittig. Manche argumentieren: Gerade weil die Fed auf Beschäftigung schaut, war sie zögerlicher. Andere sagen: Nein, die EZB hat denselben Fehler gemacht, ohne Dual Mandate. Das spricht eher dafür, dass es ein analytisches Problem war, kein strukturelles.
ImmoInvestorin_Inge
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Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?

Beitrag von ImmoInvestorin_Inge »

Aus meiner Perspektive als Immobilienmaklerin ist das Mandat-Thema sehr greifbar. Die EZB hat 2022 mit den Zinserhöhungen angefangen und sehr schnell auf 4% Leitzins hochgezogen — ohne Rücksicht auf den Immobilienmarkt oder die Baukonjunktur. Neubauprojekte sind reihenweise eingefroren worden, Bauträger insolvent gegangen. Die Fed hat zwar ähnliche Zinshöhen erreicht, aber der US-Immobilienmarkt ist strukturell anders — mit anderen Hypothekenmodellen (Festzinsen über 30 Jahre sind dort der Standard, bei uns nicht). Ob ein Beschäftigungsmandat geholfen hätte? Vielleicht. Die EZB hätte zumindest die Auswirkungen auf die Baubranche als Argument nutzen können, früher zu bremsen. Offiziell durfte sie das nicht.
FrugalFranziska_DO
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Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?

Beitrag von FrugalFranziska_DO »

ich find ja, das klingt alles super kompliziert aber am Ende ist die Frage für mich als normale Sparerin: wann krieg ich wieder gute Zinsen auf mein Tagesgeld ? Barclays hat grad noch 2,6%, Trade Republic 3,25% — aber das wird ja nicht ewig so bleiben wenn die EZB weiter senkt. Irgendwie ärgert mich das. Jahrelang null Zinsen, kaum fängt man an zu sparen geht's schon wieder runter ?✨ Aber ich hab durch den Thread zumindest verstanden, warum die EZB senkt sobald Inflation passt — egal ob ich nen Job hab oder nicht lol
Teilzeitsparer_Tobi
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Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?

Beitrag von Teilzeitsparer_Tobi »

@FrugalFranziska_DO voll dein Punkt lol. Ich hab extra bei Hanseatic Bank nochmal ein Tagesgeldkonto aufgemacht als die Zinsen hoch waren. Jetzt sinken die auch schon wieder. Aber ich nehm aus dem Thread mit: bei der EZB einfach die Inflationsrate im Auge behalten. Wenn die bei 2% ist, sind sinkende Zinsen quasi sicher — unabhängig davon ob ich oder du oder sonst jemand nen Job hat. Find ich irgendwie kalt aber gut zu wissen.
MinijobMaria_Münster
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Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?

Beitrag von MinijobMaria_Münster »

Ich frag mich ob das nicht auch erklört warum Amerika wirtschaftlich oft so viel dynamischer wirkt. Wenn die Zentralbank aktiv Beschäftigung fördern soll und das auch kommuniziert, gibt das vielleicht mehr Vertrauen bei Unternehmen und Konsumenten? ? Oder ich red Quatsch, ich weis nicht genau. Bin ja keine Expertin.
Schuldenfrei_Schorsch
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Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?

Beitrag von Schuldenfrei_Schorsch »

@MinijobMaria_Münster — das ist gar nicht so falsch gedacht. Die Erwartungssteuerung spielt in der Geldpolitik eine riesige Rolle. Wenn Leute und Unternehmen wissen, dass die Fed aktiv gegensteuert wenn Jobs wegfallen, dann investieren und konsumieren sie vielleicht auch in unsicheren Zeiten etwas mehr. Aber ich bin da skeptisch ob man das direkt aufs Mandat zurückführen kann. Die US-Wirtschaft ist auch aus anderen Gründen dynamischer — flexiblere Arbeitsmärkte, mehr Risikokapital, andere Unternehmenskultur. Das EZB-Mandat allein macht die Europäer nicht lahm. Was mich als Handwerker eher nervt: Die ganzen Zinsentscheidungen kommen immer mit Verzögerung an. Ich hab 2023 meinen Betriebskredit verlängert, zu deutlich schlechteren Konditionen als vorher. Das war direkte Folge der EZB-Erhöhungen. Ob Dual Mandate oder nicht — für mich war das schlicht teurer.
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