Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?
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FreiberuflerFinanzen_Fin
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Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?
Hey Leute ?
Ich bin grad dabei, mein Finanzwissen etwas aufzubohren, und bin über dieses Thema gestolpert: Die US-amerikanische Notenbank Fed hat angeblich ein sogenanntes „Dual Mandate" — sie soll also gleichzeitig für stabile Preise und für Vollbeschäftigung sorgen. Die EZB dagegen hat offiziell nur ein Ziel: Preisstabilität, also Inflation knapp unter 2%.
Jetzt frag ich mich: Macht das in der Praxis wirklich nen Unterschied? Ich mein, wenn die Fed sieht, dass die Arbeitslosigkeit steigt, kann sie dann einfach die Zinsen senken, auch wenn die Inflation noch nicht passt? Und muss die EZB das dann ignorieren, weil Beschäftigung nicht ihr Job ist?
Ich frag das nicht nur aus akademischem Interesse — als Freiberufler schau ich natürlich auch, was mit den Zinsen passiert, weil ich n Tagesgeldkonto bei der DKB hab und überleg, ob ich zu Trade Republic oder Revolut zu wechseln. Und je nachdem, was die Notenbanken machen, ändert sich da ja ordentlich was.
Bin gespannt, was ihr dazu sagt. Gibt es hier Leute, die das besser durchblicken als ich? ?
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DispoDetektiv_Dirk
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Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?
Gute Frage, und ja, der Unterschied ist real und hat messbare Auswirkungen auf die Zinspolitik.
Kurze Zusammenfassung:
- Fed (USA): Dual Mandate — Preisstabilität (ca. 2% Inflation) und maximale Beschäftigung. Beide Ziele stehen gleichwertig im Federal Reserve Act.
- EZB (EU): Primärziel ist Preisstabilität laut EU-Vertrag (Art. 127 AEUV). Erst wenn das erreicht ist, darf sie wirtschaftspolitische Ziele der EU unterstützen — also auch Beschäftigung. Aber eben nachrangig.
In der Praxis heißt das: Die Fed kann und muss bei steigender Arbeitslosigkeit gegensteuern, auch wenn die Inflation noch leicht erhöht ist. Die EZB hat diesen offiziellen Spielraum so nicht — sie müsste theoretisch die Preisstabilität priorisieren, selbst wenn Europa in eine Rezession rutscht.
2022/23 hat man das schön gesehen: Beide Zentralbanken haben die Zinsen erhöht, aber die Fed hat dabei immer explizit den Arbeitsmarkt kommentiert. Christine Lagarde dagegen hat sich fast ausschließlich auf die Inflationszahlen bezogen. Das ist kein Zufall — das ist Mandat.
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RenteVomFeinsten_Reiner
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Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?
Ich sag mal so: Ich bin seit 30 Jahren im Beruf und hab die Bundesbank noch erlebt, bevor die EZB überhaupt existierte. Die Bundesbank war geradezu obsessiv mit Preisstabilität — das steckt den Deutschen quasi im genetischen Code seit der Hyperinflation 1923.
Die EZB ist in gewissem Sinne das Kind der Bundesbank, zumindest ideologisch. Dass die Amerikaner anders ticken, hat kulturelle Gründe: In den USA ist Arbeitslosigkeit politisch brandgefährlich, in Deutschland war es jahrzehntelang eher die Angst vor Inflation.
Ob das klug ist? Kommt drauf an. 2008/09 hat die Fed deutlich schneller und aggressiver reagiert als die EZB — und die USA haben die Krise auch schneller überwunden. Aber das liegt nicht nur am Mandat. ?
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DispoZinsHasser_Dierk
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Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?
ey man ich check das so: die fed darf also zocken, die EZB nicht ?
nein quatsch aber irgendwie stimmt das doch — wenn die Fed sagt 'arbeitslosigkeit steigt, wir senken' dann ist das legitim. wenn die EZB das macht obwohl inflation noch bei 3% ist, kriegen die direkt nen brief von irgendnem deutschen Verfassungsgericht lol
ich find das ehrlich gesagt n bissl unfair für südeuropa. die spanier oder griechen hatten nach 2010 sowas von nen jobproblem, aber die EZB hat trotzdem erstmal die zinsen erhöht (2011, das war n echter facepalm-moment). hätte die nen dual mandate gehabt, wär das so nie passiert.
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Mod_Katharina
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Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?
Kleiner Hinweis zur Einordnung: Der Punkt von DispoZinsHasser_Dierk mit 2011 ist historisch korrekt — EZB-Präsident Trichet hat damals tatsächlich die Zinsen zweimal erhöht (April und Juli 2011), mitten in der Schuldenkrise. Das wurde später von vielen Ökonomen scharf kritisiert.
Zur ursprünglichen Frage: Was das für euer Tagesgeld bedeutet, ist eigentlich recht direkt. Die EZB-Leitzinsen bestimmen, zu welchem Satz sich Banken wie DKB, ING oder N26 bei der EZB refinanzieren können. Diese Kosten geben sie (mit Verzögerung) an Sparer weiter. Wenn die EZB die Zinsen senkt, weil die Inflation fällt, werden Tagesgeldkonten wieder magerer — unabhängig davon, ob die Beschäftigung gut oder schlecht ist.
Bei der Fed ist das etwas komplexer, weil sie eben auch auf den Jobmarkt schaut. Daher können US-Zinsen auch mal länger oben bleiben, wenn die Wirtschaft brummt, selbst wenn die Inflation schon passt.
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WGKostenWenke
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Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?
okay ich studier Lehramt und kein BWL, aber das find ich echt spannend ?
Also die EZB darf quasi nicht mal offiziell sagen 'wir senken Zinsen weil zu viele Leute keinen Job haben'? Das klingt so als würde man einem Arzt sagen er darf nur Fieber behandeln aber keine Knochenbrüche, selbst wenn der Patient gleichzeitig beides hat ?
@DispoDetektiv_Dirk danke für die Erklärung, die war echt verständlich!
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LangzeitanlegerLothar
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Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?
Das Analogieproblem von WGKostenWenke trifft es eigentlich ganz gut, auch wenn es natürlich vereinfacht ist.
Was man noch ergänzen sollte: Das Dual Mandate der Fed ist nicht automatisch besser. Es birgt auch Risiken. Wenn eine Zentralbank zwei Ziele verfolgt, die sich widersprechen — hohe Beschäftigung geht oft mit höherer Inflation einher, das nennt sich Phillips-Kurve — dann muss sie Kompromisse eingehen. Das macht die Kommunikation schwieriger und kann die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik untergraben.
Die EZB hat dagegen einen klaren Anker: 2% Inflation. Das schafft Erwartungssicherheit. Unternehmen, Gewerkschaften und Sparer können ihre Entscheidungen darauf ausrichten. Ob das in der Praxis immer sinnvoll ist — 2011 war es offensichtlich nicht — steht auf einem anderen Blatt.
Interessant ist auch, dass die Fed nach 2020 ihre Strategie angepasst hat: Sie strebt jetzt ein durchschnittliches Inflationsziel von 2% an, was ihr etwas mehr Flexibilität gibt. Die EZB hat 2021 ähnliches getan, ist aber weiterhin strikter.
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RiesenmäßigRoland
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Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?
@LangzeitanlegerLothar — guter Punkt mit der Phillips-Kurve, aber die ist in den letzten Jahren eh in Frage gestellt worden. Nach 2009 hatten wir in den USA niedrige Arbeitslosigkeit bei gleichzeitig niedriger Inflation. Das hätte laut klassischer Phillips-Kurve nicht passieren dürfen.
Was ich praktisch interessanter finde: Die Fed kommuniziert ihr Dual Mandate sehr transparent. Nach jeder FOMC-Sitzung gibt es Dot Plots, Projektionen für Beschäftigung und Inflation. Die EZB ist da traditionell etwas verschlossener gewesen, auch wenn Lagarde das verbessert hat.
Für den OP: Wenn du also verstehen willst, wann die EZB die Zinsen senkt — schau auf die HVPI-Inflationsdaten für den Euroraum. Wenn du wissen willst, wann die Fed senkt, schau zusätzlich auf die US-Arbeitsmarktdaten (NFP = Non-Farm Payrolls, jeden ersten Freitag im Monat).
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Selbststaendige_Steffi
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- Registriert: Mi Nov 17, 2021 11:00 pm
Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?
Als ebenfalls Freiberuflerin interessiert mich das Thema auch sehr praktisch ?
Ich hab mein Puffer-Geld bei Revolut und Trade Republic aufgeteilt. Trade Republic gibt grad 3,25% aufs Verrechnungskonto, was direkt am EZB-Einlagensatz hängt. Wenn die EZB senkt, senkt Trade Republic. Punkt. Kein Spielraum, keine Rücksicht auf Beschäftigung.
Was ich spannend finde: In den USA könnten Sparzinsen theoretisch länger hoch bleiben, wenn der Jobmarkt noch stark ist — auch wenn die Inflation schon bei 2% wäre. Bei uns läuft das anders. Sobald der HVPI passt, senkt die EZB und wir Freiberufler schauen in die Röhre mit unseren Liquiditätsreserven. ?
Das Dual Mandate klingt für mich als Arbeitnehmerin und Selbstständige eigentlich sympathischer — aber ich versteh auch, warum Deutschen das Schlangenlinien-Fahren bei der Geldpolitik nervt.
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Mahnbescheid_Monika
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- Registriert: Sa Mär 26, 2022 11:00 pm
Re: Fed vs. EZB: Dual Mandate vs. Preisstabilität — was bedeutet das konkret für die Zinspolitik?
Ich muss ehrlich sagen, ich hab das mit dem Dual Mandate noch nie so erkärt bekommen. Danke an alle hier!
Aber eine Frage hätte ich noch: Bedeutet das dan, das die Fed 2024 die Zinsen gesenkt hat weil die Arbeitslosigkeit gestiegen ist — und nicht nur wegen der Inflation? Ich hab das in den Nachrichten gehört aber nie richtig verstanden warum ?