Deutschlands Exportüberschuss — warum kritisieren EU und IWF das eigentlich? Makroökonomische Folgen für Europa

Inflation, Zinsen, EZB, Geldpolitik, Konjunktur, Steuern allgemein
FINANZflüsterin_Fiona
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Deutschlands Exportüberschuss — warum kritisieren EU und IWF das eigentlich? Makroökonomische Folgen für Europa

Beitrag von FINANZflüsterin_Fiona »

Hallo zusammen, ich stoße in letzter Zeit immer wieder auf Berichte, in denen EU-Kommission und IWF Deutschlands Exportüberschuss kritisieren. Als Controllerin denke ich eigentlich: mehr Einnahmen als Ausgaben — das ist doch gut? Genau so funktioniert ein solides Unternehmen. Aber offenbar ist das auf volkswirtschaftlicher Ebene komplizierter. Deutschland hat seit Jahren einen Leistungsbilanzüberschuss von teils über 7 % des BIP, was sogar die EU-Schwelle von 6 % überschreitet. Die EU hat dafür sogar ein eigenes Verfahren — das sogenannte Makroökonomische Ungleichgewichtsverfahren (MIP). Meine Fragen konkret: - Warum ist ein Überschuss auf nationaler Ebene ein Problem für andere Länder? - Was hat das mit dem Euro und der Geldpolitik der EZB zu tun? - Welche konkreten Folgen hat das für Länder wie Italien, Spanien oder Griechenland? - Und was sollte Deutschland theoretisch tun, um das zu ändern? Ich finde die Debatte spannend, weil sie zeigt, dass Makroökonomie eben keine simple Buchhaltung ist. Würde mich über fundierte Erklärungen freuen — gerne auch kritische Gegenmeinungen dazu.
BausparkritikBernadette
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Re: Deutschlands Exportüberschuss — warum kritisieren EU und IWF das eigentlich? Makroökonomische Folgen für Europa

Beitrag von BausparkritikBernadette »

Das ist eine sehr präzise gestellte Frage, und ich versuche, sie systematisch zu beantworten. Das Kernproblem liegt im Wesen einer Währungsunion. Wenn Deutschland mehr exportiert als es importiert, fließt Kapital ins Land — spiegelbildlich häufen andere Euroländer Defizite an. In einer Welt mit eigenen Währungen würde der Wechselkurs korrigieren: Die D-Mark würde aufwerten, deutsche Exporte teurer werden, der Überschuss schrumpfen. Im Euroraum funktioniert dieser Mechanismus nicht. Der Euro ist für Deutschland faktisch unterbewertet (verglichen mit einer hypothetischen D-Mark), für Südeuropa strukturell überbewertet. Die EZB kann nicht gleichzeitig für Deutschland und für Italien die ‚richtige' Geldpolitik betreiben. Das ist das sogenannte Trilemma der Währungsunion. Hinzu kommt: Deutschlands hohe Sparquote bei gleichzeitig geringer Binnennachfrage bedeutet, dass Kapital ins Ausland fließt — oft in Form von Krediten an eben jene Defizitländer. Das hat vor 2010 die Peripherie-Blasen mitgefeuert. Die Staatsschuldenkrise war also auch ein Ausfluss dieser Ungleichgewichte. Was Deutschland tun könnte: höhere Löhne (mehr Binnennachfrage), mehr öffentliche Investitionen, niedrigere Steuern auf Arbeit. Das ist politisch umstritten, ökonomisch aber weitgehend Konsens unter Mainstream-Ökonomen.
RoswithaSpartStreng
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Re: Deutschlands Exportüberschuss — warum kritisieren EU und IWF das eigentlich? Makroökonomische Folgen für Europa

Beitrag von RoswithaSpartStreng »

Ich muss an dieser Stelle eine andere Perspektive einbringen. Dass Deutschland fleißig spart und viel exportiert, wird nun also zum Problem erklärt. Das erscheint mir merkwürdig. Ein Unternehmen, das gut wirtschaftet, soll seine Leistung drosseln, damit die Nachbarn nicht schlecht dastehen? Das ist doch keine Lösung — das ist Nivellierung nach unten. Die Ursache der Probleme in Südeuropa lag doch nicht in Deutschlands Exportstärke, sondern in mangelnder Wettbewerbsfähigkeit, aufgeblähten Staatshaushalten und fehlenden Strukturreformen. Das sollte man nicht umdeuten.
Haushaltsheld_Heiko
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Re: Deutschlands Exportüberschuss — warum kritisieren EU und IWF das eigentlich? Makroökonomische Folgen für Europa

Beitrag von Haushaltsheld_Heiko »

@RoswithaSpartStreng ich kenn das Argument, aber ich glaub da wird Äpfel mit Birnen verglichen. Ein einzelnes Unternehmen und eine Volkswirtschaft funktionieren halt anders. Wenn alle Länder gleichzeitig Überschüsse anstreben — wer kauft dann bei wem? Irgendwer muss ja das Defizit haben, damit der andere den Überschuss machen kann. Das ist reine Buchhaltungslogik, kein politisches Statement. Ich bin Schichtleiter, kein Ökonom, aber das hab ich sogar ich kapiert. ?
GeldwertGerhard_BO
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Re: Deutschlands Exportüberschuss — warum kritisieren EU und IWF das eigentlich? Makroökonomische Folgen für Europa

Beitrag von GeldwertGerhard_BO »

Also ich sag mal so: ich hab in den 80ern in der Industrie gearbeitet, da war der Export auch schon das A und O. Damals hat noch niemand gemeckert, da gab's die DM und die hat sich eben angepasst. Das Problem ist doch der Euro selbst. Wir haben eine Währung für sehr unterschiedliche Volkswirtschaften. Das war von Anfang an eine politische Entscheidung, keine ökonomsiche. Und jetzt wundert man sich über Ungleichgewichte. Na sowas aber auch. Früher gab es Abwertungen, das hat die Sache geregelt. Heute geht das nicht mehr, also muss jemand anderes bluten.
WienerWanderer_AT
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Re: Deutschlands Exportüberschuss — warum kritisieren EU und IWF das eigentlich? Makroökonomische Folgen für Europa

Beitrag von WienerWanderer_AT »

@GeldwertGerhard_BO hat einen wichtigen Punkt. Als Berater, der viel mit deutschen und österreichischen Mittelständlern arbeitet, sehe ich das täglich: Die Exportstärke ist real und verdient. Aber der Mechanismus, der früher für Ausgleich gesorgt hat (Wechselkurs), fehlt. Was viele vergessen: Deutschlands Überschuss ist nicht nur gegenüber dem Euroraum, sondern auch gegenüber den USA, China usw. Insofern ist der Euro-Unterbewertungseffekt nur ein Teil der Geschichte. Die andere Seite ist tatsächlich die sehr hohe deutsche Sparquote — privat wie staatlich. Die Deutschen sparen viel und investieren relativ wenig im Inland. Das Kapital muss irgendwo hin. Und dann wundert man sich, dass es in irische Immobilien oder spanische Staatsanleihen floss... ?
KassensturzKarla
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Re: Deutschlands Exportüberschuss — warum kritisieren EU und IWF das eigentlich? Makroökonomische Folgen für Europa

Beitrag von KassensturzKarla »

okayy ich hab das jetzt dreimal gelesen und glaub ich habs halbwegs geschnallt ? also quasi: Deutschland verdient mega viel, gibt aber selbst wenig aus, das geld fließt dann raus in andere länder als kredite, die können sich das irgendwann nicht mehr leisten, knall. hab ich das richtig?? ? klingt fast wie wenn ich jeden monat sparen würde aber meinem nachbarn geld leihe damit er bei mir kauft lol
BausparkritikBernadette
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Re: Deutschlands Exportüberschuss — warum kritisieren EU und IWF das eigentlich? Makroökonomische Folgen für Europa

Beitrag von BausparkritikBernadette »

@KassensturzKarla Das Analogiemodell ist erstaunlich treffend, ja. Der Ökonom Keynes hätte das Prinzip goutiert — er schlug 1944 in Bretton Woods sogar vor, dass sowohl Überschuss- als auch Defizitländer zur Korrektur verpflichtet werden sollten. Durchgesetzt hat sich das nicht, die USA (damals selbst Überschussland) wollten das nicht. Heute steckt dieser Gedanke im MIP-Verfahren der EU, aber es sind letztlich weiche Instrumente ohne echten Sanktionsdruck.
Abgeltungssteuer_August
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Re: Deutschlands Exportüberschuss — warum kritisieren EU und IWF das eigentlich? Makroökonomische Folgen für Europa

Beitrag von Abgeltungssteuer_August »

Ich möchte eine steuerlich-fiskalische Ergänzung hinzufügen, die oft übersehen wird. Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss korrespondiert buchhalterisch zwingend mit einem Kapitalbilanzsaldo. Das bedeutet: Deutschland ist Nettogläubiger gegenüber dem Rest der Welt. Das klingt positiv, birgt aber erhebliche Risiken. Ein erheblicher Teil dieser Auslandsforderungen hat sich in der Finanzkrise 2008 und der Eurokrise 2010–2012 als wertlos oder risikobehaftet erwiesen — Stichwort Target2-Salden der Bundesbank, die mittlerweile über 1 Billion Euro betragen. Das ist letztlich Gläubigerrisiko, das auf den deutschen Steuerzahler durchschlagen kann. Die Frage ist also nicht nur: schadet der Überschuss anderen? Sondern auch: nützt er Deutschland wirklich so viel, wie suggeriert wird?
ImmoInvestorin_Inge
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Re: Deutschlands Exportüberschuss — warum kritisieren EU und IWF das eigentlich? Makroökonomische Folgen für Europa

Beitrag von ImmoInvestorin_Inge »

Interessanter Punkt von @Abgeltungssteuer_August. Die Target2-Salden sind tatsächlich ein heiß diskutiertes Thema — Hans-Werner Sinn hat das jahrelang als tickende Zeitbombe bezeichnet, andere Ökonomen widersprechen dem vehement. Was mich als Maklerin interessiert: der Überschuss hängt auch mit dem deutschen Immobilienmarkt zusammen. Jahrelang haben Deutsche kaum in Wohneigentum investiert (eine der niedrigsten Eigentumsquoten Europas), das Kapital floss stattdessen ins Ausland. Das hat zum Überschuss beigetragen und gleichzeitig den deutschen Immobilienmarkt lange künstlich gedämpft.
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