Warenkorb Statistisches Bundesamt: Wie wird der berechnet und bildet er die Realität wirklich ab?

Inflation, Zinsen, EZB, Geldpolitik, Konjunktur, Steuern allgemein
RürupRudolf
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Re: Warenkorb Statistisches Bundesamt: Wie wird der berechnet und bildet er die Realität wirklich ab?

Beitrag von RürupRudolf »

Ich möchte die Diskussion um einen steuerrechtlichen und wirtschaftspolitischen Gesichtspunkt erweitern. Die Inflationsrate ist nicht nur eine statistische Kennzahl — sie hat unmittelbare fiskalische Konsequenzen. Die kalte Progression im deutschen Einkommensteuerrecht bewirkt, dass nominale Lohnerhöhungen, die lediglich die Inflation ausgleichen, zu einer höheren Steuerlast führen. Der Gesetzgeber hat zwar Anpassungen des Grundfreibetrags und der Progressionskurve vorgenommen, aber nie vollständig kompensiert. Wenn die offizielle Inflationsrate niedriger ausgewiesen wird als die tatsächliche Kaufkraftminderung, hat das also direkte Auswirkungen auf die Steuerlast der Bürgerinnen und Bürger. Das ist kein Verschwörungsdenken, sondern ein systemischer Zusammenhang, auf den Fachkreise seit Jahrzehnten hinweisen. Empfehlenswert zur Vertiefung: die Jahresgutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, abrufbar unter www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de
WeltportfolioWilma
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Re: Warenkorb Statistisches Bundesamt: Wie wird der berechnet und bildet er die Realität wirklich ab?

Beitrag von WeltportfolioWilma »

Sehr informativer Thread. Als Controllerin arbeite ich täglich mit Preisindizes für Budgetplanungen, daher kenne ich die Grenzen dieser Kennzahlen gut. Zum ursprünglichen Satz des OP — ob man dem Warenkorb trauen kann — würde ich differenzieren: - Methodisch: Ja, das Verfahren ist solide, international vergleichbar und transparent dokumentiert. - Als persönliche Richtschnur: Nein, dafür ist er zu grob. Ein Single-Mieterhaushalt in Frankfurt hat eine völlig andere Realität als eine vierköpfige Familie im Eigenheim in Brandenburg. - Als Politikindikator: Bedingt — er zeigt Trends, unterschätzt aber systematisch die Belastung einkommensschwacher Gruppen. Für die eigene Finanzplanung empfehle ich, die persönliche Inflationsrate einmal im Jahr selbst zu berechnen. Einfach Ausgaben des laufenden Jahres mit Vorjahr vergleichen, aufgeteilt nach Kategorien. Das dauert vielleicht zwei Stunden in einer Tabelle — aber man weiß danach wo man wirklich steht. Wer ein Konto bei DKB, ING oder Comdirect hat, kann die Kategorisierungsfunktion im Online-Banking dafür nutzen.
KreditKritiker_Konrad
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Re: Warenkorb Statistisches Bundesamt: Wie wird der berechnet und bildet er die Realität wirklich ab?

Beitrag von KreditKritiker_Konrad »

Vielen Dank an alle — das hat mir wirklich weitergeholfen. Besonders die Erklärung mit der hedonischen Preisbereinigung (danke @Mod_Sabine_Spartipps) hatte ich noch nie so klar gelesen, das erklärt einiges. Den persönlichen Inflationsrechner auf der Destatis-Seite habe ich gleich ausprobiert — meine persönliche Rate liegt bei 5,1 Prozent, während offiziell etwa 2,8 gemeldet wurden. Liegt vor allem an der Miete und den Heizkosten, wenig überraschend. @RürupRudolf: Der Punkt mit der kalten Progression ist interessant und eigentlich schon wieder ein eigenes Thema wert. Dass die Statistik da indirekt reinspielt hatte ich so noch nicht gedacht. Fazit für mich: Der Warenkorb ist kein Betrug, aber er ist auch keine persönliche Wahrheit. Man sollte ihn als das nehmen was er ist — einen groben Durchschnitt. Für die eigene Planung muss man selbst ran.
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