Warenkorb Statistisches Bundesamt: Wie wird der berechnet und bildet er die Realität wirklich ab?
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KreditKritiker_Konrad
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Warenkorb Statistisches Bundesamt: Wie wird der berechnet und bildet er die Realität wirklich ab?
Hallo zusammen,
ich beschäftige mich seit ein paar Wochen mehr mit dem Thema Inflation, weil ich merke dass mein Geld am Monatsende immer weniger weit reicht. Jetzt lese ich überall die offizielle Inflationsrate vom Statistischen Bundesamt — zuletzt irgendwas um die 2 bis 3 Prozent — aber wenn ich an der Kasse stehe, fühlt sich das ganz anders an.
Also habe ich mich gefragt: Wie genau wird der sogenannte Warenkorb eigentlich zusammengestellt? Wer entscheidet, was da reinkommt und was nicht? Und vor allem — wie oft wird der aktualisiert?
Ich habe gelesen dass der Warenkorb rund 650 Güter und Dienstleistungen umfasst, aufgeteilt in verschiedene Kategorien. Aber zum Beispiel Miete: Die ist bei mir in den letzten 5 Jahren um fast 30 Prozent gestiegen. Wie kann es da sein, dass die Gesamtinflation so niedrig aussieht?
Gibt es vielleicht einen persönlichen Inflationsrechner vom Statistischen Bundesamt selbst, den man mit den eigenen Ausgaben befüllen kann? Das wäre zumindest ehrlicher als eine Durchschnittszahl die für niemanden wirklich stimmt.
Würde mich freuen wenn jemand der das besser durchblickt ein bisschen Licht ins Dunkel bringt. Kann man dem Warenkorb grundsätzlich trauen oder ist das alles irgendwie politisch gefärbt?
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Quellensteuer_Quentin
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Re: Warenkorb Statistisches Bundesamt: Wie wird der berechnet und bildet er die Realität wirklich ab?
Gute Frage, da kann ich ein bisschen was zu sagen.
Das Statistische Bundesamt (Destatis) verwendet für die Berechnung des Verbraucherpreisindex (VPI) tatsächlich einen Warenkorb mit rund 650 Gütern und Dienstleistungen. Diese werden in 12 Hauptkategorien eingeteilt — Wohnen und Energie macht dabei mit ca. 32 Prozent die größte Gewichtung aus, gefolgt von Verkehr (~13%) und Nahrungsmitteln (~10%).
Wichtig zu verstehen: Die Gewichtungen basieren auf der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS), die alle fünf Jahre erhoben wird. Das heißt, der Warenkorb spiegelt das Durchschnittsausgabeverhalten von Privathaushalten in Deutschland wider — nicht dein persönliches.
Zuletzt wurde der Warenkorb 2020 grundlegend überarbeitet (Basisjahr 2020). Kleinere Anpassungen gibt es jährlich.
Und ja, den persönlichen Inflationsrechner gibt es wirklich auf der Destatis-Website: www.destatis.de — einfach nach 'Persönlicher Inflationsrechner' suchen. Da kannst du deine eigene Ausgabenstruktur eingeben und bekommst eine individuellere Rate.
Von politischer Manipulation würde ich nicht sprechen — aber es ist eine statistische Durchschnittsgröße, die naturgemäß nicht jeden trifft.
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Lagerist_Lars_Invest
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Re: Warenkorb Statistisches Bundesamt: Wie wird der berechnet und bildet er die Realität wirklich ab?
Alter, ich hab den persönlichen Inflationsrechner mal ausprobiert und meine Rate lag bei 6,8% während offizielle 3,2% gemeldet wurden ? Sagt eigentlich alles oder?
Liegt halt daran dass ich Single bin, zur Miete wohne in München und kaum Auto fahre. Der 'Durchschnittshaushalt' ist halt ein Ehepaar mit Eigenheim auf dem Land — ich kenn den nicht persönlich lol ?
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NachzahlerNadja
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Re: Warenkorb Statistisches Bundesamt: Wie wird der berechnet und bildet er die Realität wirklich ab?
>> @Quellensteuer_Quentin schrieb: Von politischer Manipulation würde ich nicht sprechen — aber es ist eine statistische Durchschnittsgröße...
Das möchte ich unterstreichen. Die Methodik des Statistischen Bundesamts ist transparent und entspricht den Eurostat-Standards, die EU-weit gelten. Man kann die Berechnungsgrundlagen vollständig einsehen — das ist keine Black Box.
Was viele nicht wissen: Es gibt neben dem VPI auch den Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI), der für den EU-weiten Vergleich genutzt wird und leicht abweichen kann. Außerdem gibt es Sonderindizes, z.B. für Rentner-Haushalte oder Geringverdiener.
Das eigentliche Problem ist nicht Manipulation, sondern das Konzept selbst: Ein Durchschnitt bildet Extremlagen — hohe Mieten in Großstädten, gestiegene Energiekosten für schlecht isolierte Wohnungen — zwangsläufig schlechter ab. Das ist methodisch bedingt, nicht böswillig.
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Mod_Sabine_Spartipps
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Re: Warenkorb Statistisches Bundesamt: Wie wird der berechnet und bildet er die Realität wirklich ab?
Schöner Thread, genau solche Grundlagendiskussionen brauchen wir hier öfter. ?
Ich ergänze mal ein paar praktische Aspekte: Der Warenkorb enthält auch sogenannte hedonische Preisbereinigungen. Das klingt kompliziert, bedeutet aber: Wenn ein Laptop heute 800 Euro kostet, aber viel leistungsfähiger ist als ein Laptop von vor fünf Jahren für denselben Preis, dann wird das in der Statistik als Preissenkung gewertet — auch wenn du trotzdem 800 Euro ausgibst.
Das ist methodisch vertretbar, fühlt sich aber für den Käufer natürlich nicht nach Verbilligung an. Solche Effekte dämpfen die ausgewiesene Inflation systematisch in bestimmten Kategorien (vor allem Elektronik, Telekommunikation).
Für alle die tiefer einsteigen wollen: Destatis veröffentlicht die komplette Methodik als PDF, Stichwort 'Qualitätsbereinigung VPI'. Lesestoff für einen Regennachmittag — aber aufschlussreich.
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Mietwahnsinn_Moni
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Re: Warenkorb Statistisches Bundesamt: Wie wird der berechnet und bildet er die Realität wirklich ab?
Ok aber mal ehrlich — meine Miete ist seit 2019 von 780 auf 1.140 Euro gestiegen (gleiche Wohnung, selbe Stadt), das sind fast 46% in 5 Jahren ? Und dann sagen die mir die Inflation war durchschnittlich 4% oder so?? Das ist doch zum Lachen.
Ich versteh schon dass das ein Durchschnitt ist aber der Durchschnitt hilft mir halt nix wenn ich jeden Monat schauue wo ich das Geld herbekomm. Als Pflegerin verdiene ich kein Vermögen und die Lohnerhöhungen kamen nie so schnell wie die Miete.
Und die Eigenheimbesitzer im Warenkorb zahlen halt ihre eigene Bude ab, die Mietkosten treffen die anders ?
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Doppeldeckerhorst
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Re: Warenkorb Statistisches Bundesamt: Wie wird der berechnet und bildet er die Realität wirklich ab?
Ich fahr seit 25 Jahren Bus und kann sagen: Dieselpreise, Reifenkosten, Werkstatt — das ist alles explodiert. Im Warenkorb ist Verkehr mit 13% drin, klingt viel. Aber wer mehr fährt als der Durchschnitt, den trifft das natürlich härter.
Mein Kumpel sagt immer: 'Statistik ist wenn man den Kopf im Ofen und die Füße im Gefrierfach hat und im Durchschnitt 37 Grad warm ist.' Passt irgendwie. ?
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Azubi_Andi_2022
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Re: Warenkorb Statistisches Bundesamt: Wie wird der berechnet und bildet er die Realität wirklich ab?
lol ich hab ehrlich gesagt null plan wer diesen warenkorb checkt aber ich merk nur dass mein ausbildungsgehalt (880€ brutto lol ?) hinten und vorne nicht reicht. ob das jetzt 2% oder 8% inflation ist spielt für mich keine rolle mehr, ich bin eh am limit ??
aber der link von @Quellensteuer_Quentin klingt interessant, probier ich mal aus wenns mich noch deprimierender macht als jetzt schon ?
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ZinsjaegerPro
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Re: Warenkorb Statistisches Bundesamt: Wie wird der berechnet und bildet er die Realität wirklich ab?
Ich möchte einen Aspekt ergänzen, der in dieser Diskussion noch fehlt: die Substitutionsverzerrung.
Der klassische Laspeyres-Index, den das Statistische Bundesamt verwendet, misst Preisveränderungen eines fixen Warenkorbs. In der Realität weichen Verbraucher aber auf günstigere Alternativen aus, wenn Preise steigen — der Warenkorb bildet dieses Verhalten mit Verzögerung ab. Das führt dazu, dass die gemessene Inflation tendenziell etwas höher ausfällt als die tatsächlich erlebte Wohlstandseinbuße — zumindest in der Theorie.
Praktisch ist es komplexer, weil die Substitution auch Qualitätsverluste bedeuten kann. Wer von Markenware auf No-Name wechselt, spart nominell, hat aber nicht dieselbe Leistung.
Fazit: Die offizielle Rate ist kein Betrug, aber ein vereinfachtes Modell mit bekannten Schwächen. Für persönliche Finanzplanung sollte man immer die eigene Ausgabenstruktur analysieren.
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Schuldencoach_Susanna
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Re: Warenkorb Statistisches Bundesamt: Wie wird der berechnet und bildet er die Realität wirklich ab?
>> @Mietwahnsinn_Moni schrieb: Als Pflegerin verdiene ich kein Vermögen und die Lohnerhöhungen kamen nie so schnell wie die Miete.
Das ist leider für viele meiner Klientinnen und Klienten der Alltag. Ich arbeite in der Schuldnerberatung und sehe täglich, wie die gefühlte Inflation für Haushalte mit niedrigem Einkommen weit über der offiziellen liegt.
Der Grund ist strukturell: Einkommensschwache Haushalte geben einen viel höheren Anteil ihres Budgets für Grundbedarfsgüter aus — Miete, Energie, Lebensmittel. Genau diese Kategorien sind seit 2021 überproportional gestiegen. Ein Haushalt mit hohem Einkommen der viel für Urlaub oder Elektronik ausgibt, dessen persönliche Inflationsrate war deutlich niedriger.
Das ist kein Versagen der Statistik, sondern ein reales Verteilungsproblem. Die Statistik bildet es nur nicht sichtbar genug ab.