Thesaurierend oder ausschüttend — ich verstehe den Steuervorteil immer noch nicht wirklich
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Nettolohn_Nadine_B
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- Registriert: Mo Mai 01, 2023 10:00 pm
Thesaurierend oder ausschüttend — ich verstehe den Steuervorteil immer noch nicht wirklich
Hallo zusammen ?
Ich investiere seit etwa einem Jahr per Sparplan und habe mich jetzt endlich gefragt, ob ich eigentlich den richtigen ETF-Typ halte. Ich habe gefühlt zehn Artikel gelesen — und trotzdem blicke ich nicht wirklich durch, wann genau ein thesaurierender ETF steuerlich besser ist als ein ausschüttender.
Was ich glaube verstanden zu haben:
- Thesaurierend = Dividenden/Erträge werden direkt wieder angelegt, kein Geld fließt aufs Konto
- Ausschüttend = Erträge kommen aufs Konto, man muss sie dann selbst versteuern oder reinvestieren
- Irgendwas mit Vorabpauschale gibt es beim thesaurierenden auch, das macht mich komplett kirre
Was ich überhaupt nicht verstehe: Ab wann macht der Thesaurierer wirklich einen Unterschied? Ich habe gelesen, solange man den Sparerpauschbetrag (1.000 Euro für Singles) nicht ausschöpft, ist es eigentlich egal. Stimmt das? Und was passiert, wenn das Depot größer wird — kippt das dann?
Ich habe aktuell ca. 8.000 Euro im Depot, Sparplan 150 Euro/Monat, alles in einem MSCI World ETF bei Trade Republic. Einkommen so im Mittelfeld, Steuerklasse 1.
Könnt ihr das mal ohne Steuerberater-Latein erklären? ?
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AzubiAndreas_Dortmund
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Re: Thesaurierend oder ausschüttend — ich verstehe den Steuervorteil immer noch nicht wirklich
ok ich versuchs mal ganz simpel weil ich das selbst erst kürzlich gecheckt hab ?
Stell dir vor dein ETF verdient 50€ Dividende. Ausschüttend: die landen auf deinem Konto, Broker zieht Steuer ab (25% + Soli). Thesaurierend: die 50€ bleiben drin und kaufen automatisch mehr Anteile. Steuer fällt trotzdem an — aber erst beim Verkauf (oder eben über die Vorabpauschale, die ist aber meistens viel kleiner).
Der Vorteil: der Zinseszins läuft auf dem vollen Betrag weiter, nicht auf dem Betrag minus Steuer. Klingt klein, ist über 20 Jahre aber echt nicht wenig lol ?
Bei 8k Depot biste aber ehrlich gesagt noch im „macht kaum Unterschied"-Bereich imo
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HannahHaushaltet
- Beiträge: 15
- Registriert: So Jan 16, 2022 11:00 pm
Re: Thesaurierend oder ausschüttend — ich verstehe den Steuervorteil immer noch nicht wirklich
@Nettolohn_Nadine_B Ich erkläre das mal etwas strukturierter, weil ich das selbst lange nicht kapiert hatte ?
Das Grundprinzip: Beim ausschüttenden ETF bekommst du z.B. 200€ Ausschüttung. Dein Broker zieht sofort 25% Kapitalertragsteuer + Soli ab — also ca. 52€ Steuern gehen weg. Du reinvestierst dann nur 148€. Beim thesaurierenden bleibt der volle Betrag investiert.
Die Vorabpauschale (das kirre Ding): Auch beim Thesaurierer verlangt der Staat jährlich eine kleine Steuer — aber die ist in Niedrigzinsphasen fast null und aktuell auch sehr überschaubar. Sie ist immer kleiner als die echte Ausschüttungssteuer.
Der Knackpunkt mit dem Pauschbetrag: Du hast Recht — solange deine Erträge unter 1.000€ bleiben (dein Freistellungsauftrag), ist der Unterschied minimal. Bei 8.000€ Depot und ca. 2% Ausschüttungsrendite wären das 160€ — locker drin. Erst wenn du deutlich über 40.000–50.000€ Depot kommst, knabberst du an der Grenze.
Für dich jetzt konkret: entspann dich, der Unterschied ist bei deiner Depotgröße vernachlässigbar. Freistellungsauftrag setzen nicht vergessen! ?
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Zinsoptimist77
- Beiträge: 16
- Registriert: So Nov 08, 2020 11:00 pm
Re: Thesaurierend oder ausschüttend — ich verstehe den Steuervorteil immer noch nicht wirklich
HannahHaushaltet hat das gut zusammengefasst. Ich ergänze kurz die Zahlen für den Schwellenwert:
Bei einer angenommenen Ausschüttungsrendite von 2% p.a. erreichst du den Sparerpauschbetrag von 1.000€ bei einem Depotvolumen von ca. 50.000€. Erst ab diesem Punkt fangen ausschüttende ETFs an, dich tatsächlich Geld zu kosten, weil jeder Euro Ausschüttung über dieser Grenze sofort mit ~26,375% besteuert wird.
Beim Thesaurierer hingegen bleibt alles erstmal steuerfrei thesauriert, du zahlst nur die (geringere) Vorabpauschale — und die Endsteuer fällt erst beim Verkauf an. Das bedeutet: die Steuer, die du heute nicht zahlst, arbeitet weiter für dich. Das ist der eigentliche Compounding-Vorteil.
Bei 8.000€ Depot: kein nennenswerter Unterschied. Trotzdem ist es sinnvoll, gleich den richtigen Typ zu wählen, damit man später nicht wechseln muss (Verkauf = steuerpflichtiges Ereignis).
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Schuldenfrei_Schorsch
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Re: Thesaurierend oder ausschüttend — ich verstehe den Steuervorteil immer noch nicht wirklich
Ich sag mal so: ich hab jahrelang ausschüttende genommen weil ich dachte, Geld aufs Konto = gut. War halt Blödsinn. ?
Der echte Nachteil beim Ausschüttenden ist nicht mal die Steuer allein — es ist die Disziplin. Die 200€ Ausschüttung kommen aufs Konto und man denkt „ach, einmal kurz was kaufen schadet nicht". Beim Thesaurierer ist das Geld weg, investiert, basta. Hält einen ehrlich.
Jetzt hab ich beides. Ausschüttenden für die ersten 1000€ Freibetrag ausschöpfen, Rest thesaurierend. Manche machen das so.
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NettorenditeNicolas
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- Registriert: Mi Feb 03, 2021 11:00 pm
Re: Thesaurierend oder ausschüttend — ich verstehe den Steuervorteil immer noch nicht wirklich
Ich möchte eine Präzisierung einbringen, die in dieser Diskussion noch fehlt.
Die Vorabpauschale funktioniert folgendermaßen: Sie basiert auf dem sogenannten Basiszins der Deutschen Bundesbank, multipliziert mit 70% (dem Basiszins-Faktor) und dann auf den Fondswert zu Jahresbeginn angewandt. Für 2024 betrug der Basiszins 2,29%, also 0,7 × 2,29% = 1,603% als Basisertrag. Bei 8.000€ Depotvolumen wären das ca. 128€ Vorabpauschale — davon 30% steuerfrei bei Aktien-ETFs (Teilfreistellung), also ca. 90€ steuerpflichtig. Steuer darauf: ca. 23€.
Diese 23€ werden automatisch vom Verrechnungskonto abgebucht, üblicherweise Anfang Januar. Wer keinen ausreichenden Freistellungsauftrag gesetzt hat oder kein Guthaben auf dem Verrechnungskonto hat, erlebt eine böse Überraschung.
Die Schlussfolgerung bleibt dieselbe wie oben: Bei Ihrer Depotgröße ist der Effekt marginal. Relevant wird die Wahl erst im fünfstelligen Bereich.
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RentnerInRente_Hedwig
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- Registriert: Mi Mär 24, 2021 11:00 pm
Re: Thesaurierend oder ausschüttend — ich verstehe den Steuervorteil immer noch nicht wirklich
Guten Tag,
ich lese hier mit und möchte aus der Perspektive einer älteren Anlegerin etwas hinzufügen, was die Jüngeren vielleicht noch nicht bedenken.
In der Ansparphase — also wenn man noch Jahrzehnte Zeit hat — mag der Thesaurierer sinnvoll klingen. Aber irgendwann möchte man das Geld auch ausgeben. Und dann stellt man fest: beim Thesaurierer sind alle aufgelaufenen Gewinne beim Verkauf auf einmal steuerpflichtig. Das kann je nach Volumen und Zeitpunkt erheblich sein.
Ein ausschüttender ETF hingegen versteuert die Erträge häppchenweise über die Jahre — und wenn man im Rentenalter ein niedrigeres Einkommen hat, zahlt man womöglich weniger Steuern als gedacht, weil man dann unter dem Grundfreibetrag liegen kann. Das ist ein Aspekt, den viele vergessen.
Ich sage nicht, welcher besser ist. Nur: die Entnahmephase gehört zur Planung dazu.
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ImmoRenten_Irene_S
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- Registriert: Mi Jul 29, 2020 10:00 pm
Re: Thesaurierend oder ausschüttend — ich verstehe den Steuervorteil immer noch nicht wirklich
@RentnerInRente_Hedwig Guter Punkt, den ich unterschreibe. Ergänzend dazu: viele vergessen, dass man beim Thesaurierer in der Entnahme nicht einfach „Dividende leben" kann — man muss aktiv Anteile verkaufen. Das klingt simpel, erfordert aber Planung und Disziplin, gerade wenn die Märkte gerade schlecht laufen. Sequence-of-Returns-Risiko nennt sich das.
Für die Ansparphase von Nettolohn_Nadine_B spielt das noch keine Rolle. Aber es lohnt sich, das schon früh im Hinterkopf zu behalten.
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RenditeRosalie
- Beiträge: 15
- Registriert: So Okt 09, 2022 10:00 pm
Re: Thesaurierend oder ausschüttend — ich verstehe den Steuervorteil immer noch nicht wirklich
Ich finde die Diskussion hier super, aber ich glaube was Nadine wirklich hilft ist eine ganz konkrete Antwort auf ihre Situation ?
Du, 8.000€ Depot, 150€/Monat, Steuerklasse 1:
- Freistellungsauftrag bei Trade Republic auf 1.000€ setzen — falls noch nicht gemacht, sofort tun!
- Bei deiner Depotgröße sind die steuerlichen Unterschiede zwischen thesaurierend und ausschüttend buchstäblich im einstelligen Euro-Bereich pro Jahr
- Thesaurierend ist trotzdem die bequemere Wahl: kein Reinvestitions-Aufwand, alles läuft automatisch
- Erst bei ca. 40.000–50.000€+ wird die Entscheidung spürbar relevant
Kurz: Du machst mit einem thesaurierenden MSCI World alles richtig. Weitermachen ?
Und falls du irgendwann mehr Details willst: auf finanztip.de gibt es einen guten Artikel zur Vorabpauschale, der ist verständlich geschrieben.
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VermögenswirbelWinfried
- Beiträge: 10
- Registriert: Di Aug 25, 2020 10:00 pm
Re: Thesaurierend oder ausschüttend — ich verstehe den Steuervorteil immer noch nicht wirklich
Ich will kurz eine andere Perspektive einwerfen: Der Steuervorteil des Thesaurierers wird im Internet manchmal etwas aufgebauscht.
Ja, der Zinseszinseffekt auf die nicht abgeführte Steuer ist real. Aber er ist kleiner als viele denken — weil die Vorabpauschale eben nicht null ist, sondern eine Art jährliche Steuervorauszahlung darstellt. Der „Steuerstundungseffekt" ist also kein vollständiger Aufschub, sondern ein teilweiser.
Außerdem: wer seinen Freistellungsauftrag nicht voll ausschöpft, verschenkt Geld. In diesem Fall ist ein ausschüttender ETF bis zur 1.000€-Grenze steuerlich sogar besser, weil die Ausschüttungen komplett steuerfrei kassiert werden können. Das übersehen viele.
Also: Theorie schön und gut, aber die eigene Situation zählt mehr als Pauschalaussagen.