Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
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Schuldencoach_Susanna
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Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
Ich arbeite täglich mit Menschen, die in privater Überschuldung stecken, und deshalb habe ich einen vielleicht ungewöhnlichen Blick auf das Thema: Schulden können destruktiv sein oder konstruktiv — je nachdem, wofür sie eingesetzt werden.
Im privaten Bereich sage ich meinen Klienten: Schulden für Konsum sind ein Problem. Schulden für eine Ausbildung oder eine Immobilie mit positiver Rendite können sinnvoll sein. Genau diese Logik fehlt der Schuldenbremse.
Was die Fachdebatte angeht: Das Wirtschaftspolitische Institut der Hans-Böckler-Stiftung (IMK) hat mehrfach detaillierte Reformvorschläge veröffentlicht. Die sind nicht immer unparteiisch, aber methodisch solide. Lohnt sich, mal reinzulesen — einfach „IMK Schuldenbremse Reform" suchen.
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ETF_Enthusiast_Erik
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Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
Ich find's interessant, dass in dieser Diskussion bisher kaum jemand das Argument der intergenerationalen Gerechtigkeit von der anderen Seite beleuchtet hat.
Die klassische Begründung für die Schuldenbremse ist: Wir sollen nicht auf Kosten künftiger Generationen leben. Fair. Aber: Wenn wir jetzt nicht in Infrastruktur, Bildung und Klimaschutz investieren, überlassen wir der nächsten Generation marode Brücken, schlechte Schulen und eine Klimarechnung, die um Größenordnungen teurer sein wird als die heutigen Investitionskosten.
Das ist das Kernargument von Ökonomen wie Isabella Weber oder auch Teilen des Sachverständigenrats: Intergenerationale Gerechtigkeit kann für Investitionsschulden sprechen, nicht nur dagegen. Das dreht die politische Rhetorik um 180 Grad.
Ob man Weber's andere Positionen teilt oder nicht — dieses spezifische Argument ist logisch kohärent und wird in der Fachliteratur ernsthaft diskutiert.
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SteuerSparSebastian
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Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
Gestatten Sie mir eine etwas technischere Ergänzung zur rechtlichen und fiskalischen Konstruktion.
Die Schuldenbremse gemäß Art. 115 GG erlaubt strukturelle Nettokreditaufnahme von maximal 0,35 % des BIP — das sind bei aktuellem BIP ca. 13 bis 14 Mrd. Euro jährlich. Konjunkturkomponente und Ausnahmetatbestände kommen noch dazu. Das klingt nach Spielraum, ist aber angesichts der identifizierten Investitionslücken — KfW schätzt über 600 Mrd. Euro für kommunale Infrastruktur allein — strukturell unzureichend.
Der Reformvorschlag, der in der Fachdiskussion am breitesten unterstützt wird, ist eine sogenannte goldene Regel: Nettoinvestitionen des Staates dürfen kreditfinanziert werden, laufende Ausgaben nicht. Das entspricht im Übrigen exakt dem, was Unternehmen und Privathaushalte als vernünftig betrachten würden. Das Hauptproblem liegt in der sauberen Definition von „Investition" — hier besteht tatsächlich Manipulationspotenzial, wie @EinzelaktienEgon zutreffend angemerkt hat.
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KassensturzKarla
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Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
okay ich versuch mal kurz zu fassen was ich hier mitnehme ?
also: die meisten ökonomen sagen reformieren, die politik kann's nicht weil grundgesetz, und die hauptstreitfrage ist eigentlich wie man „investition" sauber definiert damit's nicht missbraucht wird?
hab ich das richtig? weil wenn ja, dann klingt das eigentlich lösbar?? warum ist das dann so festgefahren lol ?
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NachzahlerNadja
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Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
>> @KassensturzKarla schrieb:
warum ist das dann so festgefahren
Weil es eben nicht nur ein technisches Problem ist. Die FDP hat die Schuldenbremse zur Koalitionsbedingung gemacht. Die CDU/CSU hat sie unter Merkel eingeführt und sieht sie als Markenkern. Das sind handfeste parteipolitische Interessen, die mit ökonomischen Argumenten allein nicht aufgelöst werden.
Und selbst wenn man reformieren wollte: Welche Partei will sich hinstellen und sagen „wir haben das Grundgesetz gelockert um Schulden zu machen"? Das ist kommunikativ fast unmöglich in Deutschland, wo die Schuldenbremse in der Bevölkerung breite Zustimmung hat — unabhängig davon, was Ökonomen sagen.
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NachhaltigNadine
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Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
Ich möchte noch einen Aspekt einbringen, der in dieser Diskussion fehlt: die Klimadimension. ?
Das Bundesverfassungsgericht hat 2021 im Klimabeschluss festgestellt, dass der Staat verpflichtet ist, ausreichend für den Klimaschutz zu sorgen. Das schafft potenziell eine verfassungsrechtliche Spannung: Schuldenbremse auf der einen Seite, Klimaschutzpflicht auf der anderen.
Einige Rechtswissenschaftler argumentieren, dass ein Teil der notwendigen Klimaschutzinvestitionen — Energienetz, Gebäudesanierung, ÖPNV — ohnehin als verfassungsrechtliche Pflichtaufgabe einzustufen sein könnte, die durch die Schuldenbremse nicht blockiert werden darf. Das ist noch nicht höchstrichterlich geklärt, aber es ist ein ernsthafter juristischer Diskussionsstrang.
Ökonomisch ist jedenfalls klar: Die Kosten des Nicht-Handelns beim Klima übersteigen bei weitem die Kosten sinnvoller Investitionsschulden heute. Das haben u.a. Stern und Nordhaus (trotz unterschiedlicher Diskontierungsannahmen) beide so beschrieben.
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VeronikaSpartKlug
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Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
Ich arbeite als Controllerin und schaue mir das aus einer Unternehmensbrille an. In keinem seriösen Unternehmen würde man Investitions- und Betriebsausgaben in einem Topf behandeln. Das ist schlicht schlechtes Rechnungswesen.
Was mich außerdem stört: Die Debatte wird oft so geführt, als wären mehr Schulden das einzige Mittel. Aber es gibt noch andere Stellschrauben: Steuereinnahmen erhöhen (z.B. Kapitalertragsteuer, Erbschaftssteuer), Subventionen abbauen (laut Bundesrechnungshof ca. 65 Mrd. Euro jährlich an fragwürdigen Subventionen), Effizienz in der Verwaltung verbessern.
Die Schuldenbremse reformieren und gleichzeitig die Ausgabenstruktur bereinigen — das wäre meiner Einschätzung nach der vollständige Ansatz. Nur über die Einnahmeseite zu reden und die Ausgabenstruktur zu ignorieren ist zu kurz gedacht.
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NachtsparNorbert
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- Registriert: Mo Aug 10, 2020 10:00 pm
Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
Ich mach Schichtarbeit in der Chemieindustrie und zahle ordentlich Steuern. Mich kotzt's ehrlich gesagt an, wenn ich höre „der Staat muss mehr ausgeben können" — weil ich die Erfahrung gemacht hab, dass das Geld selten bei denen ankommt, die's brauchen.
Aber ich geb zu: das Argument von @Frührentner_Franz hat gesessen. Wenn die Brücken kaputtgehen, weil kein Geld für Erhalt da war, dann zahlen wir am Ende mehr. Das hab ich selbst gesehen — Werksgelände, schlechte Straßen, Umwege, Kosten.
Ich bin kein Ökonom. Aber Reform mit klaren Regeln für echte Investitionen — da kann ich mitgehen. Blankocheck für den Staat — nein danke. ?
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HaushaltsHeinrich
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- Registriert: So Apr 11, 2021 10:00 pm
Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
guter thread, hab viel gelernt heute ?
mein fazit als normaler typ: die schuldenbremse so wie sie ist, ist wohl wirklich zu simpel gestrickt. aber einfach abschaffen wäre auch blöd. irgendwas in der mitte mit klaren regeln klingt vernünftig.
was mich wundert: wieso diskutieren wir das in einem finanzforum und nicht die da oben im bundestag? ach ja, stimmt, weil da wahlen vor der tür stehen und keiner will der böse schulden-typ sein ?
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GiroGuru_Gino
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Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
Leute, ich bin beeindruckt — das ist genau die Art Diskussion, die ich gesucht hab! ?
Mein persönliches Fazit aus dem Thread:
- Fachdebatte tendiert klar Richtung Reform, nicht Abschaffung
- Goldene Regel als Kompromissmodell hat breite Unterstützung
- Hauptproblem: Definition von „Investition" und politische Anreize zur Umgehung
- Politisch blockiert durch Verfassungshürde und Parteiinteressen
- Intergenerationale Gerechtigkeit kann paradoxerweise für Investitionsschulden sprechen
@SteuerSparSebastian und @Altersvorsorge_Agatha — danke für die technischen Details, die hab ich so noch nicht zusammengefasst gesehen.
@EinzelaktienEgon dein Einwand bleibt hängen. Das politökonomische Argument ist real und wird in der Fachdebatte tatsächlich auch von Reformbefürwortern anerkannt — die Frage ist, ob man deswegen gar nichts macht oder ob man robuste institutionelle Sicherungen einbaut.
Ich werd mir auf jeden Fall mal die IMK-Papiere anschauen die @Schuldencoach_Susanna erwähnt hat. Und vielleicht schreib ich dazu mal was für unsere interne Fortbildung bei der Bank. ?