Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
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GiroGuru_Gino
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Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
Moin zusammen,
ich arbeite im Bankbereich und die Schuldenbremse ist gerade wieder überall Thema — Koalitionsverhandlungen, Infrastruktur, Rüstung, alles prallt da drauf. Aber ich merke, dass die politische Debatte und die ökonomische Fachdebatte irgendwie zwei verschiedene Welten sind. ?
Also meine echte Frage: Was sagen Ökonomen tatsächlich dazu? Ich meine nicht den Stammtisch-Reflex „Schulden = böse" oder den Gegenpol „Einfach Geld drucken lol". Ich meine die handfesten Argumente aus der Volkswirtschaftslehre.
Was ich bisher mitgenommen habe:
- Viele Institutionen (IMF, OECD, diverse Wirtschaftsweisen) sagen, Deutschland investiert zu wenig — Stichwort Investitionslücke von ca. 600 Mrd. Euro laut KfW-Schätzung.
- Andererseits gibt es das Argument, die Bremse schafft Vertrauen bei Anlegern und hält Zinsen niedrig.
- Die goldene Regel (Investitionen dürfen kreditfinanziert sein) wird oft als Kompromissmodell genannt.
Aber ich bin kein Ökonom. Gibt es hier Leute, die sich damit tiefer beschäftigt haben? Was sind eure Einschätzungen — auch gerne kritisch! ?
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NachzahlerNadja
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Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
Gute Frage, Gino. Ich beschäftige mich beruflich zwar eher mit Steuerrecht als mit Makroökonomie, aber ich lese da schon eine Menge quer.
Der aktuelle Stand in der Fachdebatte ist eigentlich erstaunlich eindeutig: Eine klare Mehrheit der deutschen Ökonomen spricht sich für eine Reform aus — nicht für eine Abschaffung, aber für eine Anpassung. Das DIW, das IMK und auch Teile des Sachverständigenrats haben das mehrfach formuliert. Selbst der IWF hat Deutschland 2023 explizit empfohlen, den fiskalischen Spielraum für Investitionen zu erweitern.
Das Gegenargument kommt vor allem von Ökonomen der ordoliberalen Schule — Stichwort: Freiburger Schule, ifo-Institut unter Fuest. Die argumentieren, sobald man Ausnahmen einbaut, wird die Bremse politisch ausgehöhlt. Das ist kein dummes Argument, denn man sieht es ja: Sondervermögen werden als Workaround genutzt, was die Transparenz nicht gerade erhöht.
Die goldene Regel, die du nennst, ist tatsächlich das meistdiskutierte Reformmodell. Frankreich, UK, Schweden — viele Länder haben sowas. Deutschland ist mit seiner strikten Formulierung in Europa ziemlich allein.
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MieteOderKauf_Moritz
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Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
Das ifo-Institut ist btw nicht so monolithisch wie manchmal dargestellt. Fuest selbst hat zuletzt gesagt, für Verteidigungsausgaben könnte er sich Ausnahmen vorstellen. Das ist für jemanden aus der klassischen ordoliberalen Ecke schon ziemlich viel. ?
Was mich an der Debatte nervt: Die meisten Argumente für die Schuldenbremse klingen in der Theorie super, aber ignorieren komplett, dass Deutschland seit 2009 seine Infrastruktur systematisch hat verrotten lassen. Brücken, Bahn, Schulen, Glasfaser. Das sind keine ideologischen Projekte, das ist greifbares Versagen.
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Frührentner_Franz
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Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
Ich war lange im öffentlichen Dienst tätig und habe miterlebt, wie Haushaltskonsolidierung in der Praxis aussieht. Man kürzt immer zuerst bei Investitionen, nie bei laufenden Kosten — denn Personalkosten sind politisch kaum antastbar, Baumaßnahmen schon.
Das ist das strukturelle Problem, das viele Ökonomen beschreiben: Die Schuldenbremse in ihrer jetzigen Form unterscheidet nicht zwischen konsumtiven Ausgaben und Investitionen. Ein Kredit für eine neue Bundesautobahn wird genauso behandelt wie ein Kredit zum Stopfen eines laufenden Defizits. Das ist betriebswirtschaftlich schlicht unsinnig — kein Unternehmen würde so kalkulieren.
Ich bin kein Freund leichtfertiger Verschuldung. Aber die aktuelle Regelung zwingt den Staat dazu, Investitionen zu opfern, die langfristig Rendite erwirtschaften würden. Das ist keine solide Haushaltspolitik, das ist Raubbau an der Zukunft.
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WenigerIstMehr_Willi
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Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
Franz hat recht, aber ich formulier's direkter: Wir reparieren seit Jahren keine Kitas, damit die Schuldenbremse auf dem Papier grün leuchtet. Und dann wundern sich alle, warum der Fachkräftemangel explodiert. ?
Ich arbeite in nem Kindergarten, wir haben seit 4 Jahren dieselbe kaputte Heizung. Kommunale Finanznot, Schuldenbremse zieht sich durch alle Ebenen durch. Theorie schön und gut, aber irgendwann trifft das reale Menschen.
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Altersvorsorge_Agatha
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- Registriert: Mo Mai 24, 2021 10:00 pm
Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
Ich unterrichte Wirtschaft am Gymnasium und versuche meinen Schülern genau diese Debatte näherzubringen, weil sie exemplarisch zeigt, wie schwierig ökonomischer Konsens ist.
Zum Forschungsstand: Es gibt tatsächlich eine relativ breite empirische Literatur, die zeigt, dass öffentliche Investitionen — insbesondere in Infrastruktur und Bildung — einen positiven Multiplikatoreffekt haben. Die viel zitierten Studien von Blanchard und Leigh (2013) haben gezeigt, dass dieser Effekt in Niedrigzinsphasen besonders stark ist. Bei Nullzinsen oder negativen Realzinsen, wie wir sie lange hatten, war Kreditfinanzierung von Investitionen sogar kostenneutral oder günstiger als Nicht-Investition.
Jetzt sind die Zinsen wieder gestiegen, was das Argument etwas abschwächt — aber die strukturelle Investitionslücke bleibt bestehen. Das ist der Kern, den man nicht wegdiskutieren kann.
Die Gegenseite argumentiert mit dem Ricardianischen Äquivalenztheorem: Private Akteure antizipieren künftige Steuererhöhungen und sparen entsprechend mehr, was den Stimulus neutralisiert. Empirisch ist diese Theorie allerdings nur schwach belegt.
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Taschengeld_Timo
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Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
krass hier wird richtig tief gegangen lol ? ich versteh ehrlich gesagt die hälfte nicht aber „ricardianisches äquivalenztheorem" klingt wie ein pokemon-angriff
aber mal ernst: heißt das im endeffekt dass die meisten ökonomen sagen reformieren aber die politik macht's nicht weil... warum eigentlich? ?
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Sparplan_Sören_HB
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Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
@Taschengeld_Timo Kurze Antwort: Weil 2/3-Mehrheit im Bundestag nötig ist, um das Grundgesetz zu ändern (Art. 109 und 115 GG). Das ist politisch extrem schwer zu erreichen, selbst wenn die Mehrheit der Ökonomen für eine Reform wäre.
Zum eigentlichen Thema: Was ich interessant finde, ist der internationale Vergleich. Die EU-Fiskalregeln wurden mit dem neuen Stabilitätspakt 2024 tatsächlich reformiert — mehr Flexibilität, längere Anpassungspfade. Deutschland hat gleichzeitig intern noch die strengere nationale Regelung. Das ist schon ein Widerspruch.
Ich bin ingenieurmäßig geprägt: Wenn eine Konstruktion unter Belastung versagt, passt man sie an. Die Schuldenbremse hat durch die Corona-Ausnahmen, die Sondervermögen und die Notlagenkredite gezeigt, dass sie unter Druck umgangen wird. Dann lieber transparent reformieren als weiter mit Workarounds arbeiten.
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EinzelaktienEgon
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Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
Ich bin da skeptischer als die meisten hier. Nicht weil ich Schulden grundsätzlich ablehne, sondern weil ich dem Staat schlicht nicht vertraue, dass Investitionskredite auch für Investitionen verwendet werden.
Schaut euch an, wie die Sondervermögen der letzten Jahre aufgestellt waren. Da war viel drin, was man großzügig als „Investition" bezeichnen müsste. Wenn man die Schuldenbremse aufweicht, wird diese Definitionsfrage noch wichtiger — und ich glaube nicht, dass die Politik da diszipliniert bleibt.
Das ist kein ökonomisches Argument, das ist ein politökonomisches. Und ich finde, das zählt auch.
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PassatfahrerPatrick
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- Registriert: So Jun 13, 2021 10:00 pm
Re: Schuldenbremse reformieren oder nicht — was sagen Ökonomen wirklich dazu?
@EinzelaktienEgon jetzt klingst du wie mein Schwiegervater beim Weihnachtsessen ? aber du hast nicht Unrecht.
Das Problem ist halt: Das Argument „der Staat vergeigt's sowieso" ist zwar verständlich, aber dann dürfen wir auch keine Steuern erhöhen, denn der Staat vergeigt auch das. Irgendwann muss man entscheiden, ob man staatliches Handeln grundsätzlich ablehnt oder ob man es sinnvoll gestalten will.
Ich bin kein Linker, ich fahr nen Passat und zahle Lohnsteuer bis es wehtut — aber die Autobahnen und die Bahn nerven mich inzwischen so sehr, dass ich sage: bitte irgendwie lösen, auch wenn's Schulden bedeutet. ?