Rebalancing: einmal im Jahr oder bei Abweichung? 70/30-Portfolio, thesaurierend — wie macht ihr das konkret?
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GeldphobeGerda
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- Registriert: Mi Mai 17, 2023 10:00 pm
Rebalancing: einmal im Jahr oder bei Abweichung? 70/30-Portfolio, thesaurierend — wie macht ihr das konkret?
Hallo zusammen,
ich hab seit etwa 3 Jahren ein kleines Depot aufgebaut, 70% MSCI World (thesaurierend, Xtrackers) und 30% EM (auch thesaurierend, iShares). Läuft soweit, ich schau eigentlich kaum rein.
Jetzt hab ich aber gelesen, dass man das Portfolio hin und wieder rebalancen soll, weil die Anteile sich ja verschieben. Der World-ETF ist in letzter Zeit deutlich stärker gelaufen als der EM-Anteil, jetzt lieg ich eher bei 76/24 oder so.
Meine Frage: macht ihr das einmal im Jahr zu einem festen Datum, oder erst wenn eine bestimmte Abweichung erreicht ist, z.B. 5% oder so? Oder beides?
Und noch was — ich hab gelesen, dass beim Rebalancen im thesaurierenden Depot Steuern fällig werden können, weil man ja Anteile verkauft. Stimmt das, und wie geht ihr damit um? Ich hab noch Freistellungsauftrag-Puffer übrig (ca. 450 Euro), aber ob das reicht weiß ich nicht.
Bin kein Profi, also bitte nicht zu kompliziert ? Danke!
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PortfolioPhilipp_B
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Re: Rebalancing: einmal im Jahr oder bei Abweichung? 70/30-Portfolio, thesaurierend — wie macht ihr das konkret?
Gute Frage, Gerda! Ich mach das bei meinem 70/30-Depot mit einer Kombination aus beidem: einmal jährlich schaue ich drauf (meistens im Januar), und zusätzlich rebalance ich, wenn eine Position um mehr als 5 Prozentpunkte von der Zielallokation abweicht.
Der Vorteil: Du vermeidest, dass du wegen einer kleinen 2%-Abweichung unnötig Anteile verkaufst und dabei Steuern triggerst. Gleichzeitig gerätst du nicht in eine Situation, wo du jahrelang nichts tust und plötzlich 80/20 hast ohne es zu merken.
Zum Thema Steuern: Ja, beim Verkauf von thesaurierenden ETF-Anteilen werden realisierte Kursgewinne versteuert. Die Vorabpauschale, die du wahrscheinlich schon kennst, ist was anderes. Wenn du also Anteile verkaufst, die im Plus sind, wird das mit deinem Freistellungsauftrag verrechnet bzw. danach mit 25% Abgeltungssteuer + Soli belastet.
450 Euro Puffer klingt nach wenig, wenn du größere Beträge rebalancen willst. Kannst du das Rebalancing nicht auch über neue Käufe steuern? Also beim Sparen einfach mehr EM kaufen statt World, bis die Gewichtung wieder stimmt?
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ETF_Elsbeth
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Re: Rebalancing: einmal im Jahr oder bei Abweichung? 70/30-Portfolio, thesaurierend — wie macht ihr das konkret?
PortfolioPhilipp_B hat den entscheidenden Punkt schon angesprochen: Rebalancing über neue Zukäufe ist bei kleineren Depots fast immer die steuerlich klügere Lösung, und sie ist auch einfacher zu handhaben.
Konkret bedeutet das: Du schaust einmal im Jahr, wie weit deine Ist-Allokation von der Soll-Allokation abweicht. Dann lenkst du deine laufenden Sparraten oder einen Einmalbetrag gezielt in den ETF, der untergewichtet ist — in deinem Fall also in den EM-ETF.
Erst wenn das Depot so groß ist, dass neue Zukäufe die Abweichung nicht mehr korrigieren können, macht ein echter Verkauf Sinn. Für viele Privatanleger ist dieser Punkt erst bei Depotvolumen über 100.000 Euro oder mehr relevant.
Zum kalenderbasiert vs. schwellenwertbasiert: Akademische Studien zeigen, dass der Unterschied in der Langrendite minimal ist. Entscheidend ist, dass man überhaupt rebalancet und sich nicht von Emotionen leiten lässt — also nicht den World-ETF weiterlaufen lässt, weil er „gerade so gut läuft".
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Girokonto_Gnom_Gerd
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Re: Rebalancing: einmal im Jahr oder bei Abweichung? 70/30-Portfolio, thesaurierend — wie macht ihr das konkret?
Ich rebalance einmal im Jahr, immer am Geburtstag meiner Frau. So vergess ich's nicht. ?
Nee im Ernst, der Tipp mit den Zukäufen ist gold wert. Ich hab das erste Jahr dummerweise direkt Anteile verkauft und dann Steuern gezahlt, obwohl ich das hätte vermeiden können. Lernkurve halt. ?
Bei 76/24 würd ich erstmal gar nix machen und einfach den EM-Sparplan hochsetzen bis das wieder passt.
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Steuerkram_Stine
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Re: Rebalancing: einmal im Jahr oder bei Abweichung? 70/30-Portfolio, thesaurierend — wie macht ihr das konkret?
Kurz zur Steuerfrage, weil das oft verwechselt wird:
Bei thesaurierenden ETFs zahlst du jährlich die Vorabpauschale (sofern der Basiszins positiv ist und der ETF zugelegt hat). Das ist aber etwas anderes als die Steuer beim Verkauf.
Wenn du beim Rebalancing Anteile verkaufst, werden die realisierten Kursgewinne (Verkaufspreis minus Kaufpreis, abzüglich bereits versteuerter Vorabpauschalen) als Kapitalertrag versteuert. Diese Gewinne laufen gegen deinen Freistellungsauftrag (1.000 Euro für Singles, 2.000 Euro für Paare ab 2023).
Dein verbleibender Puffer von 450 Euro reicht also nur, wenn deine realisierten Gewinne beim Verkauf unter 450 Euro liegen. Bei einem Depot, das seit 3 Jahren läuft und gut performt hat, kann das schnell überschritten sein.
Fazit: Rebalancing über Zukäufe ist steuerneutral und in deiner Situation wahrscheinlich die bessere Wahl.
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SparenOderLeben_Sigi
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Re: Rebalancing: einmal im Jahr oder bei Abweichung? 70/30-Portfolio, thesaurierend — wie macht ihr das konkret?
>> @GeldphobeGerda schrieb:
ich schau eigentlich kaum reinDas ist eigentlich das Beste, was man über ein ETF-Depot sagen kann. ? „Läuft, schau kaum rein" — Finanzplan des Jahres.
Ernsthaft aber: 76/24 statt 70/30 ist doch keine Katastrophe. Da muss man nicht sofort handeln. Ich rebalance erst ab 10 Prozentpunkten Abweichung, weil mir der Aufwand darunter nicht lohnt. Bin aber auch eher der faule Typ.
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GrenzpendlerGregor
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Re: Rebalancing: einmal im Jahr oder bei Abweichung? 70/30-Portfolio, thesaurierend — wie macht ihr das konkret?
Ich möchte einen etwas anderen Blickwinkel einbringen, der in solchen Diskussionen oft fehlt: die Opportunitätskosten des Rebalancings.
Wenn man einen Vermögenswert verkauft, der sich gut entwickelt hat, um einen schlechter laufenden aufzustocken, betreibt man im Grunde systematisches „Buy the loser, sell the winner". Das klingt kontraintuitiv, ist aber langfristig sinnvoll — weil es die Risikostruktur des Portfolios konstant hält und Überbewertungen abschöpft.
Zur Methode: Ich arbeite mit einem Korridor-Ansatz — Zielgewicht ±5 Prozentpunkte. Liegt der World-ETF bei 75% oder höher, wird rebalancet. Darunter lasse ich es laufen. Das führt im Schnitt zu einem Rebalancing alle 18–24 Monate, nicht jährlich.
Steuerlich gilt: Ich priorisiere immer zunächst die Zukauf-Methode. Erst wenn das nicht ausreicht (etwa weil kein frisches Kapital verfügbar ist oder das Depot sehr groß ist), verkaufe ich gezielt Anteile — und dann möglichst in einem Jahr, in dem andere Erträge den Freistellungsauftrag noch nicht ausgeschöpft haben.
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Doppeldeckerhorst
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Re: Rebalancing: einmal im Jahr oder bei Abweichung? 70/30-Portfolio, thesaurierend — wie macht ihr das konkret?
Ich fahr seit 12 Jahren Bus und mein Depot läuft seit 8 Jahren. Rebalancet hab ich genau zweimal. Einmal weil der EM in den Keller ist gegangen und einmal weil ich zu viel Kaffee getrunken hatte und aufs falsche Konto überwiesen hab ?
Ehrlich gesagt: Bei 70/30 ist mir 76/24 wurscht. Erst ab nem richtigen Ausreißer, sagen wir 85/15 oder so, würd ich eingreifen. Bis dahin lass ich die Kurse arbeiten und fahr meine Runden.
Das mit den Steuern hat mich früher auch gejuckt, aber irgendwann hab ich aufgehört, das bis aufs Komma zu optimieren. Lieber etwas Steuern zahlen als jahrelang Angst vor dem Finanzamt haben.
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SteuerSparSebastian
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- Registriert: Do Nov 21, 2019 11:00 pm
Re: Rebalancing: einmal im Jahr oder bei Abweichung? 70/30-Portfolio, thesaurierend — wie macht ihr das konkret?
Als Steuerberater möchte ich die steuerliche Seite etwas präzisieren, da hier einige Ungenauigkeiten kursieren.
Zur Vorabpauschale: Sie wird jährlich vom depotführenden Institut automatisch abgeführt und auf den Freistellungsauftrag angerechnet. Sie mindert später den steuerpflichtigen Gewinn beim Verkauf (Anrechnungsbetrag). Das ist korrekt so, wie Steuerkram_Stine es beschrieben hat.
Zum Verkauf für Rebalancing-Zwecke: Relevant ist hier der steuerliche Gewinn, also Veräußerungserlös abzüglich Anschaffungskosten abzüglich bereits angerechneter Vorabpauschalen. Bei einem Depot, das seit 2021 läuft und der World-ETF seitdem ca. 30–40% zugelegt hat, können die steuerpflichtigen Gewinne bei einem Verkauf von beispielsweise 2.000 Euro Nennwert bereits 600–800 Euro betragen — womit ein Freistellungsauftrag-Rest von 450 Euro nicht ausreicht.
Empfehlung: Nutzen Sie die Zukauf-Methode solange möglich. Sollte ein Verkauf unumgänglich sein, prüfen Sie, ob der Vorgang steuerlich noch im laufenden Jahr oder besser im Folgejahr durchgeführt werden sollte — abhängig von anderen Kapitalerträgen im jeweiligen Jahr.
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VergleichsViggo
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- Registriert: Fr Nov 29, 2019 11:00 pm
Re: Rebalancing: einmal im Jahr oder bei Abweichung? 70/30-Portfolio, thesaurierend — wie macht ihr das konkret?
Ich hab dazu mal konkret nachgerechnet, weil ich ähnliche Zahlen hatte:
Angenommen, du hast 20.000 Euro Depot, davon 15.200 Euro World (76%) und 4.800 Euro EM (24%). Ziel wäre 14.000/6.000 Euro.
Um per Zukauf auf 70/30 zu kommen, müsstest du rechnerisch ca. 4.200 Euro reines EM-Kapital zuführen (damit das Gesamtdepot bei 24.200 Euro liegt mit 16.940/7.260 — grob). Das geht natürlich nur, wenn du das frische Kapital hast.
Wenn dein Sparplan monatlich z.B. 200 Euro bringt, kannst du den für ein Jahr komplett auf EM umlenken (2.400 Euro) — das bringt die Gewichtung schon merklich näher an 70/30 heran, ohne einen einzigen Anteil zu verkaufen.
Fazit: Bei einem Depot unter 50.000 Euro und laufenden Sparraten ist die Zukauf-Methode fast immer machbar. Verkäufe nur, wenn wirklich nötig.