Inflation offiziell ~2% aber Lebensmittel/Miete/Energie explodieren — wie passt das zusammen?
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WGKostenWenke
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Inflation offiziell ~2% aber Lebensmittel/Miete/Energie explodieren — wie passt das zusammen?
okay ich steh gerade echt auf dem Schlauch ? also die Nachrichten jubeln alle „Inflation auf 2%, alles wird besser" aber ich geh in den Supermarkt und mein Kopf dreht sich. Nudelpackung die früher 89 Cent war kostet jetzt 1,49€, Butter über 2€, und nicht zu reden von meiner WG-Miete die letztes Jahr um 180€ gestiegen ist ?
Jetzt hab ich mich ein bisschen schlau gemacht und irgendwas stimmt da nicht. Die offizielle Inflationsrate vom Statistischen Bundesamt liegt bei ungefähr 2% — aber wenn ich das nachrechne was ich so ausgebe, komm ich locker auf 8-10% mehr als noch vor zwei Jahren.
Fragen die mich beschäftigen:
- Wie wird der CPI überhaupt berechnet? Wer hat den Warenkorb zusammengestellt?
- Warum sind Dinge die ich täglich kaufe offenbar stärker betroffen?
- Gibt es sowas wie eine „gefühlte Inflation" die man irgendwo nachlesen kann?
Ich studier auf Lehramt, nicht VWL, also bitte nicht zu hardcore mit den Fachbegriffen ? Aber ich bin neugierig! Hat hier jemand Ahnung warum die offizielle Zahl so weit weg von meiner Realität ist?
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BausparkassenBernd
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Re: Inflation offiziell ~2% aber Lebensmittel/Miete/Energie explodieren — wie passt das zusammen?
Das ist eine sehr berechtigte Frage, die ich in meiner Berufspraxis regelmäßig höre. Der Kern des Problems liegt in der Methodik des Verbraucherpreisindex (CPI).
Der Warenkorb des Statistischen Bundesamts bildet den Durchschnittshaushalt ab — und zwar wirklich den Durchschnitt über alle Haushalte hinweg. Darin stecken zum Beispiel auch Ausgaben für Neuwagen, Elektronik, Flugreisen und Versicherungen. Diese Kategorien sind in den letzten Jahren teilweise sogar günstiger geworden oder nur moderat gestiegen.
Wer wie Sie als junge Studentin hauptsächlich für Lebensmittel, Miete und Energie Geld ausgibt, hat eine völlig andere persönliche Inflationsrate. Diese Kategorien sind strukturell stärker gestiegen als der Gesamtkorb vermuten lässt. Das ist kein Fehler der Statistik — es ist schlicht eine Frage der Gewichtung.
Hinzu kommt das Phänomen der sogenannten Shrinkflation: Packungsgrößen werden kleiner, der Preis bleibt gleich oder steigt leicht. Das fließt in die offizielle Statistik nur verzögert ein.
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DepotDepp_Denny
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Re: Inflation offiziell ~2% aber Lebensmittel/Miete/Energie explodieren — wie passt das zusammen?
brudi ich arbeite im Lager und pack den ganzen Tag Paletten aus ? ich SEHE wie die Packungen kleiner werden. Früher 500g Chips, jetzt 400g gleicher Preis, gleiches Design. Die denken echt wir merken das nicht lol ?
die offizielle Zahl ist halt der Durchschnitt über ALLE deutschen Haushalte. Rentner mit Eigenheim, Gutverdiener mit Dienstwagen, und dann du mit deiner WG. passt halt nicht zusammen alter ?
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RürupRudolf
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Re: Inflation offiziell ~2% aber Lebensmittel/Miete/Energie explodieren — wie passt das zusammen?
Ich möchte hier etwas Struktur in die Diskussion bringen, da bereits einige richtige Ansätze genannt wurden, aber die Vollständigkeit fehlt.
Zum Verbraucherpreisindex: Das Statistische Bundesamt berechnet den CPI auf Basis eines repräsentativen Warenkorbs mit über 650 Güter- und Dienstleistungspositionen. Die Gewichtung erfolgt auf Basis von Haushaltsbudgeterhebungen. Wohnungsmieten haben darin eine Gewichtung von etwa 20%, Nahrungsmittel von rund 10-11%.
Das eigentliche Problem ist die individuelle Inflationsrate. Ein Studenten-Haushalt mit 60% seines Budgets für Miete und Lebensmittel erfährt eine deutlich höhere persönliche Inflationsrate als der Statistik-Durchschnitt. Das ist keine Manipulation — es ist schlicht Mathematik.
Weitere relevante Faktoren:
- Hedonische Qualitätsanpassungen: Wenn ein Produkt besser wird, wird der Preisanstieg statistisch herausgerechnet — was die Rate optisch drückt
- Basiseffekte: Nach den Hochinflationsjahren 2022/2023 wirken aktuelle 2% auf einem bereits erhöhten Preisniveau
- Verzögerte Mietanpassungen im Statistik-Warenkorb gegenüber Neuvermietungspreisen
Das Statistische Bundesamt bietet übrigens unter destatis.de einen persönlichen Inflationsrechner an, mit dem man seine eigene Inflationsrate ermitteln kann.
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WGKostenWenke
- Beiträge: 21
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Re: Inflation offiziell ~2% aber Lebensmittel/Miete/Energie explodieren — wie passt das zusammen?
oh wow @RürupRudolf das ist echt mega hilfreich danke!! ? Den destatis-Rechner schau ich mir heute noch an. Der Punkt mit den Basiseffekten hat mich gerade so ein bisschen erschlagen — heißt das, selbst wenn die Rate jetzt 2% ist, zahle ich immer noch auf dem Preisniveau von nach der Hochinflation??
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FestgeldFabienne
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Re: Inflation offiziell ~2% aber Lebensmittel/Miete/Energie explodieren — wie passt das zusammen?
Genau das ist der Punkt, @WGKostenWenke. Die Inflationsrate misst die Veränderung gegenüber dem Vorjahr — nicht das absolute Preisniveau. 2% im Jahr 2025 bedeutet: Die Preise steigen weiterhin, nur langsamer als 2022/2023 mit zeitweise über 8%.
Wenn du dir vorstellst, dass Lebensmittel zwischen 2021 und 2024 kumuliert um 25-30% gestiegen sind, dann ist der aktuelle 2%-Anstieg eben auf diesem hohen Niveau aufgesetzt. Die Preise fallen nicht zurück, sie steigen nur langsamer.
Das erklärt psychologisch sehr viel: Du erinnerst dich an den alten Preis von 89 Cent für die Nudeln. Der Vergleichspunkt der Statistik ist aber das Vorjahr, nicht 2019.
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ZinsZombie_Zach
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Re: Inflation offiziell ~2% aber Lebensmittel/Miete/Energie explodieren — wie passt das zusammen?
@FestgeldFabienne alter erklärt das so präzise ich bin beeindruckt ? aber mal ehrlich das klingt auch irgendwie wie: „die Preise steigen immer noch aber wir feiern das als Erfolg" lmaooo ??
ich mein statistisch korrekt ja aber kommunikativ ist das schon ne Meisterleistung in Schönrednerei oder? die Nudeln kosten 67% mehr als 2019 aber prost auf 2% Inflation ?
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Zinsoptimist77
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Re: Inflation offiziell ~2% aber Lebensmittel/Miete/Energie explodieren — wie passt das zusammen?
@ZinsZombie_Zach Das ist zwar pointiert, aber nicht ganz fair. Deflation — also sinkende Preise — wäre volkswirtschaftlich deutlich problematischer als moderate Inflation. Niemand möchte japanische Verhältnisse der 90er Jahre.
Was allerdings stimmt: Die Lohnentwicklung hinkt der kumulierten Preissteigerung hinterher, besonders in einkommensschwächeren Gruppen. Wer real weniger kaufen kann als 2019, spürt das unabhängig davon, was die Jahresrate gerade anzeigt. Der Kaufkraftverlust der letzten Jahre ist real und nicht wegzudiskutieren.
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WochenmarktWanda
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Re: Inflation offiziell ~2% aber Lebensmittel/Miete/Energie explodieren — wie passt das zusammen?
Ich kaufe seit Jahren auf dem Wochenmarkt ein und kann das nur bestätigen ? Selbst dort, wo die Preise „ehrlicher" sein sollten, ist alles teurer. Erdbeeren beim Bauern 4,50€ das Kilo, das war mal 2,80€.
Aber ich möchte noch was ergänzen was noch keiner erwähnt hat: Qualitätsverschlechterung. Nicht nur Shrinkflation. Manche Produkte enthalten jetzt billigere Zutaten, mehr Wasser, schlechtere Rohstoffe — der Preis bleibt gleich oder steigt, aber was du bekommst ist weniger wert. Das taucht in keiner Statistik auf ?
Für meine Näherei gilt dasselbe — Stoffe, Garne, alles teurer. Meine Kunden wundern sich warum Änderungen mehr kosten, ich wunder mich warum die sich wundern ?
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PfennigfuchserPaul_OWL
- Beiträge: 18
- Registriert: Di Feb 18, 2020 11:00 pm
Re: Inflation offiziell ~2% aber Lebensmittel/Miete/Energie explodieren — wie passt das zusammen?
@WochenmarktWanda ja voll der punkt mit der Qualität!! hab das bei Joghurt gemerkt, schmeckt irgendwie wässriger als früher. Kann ich das beweisen? Nein. Fühlt sich aber so an ?
Zum Thema: ich hab mal probiert meine eigene Inflationsrate auszurechnen. Einfach alte Kassenbons rausgekramt aus 2022 und mit aktuellen Preisen verglichen. Kam auf locker 18% über drei Jahre bei meinem typischen Einkauf. Statistik sagt kumuliert ca. 12% — da ist schon ne Lücke. Liegt halt daran was man so kauft.
Tipp: ALDI und LIDL haben tatsächlich weniger stark erhöht als Markenhersteller laut nem Vergleich den ich irgendwo gelesen hab. Eigenmarken sind die Retter ?