Finanzielle Unabhängigkeit mit 45 – Traum oder realistisch für Normalverdiener?

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KurzarbeitKarl
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Finanzielle Unabhängigkeit mit 45 – Traum oder realistisch für Normalverdiener?

Beitrag von KurzarbeitKarl »

Moin zusammen, ich bin jetzt seit ein paar Wochen tief in der FIRE-Materie drin und hab gefühlt jeden englischsprachigen Blog gelesen, den es gibt. Mr. Money Mustache, Early Retirement Extreme, das volle Programm. Klingt alles super — aber die Typen sparen 70% ihres Einkommens weil sie als Software-Engineer in Seattle 180.000 Dollar im Jahr verdienen. Das ist meine Realität halt nicht. Ich bin Werkzeugmacher, arbeite aktuell Teilzeit (Kurzarbeit hat mich ein bisschen auf den Geschmack gebracht, ehrlich gesagt), und komme auf ca. 3.200 € netto im Monat. Kein Erbe in Sicht, keine Immobilie, kein Depot das schon seit 20 Jahren läuft. Ich fange also relativ spät an — Mitte 40. Jetzt frag ich mich: Ist finanzielle Unabhängigkeit für Normalverdiener in Deutschland überhaupt ein realistisches Ziel? Oder ist das ein Konzept das nur mit deutschem Beamtengehalt oder IT-Lohn funktioniert? Ich mein nicht mal unbedingt mit 45 komplett aufhören — aber zumindest in eine Situation kommen wo ich KÖNNTE, wenn ich wollte. Also genug Kapital das die laufenden Kosten deckt ohne weiter Vollzeit schuften zu müssen. Was sind eure Erfahrungen? Gibt's hier Leute die das aus ähnlicher Ausgangssituation tatsächlich geschafft haben? Deutsche Beispiele wären mega, nicht schon wieder USA ?
VergleichsViggo
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Re: Finanzielle Unabhängigkeit mit 45 – Traum oder realistisch für Normalverdiener?

Beitrag von VergleichsViggo »

Kurze Antwort: Ja, ist realistisch. Lange Antwort: Es kommt auf deine Ausgaben an, nicht nur aufs Einkommen. Die entscheidende Kennzahl beim FIRE-Konzept ist die Sparquote, nicht der absolute Betrag. Die 4%-Regel besagt grob: Du brauchst das 25-fache deiner jährlichen Ausgaben als Kapital, dann kannst du (theoretisch) ewig davon leben. Wenn du mit 1.800 € im Monat auskommst, sind das 21.600 € im Jahr — mal 25 ergibt 540.000 € Zielvermögen. Bei 3.200 € netto und sagen wir 800 € monatlicher Sparrate (also rund 25%) dauert das mit 7% Realrendite im Weltportfolio-ETF etwa 22-23 Jahre. Das wäre mit 45 Startpunkt also realistisch Mitte bis Ende 60 — was ehrlich gesagt kein FIRE mehr ist, sondern normales Entsparen. Willst du wirklich Richtung 55 landen, müsstest du entweder die Sparrate deutlich erhöhen (auf 40-50%) oder die Zielausgaben senken. Beides gleichzeitig wäre ideal. Hast du schon mal deine tatsächlichen Monatsausgaben aufgeschlüsselt?
GrenzgängerGabi_AT
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Re: Finanzielle Unabhängigkeit mit 45 – Traum oder realistisch für Normalverdiener?

Beitrag von GrenzgängerGabi_AT »

Ich kenn das Thema aus österreichischer Sicht — da ist vieles ähnlich wie in Deutschland, aber ein paar Unterschiede gibt's schon. Was ich bei FIRE immer wieder vermisse wenn Leute das auf D/AT übertragen: Die gesetzliche Rentenversicherung wird komplett ignoriert. Wenn du früh aufhörst, hast du Lücken in der GRV und kriegst später deutlich weniger. Das muss man gegenrechnen! Eine Verzögerung von 5-10 Jahren beim Rentenbeginn kann schnell 200-300 € monatliche Rente kosten. Dafür haben wir in Deutschland etwas was US-Amerikaner nicht haben: eine halbwegs verlässliche Basisversorgung. Das senkt das nötige Kapital, weil man ab 67 eben nicht mehr alles aus dem Depot ziehen muss. Also: FIRE-Ziel nicht mit 45 komplett aufhören, sondern mit 55 auf 20h/Woche runter und den Rest über ETF-Entnahme finanzieren — das nenn ich Lean FIRE auf europäisch. Das ist bei deinen Zahlen deutlich realistischer. ?
WeltportfolioWalter
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Re: Finanzielle Unabhängigkeit mit 45 – Traum oder realistisch für Normalverdiener?

Beitrag von WeltportfolioWalter »

Ich möchte die Rechnung von @VergleichsViggo präzisieren, weil 7% Realrendite ein verbreitetes Missverständnis ist. 7% ist die nominale historische Durchschnittsrendite eines globalen Aktienportfolios (MSCI World o.ä.). Real — also nach Inflation — sind es historisch eher 4,5 bis 5%. Und während der Entnahmephase kommt der sogenannte Sequence-of-Returns-Risk hinzu: Schlechte Jahre am Anfang der Entnahme können das Portfolio dauerhaft schädigen, selbst wenn der langfristige Durchschnitt stimmt. Die 4%-Regel basiert auf US-Daten und einem 30-jährigen Entnahmezeitraum. Bei einem Rentenbeginn mit 55 und statistischer Lebenserwartung von 85+ Jahren hat man 30-35 Jahre Entnahmedauer — da sollte man eher mit 3,5% planen, was das Zielvermögen auf das 28-fache der Jahresausgaben erhöht. Das ändert die Gesamtrechnung nicht fundamental, aber man sollte mit realistischen Annahmen kalkulieren.
RentnerInRente_Hedwig
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Re: Finanzielle Unabhängigkeit mit 45 – Traum oder realistisch für Normalverdiener?

Beitrag von RentnerInRente_Hedwig »

Ich hab das alles nicht so geplant und bin trotzdem gut rausgekommen — als Lehrerin hatte ich eine ordentliche Pension, das ist natürlich ein anderer Fall. Aber ich möchte trotzdem etwas sagen: Die ganze Rechnerei mit Sparquoten und 4%-Regel ist gut und schön, aber man sollte das Leben dazwischen nicht vergessen. Ich habe Kolleginnen gehabt die bis zum letzten Tag gespart haben und dann im ersten Rentenjahr gestorben sind. Das klingt makaber, aber es ist die Realheit. Was ich sagen will: Einen Plan zu haben ist wichtig. Aber bitte nicht so verbissen optimieren dass man die Jahre von 45 bis 55 komplett opfert. Vielleicht ist ein Mix sinnvoller — etwas sparen, etwas genießen, und früh auf Teilzeit gehen wenn möglich. Das klingt so als hätten Sie ja schon angefangen damit, Herr Karl-Heinz.
Dispofreiheit_Detlef
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Registriert: Di Dez 07, 2021 11:00 pm

Re: Finanzielle Unabhängigkeit mit 45 – Traum oder realistisch für Normalverdiener?

Beitrag von Dispofreiheit_Detlef »

Ich muss mal was Praktisches einwerfen weil hier viel mit Theorie um sich geworfen wird ? Ich verdiene als Elektriker in Magdeburg etwa 2.600 € netto — also weniger als du, Karl. Hab vor drei Jahren angefangen ernsthaft zu sparen. 400 € im Monat in einen MSCI World ETF bei der ING, Sparplan läuft einfach durch. Kein großes Geheimnis. Aktuell sind da knapp 18.000 € drin, Kursgewinne inclusive. Kein FIRE, keine Frührente. Aber das Gefühl wenn man weis das man ein kleines Polster hat das wächst — das ist schon was wert. Man muss ja nicht gleich mit 45 komplet aufhören, oder? Manchmal ist einfach nur "ich kann meinen Chef sagen wo er mich hinstecken soll" schon genug Freiheit. Das nenn ich F.U.-Money. Das erste Ziel. Den Rest schaun wir dann. ?
FINANZflüsterin_Fiona
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Re: Finanzielle Unabhängigkeit mit 45 – Traum oder realistisch für Normalverdiener?

Beitrag von FINANZflüsterin_Fiona »

Gute Diskussion, ich möchte ein paar Zahlen beisteuern die spezifisch auf die deutsche Situation zugeschnitten sind. Bei 3.200 € netto und angenommenen Ausgaben von 2.000 € (was in Bochum durchaus machbar ist, kein München) hätte man 1.200 € monatlich als Sparrate — das sind 37,5%. Damit landet man in der Kategorie Lean FIRE, was ich für realistisch halte. Konkret mit Zahlen: - Monatliche Sparrate: 1.200 € - Jährlich: 14.400 € - Zielvermögen bei 2.000 € Monatsausgaben × 12 × 28 (konservative 3,5%-Entnahme): ca. 672.000 € - Laufzeit bei 5% Realrendite ab heute: ca. 23 Jahre — also Anfang 70 - Mit 7% nominal: ca. 19 Jahre — also Mitte 60 Das ist ehrlich gesagt kein FIRE mit 45. Aber: Wenn man die gesetzliche Rente ab 67 einrechnet (grob 1.000-1.200 € bei deiner Biografie), sinkt das nötige Depot-Kapital erheblich, weil das Depot dann nur noch die Lücke bis zur Rente überbrücken muss plus einen Puffer. Die realistischere Variante: Mit 57-60 in Teilzeit, Depot deckt die Differenz. Das geht.
RatenkaufRebell_Rico
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Re: Finanzielle Unabhängigkeit mit 45 – Traum oder realistisch für Normalverdiener?

Beitrag von RatenkaufRebell_Rico »

alter ich check das grad nicht so ganz ? ihr redet von 500k+ depot aufbauen und der typ ist Mitte 40 ?? keine schlechte stimmung aber das klingt so als ob meine oma noch anfängt mathe zu studieren lol ich mein das net böse aber vielleicht ist das ziel einfach "kein stress mehr wegen geld" und nicht "ich kauf mir die freiheit mit nem millionen depot" oder? manchmal denk ich die ganze FIRE community ist halt auch nur für leute die schon irgendwie privilegiert sind digga ?
VergleichsViggo
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Registriert: Fr Nov 29, 2019 11:00 pm

Re: Finanzielle Unabhängigkeit mit 45 – Traum oder realistisch für Normalverdiener?

Beitrag von VergleichsViggo »

RatenkaufRebell_Rico schrieb:vielleicht ist das ziel einfach "kein stress mehr wegen geld" Das ist eigentlich gar nicht so falsch. In der FIRE-Community nennt man das "Coast FIRE" — du sparst bis zu einem bestimmten Punkt und lässt das Geld dann einfach weiterwachsen ohne weitere Einzahlungen. Ab einem gewissen Depotwert (abhängig von Alter und Zielvermögen) "küstet" das Portfolio von selbst ans Ziel, ohne dass man noch aktiv sparen muss. Bei einem Start mit 45, Zielvermögen 500k mit 67: Man bräuchte heute ca. 140.000 € angelegt, damit das bei 7% nominal bis 67 von selbst wächst. Das ist deutlich erreichbarer als 500k von Null aufzubauen. Ist nur eine andere Denkweise.
TagesgeldThorsten_K
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Registriert: Do Apr 08, 2021 10:00 pm

Re: Finanzielle Unabhängigkeit mit 45 – Traum oder realistisch für Normalverdiener?

Beitrag von TagesgeldThorsten_K »

Ich wohn auch in einer ähnlichen Einkommensklasse und muss sagen: Der Sicherheitsaspekt wird hier zu wenig diskutiert. Ein reines Aktiendepot als FIRE-Basis ist für mich persönlich zu riskant — was wenn der Markt genau dann crasht wenn man aufhört zu arbeiten? Ich fahre eine gemischte Strategie: 60% MSCI World ETF (Vanguard FTSE All-World bei der Consorsbank), 30% Tagesgeld/Festgeld als Puffer, 10% in einem konservativen Mischfonds. Das senkt die Rendite, ja. Aber ich kann ruhig schlafen. Und noch was: Habt ihr die Krankenversicherung nach Rentenbeginn eingerechnet? Als Frührentner ohne GKV-Pflichtversicherung zahlt man als freiwillig Versicherter bei der AOK schnell 400-500 € im Monat allein für KV. Das frisst massiv Puffer weg.
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