Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Inflation, Zinsen, EZB, Geldpolitik, Konjunktur, Steuern allgemein
NettorenditeNicolas
Beiträge: 11
Registriert: Mi Feb 03, 2021 11:00 pm

Re: Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Beitrag von NettorenditeNicolas »

Die Diskussion vermischt verschiedene Transmissionskanäle, die man sauber trennen sollte: - Arbeitsnachfrage-Effekt: Weniger Erwerbspersonen erhöhen die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer, was Lohninflation begünstigt. Dieser Effekt ist empirisch gut belegt. - Fiskalischer Kanal: Steigende Rentenausgaben erhöhen den Staatsschuldendruck. Wie das finanziert wird, bestimmt den Inflationseffekt. - Entsparungskanal: Rentner liquidieren Kapitalvermögen. Das erhöht das Konsumgüterangebot an Kapital, kann aber auch Vermögenspreisdeflation auslösen. - Produktivitätskanal: Ältere Belegschaften und weniger Innovationsdruck könnten die Gesamtfaktorproduktivität senken — stagflationäres Szenario. Die Nettorichtung hängt davon ab, welcher Kanal dominiert. Für Deutschland schätze ich den Lohnkanal als stärksten ein, was einen moderaten aber persistenten Inflationsdruck von 0,5 bis 1,5 Prozentpunkten über dem historischen Trend impliziert.
VersicherungsVerdrossene
Beiträge: 18
Registriert: Do Sep 29, 2022 10:00 pm

Re: Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Beitrag von VersicherungsVerdrossene »

@NettorenditeNicolas: Schöne Aufstellung, aber irgendwie klingt das alles sehr nach „auf der einen Seite, auf der anderen Seite". ? Am Ende sagt mir das als normalem Menschen nicht viel darüber, was ich konkret tun soll. Ich frag mich ehrlich gesagt auch: Wenn alle das wissen und alle drauf vorbereitet sind — ist das dann nicht schon eingepreist? Immobilienpreise sind doch schon massiv gestiegen, MSCI-World rennt seit Jahren... wo ist das große Überraschungspotenzial noch?
GrauenHaarenGuenter
Beiträge: 11
Registriert: Sa Mai 16, 2020 10:00 pm

Re: Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Beitrag von GrauenHaarenGuenter »

Ich war 30 Jahre in der Kommunalverwaltung. Was ich aus dieser Perspektive sagen kann: Die öffentliche Hand spürt den Demografieeffekt bereits massiv — und zwar auf der Kostenseite UND auf der Einnahmenseite. Weniger Beitragszahler bedeutet weniger Gewerbesteuer, weniger Einkommensteueranteil für Kommunen. Gleichzeitig steigen Ausgaben für Pflege, ÖPNV-Barrierefreiheit, Krankenhaussubventionen. Das wird früher oder später über Gebühren, Grundsteuererhöhungen oder Leistungsabbau refinanziert — alles inflationär oder kaufkraftmindernd. Meine ehemaligen Kollegen in den Kämmereien schlagen seit Jahren Alarm. Gehört hat das politisch leider kaum jemand, weil Wahlen kurzfristig sind und Demografie langfristig.
Netto_Norwin
Beiträge: 19
Registriert: Do Jun 30, 2022 10:00 pm

Re: Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Beitrag von Netto_Norwin »

alter ich check das hier alles gar nicht ? ich komm von der schicht heim, mach den thread auf und les sowas wie „Gesamtfaktorproduktivität". bro. ich arbeite im lager für 14,50€ die stunde. die inflation merk ich wenn mein einkauf teurer wird. da brauch ich keine BIS-studie für. ?? aber srsly: mein chef sagt er kriegt auch keine leute mehr. und mein lohn ist halt gestiegen weil er mich behalten will. is das jetzt inflationär? dann bin ich schuld? danke schön ?
Kreditkarten_Knecht_Knut
Beiträge: 16
Registriert: Sa Sep 10, 2022 10:00 pm

Re: Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Beitrag von Kreditkarten_Knecht_Knut »

@Netto_Norwin: Du bist nicht schuld, du nutzt nur deine Marktmacht. Das ist vollkommen legitim und tatsächlich genau der Mechanismus, den die Ökonomen hier beschreiben. ? Zur Originalfrage: Ich würde ergänzen wollen, dass die Zuwanderung als Puffer oft unterschätzt wird. Deutschland hat in den letzten Jahren hunderttausende Arbeitskräfte zugewandert — ohne das wären Lohndruck und Fachkräftemangel noch extremer. Die politische Frage ist, ob das nachhaltig weitergeht oder ob Migrationspolitik das kppt. Für meine eigene Vorsorge nutze ich einen Mix aus Trade Republic-ETF-Sparplan und einer Riester-Rente (ja, ich weiß, unpopuär hier ?) plus eine kleine Immobilienposition. Breite Streuung bleibt das A und O.
Altersvorsorge_Axel
Beiträge: 12
Registriert: So Sep 29, 2019 10:00 pm

Re: Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Beitrag von Altersvorsorge_Axel »

Ich möchte die Diskussion mal auf die praktische Konsequenz für die Altersvorsorge lenken, denn darum geht es Kassenbon_Kerstin letztlich ja auch. Wenn man von einem strukturell erhöhten Inflationsdruck von grob 0,5 bis 2 Prozentpunkten über dem historischen Mittel ausgeht, hat das konkrete Auswirkungen: - Nominalzinsen werden dauerhaft höher bleiben als in der 2010er-Nullzinsphase — das ist für Rentenpolicen und Lebensversicherungen relevant. - Klassische Kapitallebensversicherungen mit fester nominaler Auszahlung verlieren real an Wert stärker als gedacht. - Inflationsindexierte Anleihen (Linker) gewinnen an Attraktivität — z.B. über ETFs auf inflationsgebundene Staatsanleihen, erhältlich über DKB, ING oder Comdirect. - Aktien-ETFs bleiben der beste strukturelle Schutz, weil Unternehmensgewinne langfristig mit der Inflation wachsen. Ich rate meinen Mandanten derzeit zu einer Quote von mindestens 60 Prozent Sachwerten (Aktien, Immobilien, ggf. Rohstoffe) in der langfristigen Altersvorsorge — weg von reinen Zins- und Garantieprodukten.
Mod_Thomas_Vergleiche
Beiträge: 7
Registriert: Sa Sep 14, 2019 10:00 pm

Re: Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Beitrag von Mod_Thomas_Vergleiche »

Guter Thread, danke an alle Beteiligten für die sachliche Diskussion. Ich habe ihn in die Kategorie „Makroökonomie & Geldanlage" verschoben, da er dort besser aufgehoben ist. Inhaltlich möchte ich noch einen Aspekt ergänzen, der bisher zu kurz kam: regionale Unterschiede innerhalb Deutschlands. Die demografische Belastung trifft strukturschwache Regionen in Ostdeutschland und ländliche Räume deutlich stärker als Ballungszentren. Kommunen wie Chemnitz oder Görlitz haben andere Inflationsprofile als München oder Hamburg. Für die Altersvorsorge-Strategie kann das relevant sein — wer in einer schrumpfenden Region eine Immobilie als Altersvorsorge plant, sollte das demografische Risiko der Wertentwicklung einkalkulieren.
Kassenbon_Kerstin
Beiträge: 17
Registriert: Mi Jun 02, 2021 10:00 pm

Re: Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Beitrag von Kassenbon_Kerstin »

Vielen Dank für die vielen durchdachten Antworten — das hat meine ursprüngliche Frage weit übertroffen. Ich fasse für mich persönlich zusammen: - Die Inflationsthese durch Demografie ist plausibel, aber nicht sicher — Japan zeigt, dass es auch anders laufen kann - Der Lohnkostenkanal und der fiskalische Kanal scheinen für Deutschland am relevantesten zu sein - Praktische Konsequenz: mehr Sachwerte, weniger Nominalzinsprodukte in meiner Sparstrategie - Regionale Diversifikation bei Immobilien beachten — guter Hinweis von Mod_Thomas @Mietwahnsinn_Moni: Was du über die Pflegekosten deiner Oma schreibst, ist erschreckend und sehr konkret. Das ist letztlich der menschliche Kern hinter all den Zahlen. @Netto_Norwin: Du bist tatsächlich Teil des Mechanismus — aber das System zahlt dir damit endlich angemessen. ? Genieß es.
Antworten