Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Inflation, Zinsen, EZB, Geldpolitik, Konjunktur, Steuern allgemein
Kassenbon_Kerstin
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Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Beitrag von Kassenbon_Kerstin »

Hallo zusammen, ich beschäftige mich seit einigen Wochen mit einem Thema, das mir keine Ruhe lässt: dem Zusammenhang zwischen demografischem Wandel und langfristiger Inflation. Als Buchhalterin sehe ich natürlich täglich, wie Preise steigen — aber mich interessiert die strukturelle Frage dahinter. Konkret: Wenn immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentner finanzieren müssen, entsteht doch ein dauerhafter Preisdruck, oder? Meine Überlegung geht so: - Weniger Arbeitskräfte bedeutet höhere Lohnforderungen (Angebotsseite) - Rentner konsumieren weiterhin, produzieren aber nichts mehr (Nachfrageseite bleibt) - Der Staat muss steigende Rentenausgaben irgendwie finanzieren — Stichwort monetäre Staatsfinanzierung - Pflegedienstleistungen werden massiv teurer, weil Fachkräfte knapp werden Ich habe einen Artikel auf einem Wirtschaftsblog gelesen, der auf eine Studie der BIS (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich) verweist. Demnach wirkt Bevölkerungsalterung tatsächlich inflationär — entgegen der älteren Lehrmeinung, die eher von Deflation durch sinkende Nachfrage ausging. Was denkt ihr? Gibt es hier Leute, die sich tiefer damit befasst haben? Ich frage auch, weil mich das für meine eigene Altersvorsorge-Planung interessiert — wenn strukturelle Inflation kommt, muss ich meine Strategie anpassen.
NordbankNorbert
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Re: Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Beitrag von NordbankNorbert »

Eine sehr valide Fragestellung, Kassenbon_Kerstin. Die BIS-Studie, auf die Sie anspielen, dürfte die von Goodhart und Pradhan sein — „The Great Demographic Reversal" (2020). Die These dort ist tatsächlich, dass die deflationären Effekte der Globalisierung und der chinesischen Arbeitskräftewelle auslaufen und durch demografisch bedingte Knappheiten ersetzt werden. Aus meiner Banktätigkeit kann ich sagen: Wir sehen das bereits im Kreditmarkt. Pflegeimmobilien und Gesundheitsinfrastruktur sind enorm kapitalintensiv und die Finanzierungskosten werden auf die Endverbraucher umgelegt. Allerdings würde ich eine Gegenhypothese nicht unterschlagen: Produktivitätssteigerungen durch KI und Automatisierung könnten den Arbeitskräftemangel teilweise kompensieren und den Preisdruck dämpfen. Das ist kein Widerspruch zur demografischen Inflationsthese, sondern eine Abmilderung davon.
ETF_Opa_Günni
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Re: Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Beitrag von ETF_Opa_Günni »

Als einer der Rentner, die ihr hier so munter als Inflationstreiber bezeichnet ?, kann ich das natürlich nicht unkommentiert lassen! Im Ernst: Ich habe das als Ingenieur in den 80ern schon anders erlebt. Damals hieß es, die Babyboomer würden alles teurer machen wenn sie ins Rentenalter kommen. Nun sind wir da — und ja, ich glaube, die These stimmt diesmal wirklich. Ich merke es selbst: Handwerker kriege ich kaum noch, und wenn, dann zu Preisen die vor 10 Jahren undenkbar warn. Mein Heizungsinstallateur hat mir letzes Jahr gesagt, er könnte drei Mal so viel Aufträge annehmen wenn er die Leute hätte. Das ist Demografie pur. Zur Altersvorsorge: Sachwerte und breite ETF-Streuung sind in einem strukturell inflationären Umfeld vermutlich sinnvoller als langlaufende Anleihen. Aber das wisst ihr hier ja besser als ich. ?
WochenendWarrior_Waldi
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Re: Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Beitrag von WochenendWarrior_Waldi »

Moin! Als KFZ-Meister kann ich das voll bestätigen. ? Ich such seit 2 Jahren nen Azubi, null zu kriegen. Und die Gesellen die ich noch hab wissen das natürlich und fordern entsprechend. Is ja auch ihr gutes recht! Aber mal ehrlich — das is doch nicht nur Demografie. Die Jungen wollen halt keinen Handwerkerberuf mehr. Alle wollen studieren und dann irgendwas mit Medien machen oder so. ? Da is die Bildungspolitik genauso schuld wie der demografische Wandel. Trotzdem: Werkstattpreise gehen durch die decke und ich kann auch nicht anders. Meine Teilepreise explodieren, Lohnkosten steigen — das gibt ich weiter. Tut mir leid aber anders geht's net.
ZinsZählerZeno
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Re: Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Beitrag von ZinsZählerZeno »

Die Goodhart/Pradhan-These ist interessant, aber ich würde sie nicht unkritisch übernehmen. Es gibt durchaus namhafte Ökonomen wie Charles Goodhart selbst, aber auch Gegenstimmen aus dem IWF-Umfeld, die argumentieren, dass ältere Bevölkerungen ihre Ersparnisse auflösen und damit Kapitalangebot erhöhen — was ceteris paribus zinssenkend und tendenziell deflationär wirkt. Das Entscheidende ist also: Welcher Effekt dominiert — der Nachfrageüberhang durch Rentnerkonsum oder das erhöhte Kapitalangebot durch Entsparen? Die empirische Evidenz ist gemischt, Japan ist das klassische Gegenbeispiel zur Inflationsthese. Für die Altersvorsorge-Strategie von Kassenbon_Kerstin würde ich dennoch einen gewissen Inflationsschutz einbauen — nicht weil die Inflationsthese sicher stimmt, sondern weil das Risiko asymmetrisch ist: Inflationsschutz kostet wenig, fehlendes Inflationsschutz kann teuer werden.
GoldkäferGertrude
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Re: Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Beitrag von GoldkäferGertrude »

Ich kaufe seit Jahren physisches Gold als Absicherung gegen genau dieses Szenario. Nicht weil ich Crashprophetin bin, sondern weil ich die Staatsfinanzen langfristig nicht für stabil halte wenn das Rentner-zu-Beitragszahler-Verhältnis weiter kippt. 2023 waren es laut Statistischem Bundesamt etwa 35 Rentner auf 100 Beitragszahler. Bis 2040 soll das Verhältnis auf über 50 steigen. Das ist keine Panikmache, das ist Mathematik. Ob das zwingend Inflation bedeutet oder eher Steuererhöhungen oder Leistungskürzungen — das weiß ich auch nicht genau. Aber irgendwas davon kommt ganz sicher. Gold hat zumindest historisch gegen alle drei Szenarien ganz gut funktioniert.
FinanzFrischling_Finja
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Re: Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Beitrag von FinanzFrischling_Finja »

okay ich steh hier grad ein bisschen auf dem schlauch ? kann jemand erklären was genau mit „monetäre Staatsfinanzierung" gemeint ist? Kerstin hat das kurz erwähnt aber ich blick da nicht ganz durch. ich studier zwar soziale Arbeit aber Wirtschaft interessiert mich auch, nur die Fachbegriffe hauen mich manchmal um ?
Disposchulden_Detektiv
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Re: Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Beitrag von Disposchulden_Detektiv »

@FinanzFrischling_Finja: Gerne kurz erklärt. Monetäre Staatsfinanzierung bedeutet vereinfacht, dass der Staat seine Ausgaben nicht durch Steuern oder Anleihen an private Investoren finanziert, sondern indem die Zentralbank Geld „druckt" — also Staatsanleihen direkt kauft oder neues Geld schöpft. Das ist in der Eurozone der EZB formal verboten, wurde aber durch verschiedene Anleihekaufprogramme (Stichwort QE) zumindest angegrenzt. Wenn ein Staat durch steigende Rentenausgaben unter Druck gerät und die politische Bereitschaft zu echten Reformen fehlt, ist der Weg über die Notenpresse historisch gesehen verlockend — und inflationär. In Japan hat man das jahrzehntelang gemacht mit teils merkwürdigen Ergebnissen: trotz massiver Geldmengenausweitung kaum Inflation, weil demographisch bedingt die interne Nachfrage schwach war. Das zeigt, wie komplex das Zusammenspiel der Faktoren ist.
Mietwahnsinn_Moni
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Re: Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Beitrag von Mietwahnsinn_Moni »

als Pflegerin kann ich euch sagen: der Fachkräftemangel im Gesundheitsbereich ist BRUTAL ? wir haben auf meiner Station seit nem Jahr 3 Stellen nicht besetzt. die arbeit bleibt trotzdem liegen... also wir machen sie halt. und die Pflegeheimplätze werden echt teurer, meine Oma zahlt jetzt fast 4.000€ im Monat für nen Heimplatz und die Pflegekasse deckt davon vielleicht die Hälfte. das is vor 5 Jahren noch anders gewesen. das ist für mich sehr konkrete demographische Inflation. keine theorie, echtes geld das meine Familie stemmen muss ?
RentenpunktRosemarie
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Re: Demografischer Wandel als Inflationstreiber — wird das Preisniveau durch Bevölkerungsalterung strukturell erhöht?

Beitrag von RentenpunktRosemarie »

Als Rentnerin lese ich hier mit gemischten Gefühlen. Natürlich verstehe ich die Sorgen der jüngeren Generation — aber ich möchte doch darauf hinweisen, dass die heutigen Rentner ihr Leben lang in das System eingezahlt haben. Das ist kein Geschenk, das ist aufgeschobener Lohn. Zur eigentlichen Frage: Ich erlebe Inflation sehr konkret. Meine Rente stieg letztes Jahr um rund 4,5 Prozent — klingt gut, aber Lebensmittel, Energie und vor allem Artzrechnungen (ich meine Zuzahlungen und nicht erstattete Leistungen) sind deutlich stärker gestiegen. Ob das demografisch bedingt ist oder andere Ursachen hat — das vermag ich nicht zu beurteilen. Aber dass Rentner unter Inflation leiden, nicht davon profitieren, das möchte ich klarstellen.
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