Hebel-ETPs auf S&P 500 (2x) — sinnvolle Beimischung im Langfristdepot oder doch nur Zocker-Spielzeug?

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Girokonto_Gabi_Gera
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Hebel-ETPs auf S&P 500 (2x) — sinnvolle Beimischung im Langfristdepot oder doch nur Zocker-Spielzeug?

Beitrag von Girokonto_Gabi_Gera »

Hallo zusammen ? ich bin ja eigentlich eher die ruhige Sorte hier, hab meinen MSCI World ETF, bisschen DKB-Festgeld und gut ist. Aber ich hab letzte Woche nen Artikel gelesen über diese gehebelten ETPs — konkret sowas wie nen 2x S&P 500 Ding. Und jetzt juckt mich das ehrlich gesagt. Die Idee war: nicht alles damit vollpacken, sondern nur so 5 bis 10% vom Depot damit würzen. Langfristig, also 15+ Jahre Horizont, kein Witz. Ich bin 49, fang erst langsam an das Thema ernst zu nehmen (ja ich weiß, hätte früher... ?). Jetzt hab ich aber auch gelesen von diesem Volatility Decay oder auch Pfadabhängigkeit oder so — klingt erstmal gruselig. Wenn der Markt 10% fällt und dann 10% steigt, ist man beim normalen ETF fast wieder auf Null, aber beim 2x Hebel soll man dann irgendwie hinten liegen? Das hab ich nicht ganz gecheckt. Also meine Fragen: - Ist das was für normale Leute wie mich oder wirklich nur für Zocker? - Macht die kleine Beimischung langfristig überhaupt Sinn oder frisst der Decay das alles auf? - Welche Produkte gibts da überhaupt, die man bei Trade Republic oder so kaufen kann? Bin gespannt was ihr denkt. Und bitte nicht zu akademisch, ich bin Verkäuferin, kein Finanzprofi ?
BudgetBossBalint
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Re: Hebel-ETPs auf S&P 500 (2x) — sinnvolle Beimischung im Langfristdepot oder doch nur Zocker-Spielzeug?

Beitrag von BudgetBossBalint »

Hey Gabi, gute Frage — und du hast den Volatility Decay eigentlich schon ganz gut beschrieben! ? Kurz zur Mathe: Wenn dein Index -10% macht und dann +10%, hast du 0,9 × 1,1 = 0,99 — also -1% Verlust. Beim 2x Hebel wäre das -20% und dann +20%, also 0,8 × 1,2 = 0,96 — du liegst -4% hinten. Das ist der Decay-Effekt, der kommt aus der täglichen Neugewichtung. Jetzt kommt aber das Aber: In einem Trendmarkt nach oben (also genau das, was der S&P 500 historisch war) ist der Decay oft kleiner als der Hebel-Gewinn. Backtest 2010–2024 z.B. mit dem Xtrackers S&P 500 2x Leveraged (ISIN LU0411078552): der hat den normalen S&P 500 über lange Zeiträume deutlich outperformed. Aber — und das ist ein dickes Aber — 2022 hat der 2x Hebel-ETF mal eben ~60% verloren. Kannst du das mit deinen 5–10% durchhalten ohne in Panik zu verkaufen? Das ist die eigentliche Frage.
AktienAntonia_HH
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Re: Hebel-ETPs auf S&P 500 (2x) — sinnvolle Beimischung im Langfristdepot oder doch nur Zocker-Spielzeug?

Beitrag von AktienAntonia_HH »

Gabi ich liebe diese Frage! ? Endlich mal jemand der nicht fragt 'ETF oder Einzelaktien' zum hundertsten Mal. Also ich hab selbst seit 2021 ca. 8% meines Depots in nem 2x S&P 500 ETP laufen, konkret den WisdomTree S&P 500 2x Daily Leveraged. Den gibt's bei Trade Republic tatsächlich. Meine ehrliche Bilanz: 2021 war ich der Held, 2022 hab ich mir fast in die Hose gemacht ?, 2023/24 war wieder super. Netto über alles bin ich besser als mit dem normalen ETF — aber nur weil ich eben NICHT verkauft hab in der Krise. Das ist wirklich der Knackpunkt: 5% Beimischung heißt, wenn das Ding -60% macht, ist dein Gesamtdepot nur -3% davon betroffen. Das ist absolut handhabbar wenn man's einkalkuliert hat.
Rentenrechner_Rudolf
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Re: Hebel-ETPs auf S&P 500 (2x) — sinnvolle Beimischung im Langfristdepot oder doch nur Zocker-Spielzeug?

Beitrag von Rentenrechner_Rudolf »

Ich möchte hier eine etwas nüchternere Perspektive einbringen, auch wenn ich damit vielleicht den Enthusiasmus etwas dämpfe. Die Outperformance gehebelter Produkte in Backtests ist methodisch mit Vorsicht zu genießen. Wir befanden uns seit 2009 in einem der längsten Bullenmärkte der Geschichte. Ein Backtest über diesen Zeitraum ist kein Beweis für die Zukunftstauglichkeit. Konkret zu bedenken: - Die Finanzierungskosten des Hebels (oft 0,5–1% p.a. zusätzlich zur TER) werden gerne vergessen. - In einem Seitwärtsmarkt über mehrere Jahre — etwa wie 2000–2007 — hätte ein 2x Produkt massiv underperformed. - Die steuerliche Behandlung beim Rebalancing ist nicht trivial. Ich will das Produkt nicht verteufeln. Aber wer es nutzt, sollte die Mechanik vollständig verstanden haben. Frau Gabi, ich meine das nicht herablassend — aber der Satz 'ich hab nicht ganz gecheckt' beim Volatility Decay gibt mir zu denken. Bitte lesen Sie sich das noch einmal gründlich durch bevor Sie handeln.
Girokonto_Gabi_Gera
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Re: Hebel-ETPs auf S&P 500 (2x) — sinnvolle Beimischung im Langfristdepot oder doch nur Zocker-Spielzeug?

Beitrag von Girokonto_Gabi_Gera »

@Rentenrechner_Rudolf och, das nehm ich dir nicht übel ? du hast ja recht, ich sollte das erstmal richtig verstehen. Aber genau deswegen frag ich ja hier! Die Sache mit den Finanzierungskosten hab ich gar nicht auf dem Schirm gehabt, danke für den Hinweis.
FinanzPhilosophin_Frauke
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Re: Hebel-ETPs auf S&P 500 (2x) — sinnvolle Beimischung im Langfristdepot oder doch nur Zocker-Spielzeug?

Beitrag von FinanzPhilosophin_Frauke »

Was ich hier bisher vermisse, ist eine ehrliche Diskussion über das warum. Warum möchte man überhaupt hebeln? Das klassische Argument lautet: Mit 90% normalem ETF und 10% 2x Hebel-ETP hat man effektiv ein 1,1-fach gehebeltes Portfolio — aber mit besserem Risikoprofil als 100% in einem 1,1x Produkt. Das ist sogar akademisch fundiert, Stichwort 'Lifecycle Investing' von Ayres und Nalebuff. Das Problem in der Praxis: Die meisten Menschen, die sich ein gehebeltes Produkt kaufen, kaufen es nicht wegen dieser eleganten Portfoliotheorie. Sie kaufen es, weil sie mehr Rendite wollen und die Risiken unterschätzen. Gabi, ich sage nicht, dass du das tust — du klingst durchaus reflektiert. Aber ich würde mir die Frage stellen: Hast du deinen normalen ETF-Sparplan bereits optimiert? Sparst du maximal in deinen regulären ETF? Falls nicht, ist das der einfachere erste Schritt.
EinzelkindEike_Invest
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Re: Hebel-ETPs auf S&P 500 (2x) — sinnvolle Beimischung im Langfristdepot oder doch nur Zocker-Spielzeug?

Beitrag von EinzelkindEike_Invest »

Lol Frauke macht wieder Philosophiestunde ? aber okay sie hat halt auch recht. Ich sag mal so: Ich hab 2021 angefangen mit dem 2x Kram, 15% Depotanteil (ja ich weiß, zu viel). 2022 hat mich das psychologisch fast zerstört. Hab zum Glück nicht verkauft aber es war nicht schön. Jetzt hab ich's auf 7% runtergefahren und gut ist. Mit 5–10% wie Gabi es plant — das ist eigentlich die vernünftige Variante. ?
KreditklemmeKathrin
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Re: Hebel-ETPs auf S&P 500 (2x) — sinnvolle Beimischung im Langfristdepot oder doch nur Zocker-Spielzeug?

Beitrag von KreditklemmeKathrin »

ich verstehs ehrlich gsagt immer noch nicht ganz ? also wenn ich 10.000€ depot hab und 1000€ in so ein 2x ding stecke — und das ding verliert 60% — dann hab ich 400€ übrig von den 1000€ und der rest vom depot ist hoffentlich noch okay? Ist das richtig? klingt dann eigentlich nicht so schlimm aber ich würd bei sowas trotzdem schlecht schlafen lol
BudgetBossBalint
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Re: Hebel-ETPs auf S&P 500 (2x) — sinnvolle Beimischung im Langfristdepot oder doch nur Zocker-Spielzeug?

Beitrag von BudgetBossBalint »

>> @KreditklemmeKathrin schrieb: ich verstehs ehrlich gsagt immer noch nicht ganz — wenn ich 10.000€ depot hab und 1000€ in so ein 2x ding stecke und das ding verliert 60% — dann hab ich 400€ übrig?Ja, genau so! ? Du hast's perfekt durchgerechnet. Dein Gesamtdepot wäre dann noch 9.400€ — also nur -6% vom Gesamtwert. Das ist tatsächlich der Hauptgrund warum die kleine Beimischung vertretbar ist: das Risiko bleibt begrenzt.
Versicherungsmuffel_Vikt
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Re: Hebel-ETPs auf S&P 500 (2x) — sinnvolle Beimischung im Langfristdepot oder doch nur Zocker-Spielzeug?

Beitrag von Versicherungsmuffel_Vikt »

Ich will mal kurz das Elefanten-im-Raum-Problem ansprechen: Diese 2x ETPs sind keine ETFs. Das ist ein wichtiger Unterschied der oft untergeht. ETFs sind Sondervermögen — wenn der Anbieter pleite geht, ist dein Geld geschützt. ETPs (speziell die Swap-basierten oder besicherten Schuldverschreibungen) haben ein Emittentenrisiko. Bei WisdomTree-Produkten zum Beispiel sind die Produkte zwar besichert, aber die genaue Struktur sollte man kennen. Das ist kein Grund das nicht zu kaufen, aber Gabi fragte ja explizit ob sie die Mechanik versteht. Diesen Punkt sollte man auf dem Zettel haben.
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