Geldmenge M1/M2/M3 — was steckt dahinter und warum schweigt die EZB heute darüber?

Inflation, Zinsen, EZB, Geldpolitik, Konjunktur, Steuern allgemein
ETF_Entdecker_Eddi
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Geldmenge M1/M2/M3 — was steckt dahinter und warum schweigt die EZB heute darüber?

Beitrag von ETF_Entdecker_Eddi »

Moin zusammen ? Ich bin grad dabei, mich mehr mit Makroökonomie zu beschäftigen, weil ich verstehen will, warum Inflation entsteht und wie Geldpolitik überhaupt funktioniert. Dabei bin ich über die Begriffe M1, M2 und M3 gestolpert — und ehrlich gesagt blick ich da noch nicht ganz durch. Was ich so verstanden hab: - M1 ist irgendwie das „echte" Bargeld plus Girokonten - M2 kommt noch Spar- und Tagesgeld dazu - M3 ist nochmal breiter, da sind auch Fonds und sowas drin? Aber ich bin mir nicht sicher ob das stimmt. Und dann hab ich gelesen, dass die EZB früher M3 als ihren wichtigsten Indikator für Inflation hatte — die sogenannte „Zwei-Säulen-Strategie" oder so. Heute liest man davon fast nix mehr. Die reden nur noch von Inflationszielen und Leitzinsen. Warum hat die EZB das M3-Ziel aufgegeben? Hat das nicht mehr funktioniert? Oder war das politisch? Und was sagt uns M3 heute noch, wenn man selbst draufschaut? Ich frag das auch weil ich wissen will ob ich als kleiner ETF-Sparer irgendwas aus den Geldmengendaten rauslesen kann — oder ob das nur was für Volkswirte ist ? Danke schonmal!
Quellensteuer_Quentin
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Re: Geldmenge M1/M2/M3 — was steckt dahinter und warum schweigt die EZB heute darüber?

Beitrag von Quellensteuer_Quentin »

Gute Frage, das verwirrt tatsächlich viele. Lass mich das etwas strukturieren. M1 umfasst Bargeld im Umlauf sowie täglich fällige Einlagen — also das, was du sofort ausgeben kannst. Dein Guthaben auf dem DKB-Girokonto zählt dazu. M2 = M1 plus Einlagen mit einer Laufzeit bis zwei Jahre und Einlagen mit einer Kündigungsfrist bis drei Monate. Klassisches Tagesgeld bei ING oder Comdirect fällt hier rein. M3 = M2 plus Repogeschäfte, Geldmarktfondsanteile und bestimmte Schuldverschreibungen bis zwei Jahre. Das ist das breiteste Aggregat und misst, wie viel „Geldähnliches" im System schwimmt. Die EZB hatte bis 2003 offiziell ein Referenzwachstumsziel für M3 von 4,5 % pro Jahr. Die Idee: Wächst die Geldmenge zu schnell, folgt Inflation. Das stammt noch aus der Bundesbank-Tradition — Milton Friedmans Monetarismus lässt grüßen. Das Problem: In den 2000ern entkoppelte sich M3 zunehmend vom Inflationsgeschehen. Banken verbrieften Kredite aus der Bilanz heraus, neue Finanzinstrumente entstanden — M3 schoss hoch, Inflation blieb moderat. Die Zwei-Säulen-Strategie wurde 2003 reformiert und M3 von der ersten zur zweiten, nachgeordneten Säule degradiert. Heute ist es nur noch ein Indikator unter vielen.
AzubiAndreas_Dortmund
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Re: Geldmenge M1/M2/M3 — was steckt dahinter und warum schweigt die EZB heute darüber?

Beitrag von AzubiAndreas_Dortmund »

ok warte kurz ? also M1 ist quasi das Geld das ich auf meinem N26-Konto hab und M3 ist dann nochmal irgendwelche komischen Bankprodukte drüber? klingt als hätten Banker das extra kompliziert gemacht damit wir nix verstehen lol
Versicherungsmuffel_Vikt
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Re: Geldmenge M1/M2/M3 — was steckt dahinter und warum schweigt die EZB heute darüber?

Beitrag von Versicherungsmuffel_Vikt »

@AzubiAndreas_Dortmund Naja, so ganz falsch ist das nicht. Die Abgrenzungen sind historisch gewachsen und jede Zentralbank definiert das leicht anders. Die Fed hat M3 2006 komplett abgeschafft und veröffentlicht die Daten nicht mal mehr. Die EZB macht es wenigstens noch. Was mich persönlich interessiert: M3 ist zwischen 2020 und 2022 extrem stark gewachsen — über 10 % in manchen Monaten — und kurz danach kam die Inflation. Wer M3 im Blick hatte, war also vorgewarnt. Insofern ist das Aggregat nicht wertlos, nur kein automatischer Autopilot mehr für die Geldpolitik.
SchwäbischerSparer_HG
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Re: Geldmenge M1/M2/M3 — was steckt dahinter und warum schweigt die EZB heute darüber?

Beitrag von SchwäbischerSparer_HG »

Ich sag's mal so: Die Bundesbank hat jahrzehntelang auf M3 geschaut wie der Schwabe auf seinen Kontostand — täglich und misstrauisch. Hat auch gut funktioniert, solange die Wirtschaft überschaubar war. Dann kam der Euro, 19 Länder mit völlig unterschiedlichen Bankensystemen, und plötzlich passt das M3-Korsett ned mehr. Ein spanisches Sparkassensystem ist halt anders als ein deutsches Sparkassensystem. Was soll M3 da noch einheitlich messen? Das Referenzziel von 4,5% war sowieso immer ein bisserl Folklore. Hab ich in der Ausbildung noch auswendig gelernt, heute isses Makulatur. ?
Mod_Ingrid_Finanzen
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Re: Geldmenge M1/M2/M3 — was steckt dahinter und warum schweigt die EZB heute darüber?

Beitrag von Mod_Ingrid_Finanzen »

Schöner Thread, danke für die Frage @ETF_Entdecker_Eddi. Ich möchte noch einen Aspekt ergänzen, der oft vergessen wird. Die Entkopplung von M3 und Inflation hat auch damit zu tun, dass Geld nicht mehr gleichmäßig in die Realwirtschaft fließt. Nach 2008 hat die EZB massiv Liquidität ins System gepumpt — aber ein Großteil landete in Vermögenspreisen: Immobilien, Aktien, Anleihen. Die Verbraucherpreisinflation blieb niedrig, Assetpreise explodierten. Das klassische Transmissionsmodell — mehr Geld → höhere Preise — funktioniert so simpel nicht mehr. Für die Praxis: Die EZB veröffentlicht M3-Daten weiterhin monatlich auf ihrer Website. Wer mag, kann dort selbst nachschauen. Für einen Privatanleger ist es aber eher ein Hintergrundrauschen als ein Handelssignal.
FreistellungsauftragFred
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Re: Geldmenge M1/M2/M3 — was steckt dahinter und warum schweigt die EZB heute darüber?

Beitrag von FreistellungsauftragFred »

Zur Vollständigkeit möchte ich die genauen EZB-Definitionen noch einmal festhalten, da hier im Thread einige Ungenauigkeiten mitschwingen: - M1: Bargeldumlauf plus täglich fällige Einlagen bei Kreditinstituten und der Zentralregierung. - M2: M1 plus Einlagen mit vereinbarter Laufzeit bis zu zwei Jahren plus Einlagen mit vereinbarter Kündigungsfrist bis zu drei Monaten. - M3: M2 plus Repogeschäfte plus Anteile an Geldmarktfonds plus Schuldverschreibungen mit einer Laufzeit bis zu zwei Jahren. Das Referenzwachstum von 4,5 % für M3 wurde 1998 eingeführt und basierte auf der Quantitätsgleichung MV = PY. Es wurde davon ausgegangen, dass die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes (V) stabil ist. Diese Annahme erwies sich als unhaltbar. Ergänzend existiert noch M0 (Zentralbankgeld: Bargeld plus Mindestreserven der Geschäftsbanken bei der EZB), das in der öffentlichen Kommunikation kaum eine Rolle spielt, für die Transmission aber grundlegend ist.
Azubi_Amelie_2022
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Re: Geldmenge M1/M2/M3 — was steckt dahinter und warum schweigt die EZB heute darüber?

Beitrag von Azubi_Amelie_2022 »

okay ich hab das jetzt dreimal gelesen und ich glaub ichs hab ? also quasi: M1 = sofort verfügbar, M2 = bald verfügbar, M3 = irgendwie auch Geld aber komplizierter? und die EZB hat gemerkt dass mehr M3 nicht automatisch mehr Inflation bedeutet weil das Geld einfach woanders hingeflossen ist (Aktien, Häuser usw)? hab ich das richtig? ?
Quellensteuer_Quentin
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Re: Geldmenge M1/M2/M3 — was steckt dahinter und warum schweigt die EZB heute darüber?

Beitrag von Quellensteuer_Quentin »

@Azubi_Amelie_2022 Ja, das ist eine sehr gute Kurzfassung. Der Fachbegriff für das Problem ist übrigens Velocity of Money — die Umlaufgeschwindigkeit. Wenn neu geschaffenes Geld in Vermögensmärkten „geparkt" wird statt in Konsum zu fließen, steigen die Konsumentenpreise nicht entsprechend. Genau das war nach 2008 zu beobachten.
BudgetBrigitte_DO
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Re: Geldmenge M1/M2/M3 — was steckt dahinter und warum schweigt die EZB heute darüber?

Beitrag von BudgetBrigitte_DO »

Ich finde es gut dass du dich damit beschäftigst @ETF_Entdecker_Eddi, aber ich möchte auch kurz die praktische Seite ansprechen. ? Als ich angefangen habe, mich für sowas zu interessieren, hab ich gemerkt: Man kann sich in Makrothemen wochenlang reinknien und am Ende trotzdem keine besseren Anlageentscheidungen treffen als jemand der einfach stur in einen MSCI World ETF bei Trade Republic einzahlt. M3-Daten können interessant sein um zu verstehen warum Inflation entsteht. Aber als Timing-Signal für Käufe oder Verkäufe haben sie sich historisch nicht bewährt. Selbst Profis liegen da oft daneben. Also: verstehen — ja unbedingt! Aber nicht zu viel Entscheidungsgewicht drauf legen. ?
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