Rebalancing im Depot — wie oft macht ihr das und nach welcher Regel?
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Renten_Rebell_Rolf
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Rebalancing im Depot — wie oft macht ihr das und nach welcher Regel?
Moin zusammen,
ich bin jetzt seit gut drei Jahren im Ruhestand und hab mir in der Zeit ein kleines Depot aufgebaut. Hauptsächlich zwei ETFs — ein MSCI World und ein EM — plus ein bisschen Tagesgeld als Puffer. Zielgewichtung war mal 70/30 beim Aktienanteil.
Jetzt ist der World-Anteil durch die Rally der letzten Monate auf fast 78% geklettert und ich frage mich: wann und wie rebalanciert ihr eigentlich?
Ich hab schon gelesen von der 5%-Schwelle (also erst wenn eine Position mehr als 5 Prozentpunkte vom Ziel abweicht), und dann gibt es die Leute die das einfach jährlich machen egal was. Was ist sinnvoller?
Und was mich noch mehr beschäftigt: wenn ich jetzt Anteile vom World verkaufe um den EM aufzustocken, dann löse ich ja Gewinne aus. Mein Freistellungsauftrag ist schon fast ausgeschöpft. Das kostet mich dann Abgeltungssteuer. Lohnt sich das Rebalancing dann überhaupt noch?
Mein Depot hat einen Gesamtwert von ca. 85.000 Euro — ist das groß genug dass man sich überhaupt die Mühe macht? Oder einfach laufen lassen?
Würd mich freuen wenn ein paar erfahrene Leute hier ihre Strategie teilen.
Gruß Rolf
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VerbraucherzentraleVinze
- Beiträge: 7
- Registriert: Fr Feb 21, 2020 11:00 pm
Re: Rebalancing im Depot — wie oft macht ihr das und nach welcher Regel?
Sehr geehrter Rolf,
das ist eine ausgezeichnete Frage, die viele Anleger im Rentenalter beschäftigt. Ich möchte zunächst zwischen zwei grundlegenden Ansätzen unterscheiden:
- Zeitbasiertes Rebalancing: einmal jährlich, unabhängig von der tatsächlichen Abweichung. Vorteil: einfach, diszipliniert, planbar.
- Schwellenwertbasiertes Rebalancing: erst bei Überschreitung einer definierten Abweichung (häufig 5 Prozentpunkte). Vorteil: steuerlich günstiger, da seltener Transaktionen anfallen.
Bei einem Depot von 85.000 Euro ist Rebalancing durchaus sinnvoll. Die steuerliche Komponente, die Sie ansprechen, ist jedoch nicht zu vernachlässigen. Wenn Ihr Freistellungsauftrag ausgeschöpft ist, fällt auf realisierte Gewinne die Abgeltungssteuer von 25% zuzüglich Solidaritätszuschlag an.
Eine oft übersehene Alternative: Rebalancing durch Zukäufe statt Verkäufe. Wenn Sie regelmäßig frisches Geld investieren oder Dividenden reinvestieren, können Sie die untergewichtete Position (in Ihrem Fall EM) einfach überproportional aufstocken, ohne Gewinne zu realisieren. Das spart Steuern und ist für ein Depot Ihrer Größe sehr empfehlenswert.
Die 8 Prozentpunkte Abweichung (Ziel 70%, aktuell 78%) würde ich noch nicht als akuten Handlungsbedarf werten.
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Null_Schulden_Niko
- Beiträge: 16
- Registriert: Sa Nov 21, 2020 11:00 pm
Re: Rebalancing im Depot — wie oft macht ihr das und nach welcher Regel?
Hey Rolf! ?
Kurze Antwort von mir: ich mach das über Zukäufe, nicht über Verkäufe. Spar dir die Steuer-Kopfschmerzen.
Ich hab auch nen World/EM-Mix und wenn der World zu groß wird, kauf ich einfach nen Monat lang nur EM nach. Fertig. Kein Finanzamt, kein Papierkram, kein Stress. Bei deinen 85k würd ich genauso vorgehen — hast du denn noch monatliche Sparraten oder ist das Depot so abgeschlossen? ?
Wenn du nichts mehr einzahlst, ist die Sache natürlich komplizierter, aber auch dann würd ich erst ab 10% Abweichung überhaupt drüber nachdenken.
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VorruhestandsVogler
- Beiträge: 13
- Registriert: Mo Dez 02, 2019 11:00 pm
Re: Rebalancing im Depot — wie oft macht ihr das und nach welcher Regel?
Rolf, gute Frage zum richtigen Zeitpunkt. Ich stehe selbst kurz vor dem Ruhestand und beschäftige mich intensiv damit.
Meine aktuelle Strategie ist eine Kombination: Ich prüfe jährlich im Januar den Stand und greife nur dann aktiv ein, wenn die Abweichung mindestens 5 Prozentpunkte beträgt. So vermeide ich unnötige Transaktionen, behalte aber die Kontrolle.
Was den steuerlichen Aspekt angeht: 85.000 Euro mit einer Abweichung von 8 Prozentpunkten bedeutet, dass der World-ETF etwa 6.800 Euro zu viel ausmacht. Wenn der durchschnittliche Einstandspreis deutlich unter dem aktuellen Kurs liegt, können da schnell 2.000-3.000 Euro steuerpflichtiger Gewinn entstehen. Das sollte man vorher durchrechnen.
Der Tipp von Vinzenz mit den Zukäufen ist wirklich gut — haben Sie noch Spielraum für Nachkäufe?
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BavarianBudgetBuam
- Beiträge: 21
- Registriert: So Aug 16, 2020 10:00 pm
Re: Rebalancing im Depot — wie oft macht ihr das und nach welcher Regel?
Ois klar Rolf ? also ich machs ganz pragmatisch: einmal im Jahr schau ich drauf, trink dabei ein Weißbier, und wenn irgendwas mehr als 5% daneben liegt, kauf ich nach. Verkaufen kommt mir ned ins Depot solange ich noch Geld zum Nachschießen hab.
Steuer ist doch der Feind vom Rebalancing, des weiß jeder ? Also immer erst schauen ob man über Käufe hinkommt bevor man verkauft. Des klingt simpel ist aber bei vielen Leuten ned der erste Gedanke.
85k find ich übrigens groß genug zum Rebalancen, unter 20k würd ich's mir vielleicht sparen.
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Abgeltungssteuer_August
- Beiträge: 27
- Registriert: So Sep 13, 2020 10:00 pm
Re: Rebalancing im Depot — wie oft macht ihr das und nach welcher Regel?
Als Steuerberater möchte ich hier einige präzise Hinweise geben:
Zur steuerlichen Situation beim Rebalancing durch Verkauf:
- Abgeltungssteuer: 25% auf den Gewinn
- Solidaritätszuschlag: 5,5% auf die Abgeltungssteuer, also effektiv 26,375%
- Kirchensteuer, sofern zutreffend, kommt hinzu
Wichtig: Der Freistellungsauftrag beträgt seit 2023 für Alleinstehende 1.000 Euro, für zusammen veranlagte Ehepaare 2.000 Euro. Wenn dieser bereits ausgeschöpft ist, ist jeder weitere realisierte Gewinn unmittelbar steuerpflichtig.
Ein oft unterschätzter Aspekt: Bei älteren ETF-Positionen, die vor 2009 erworben wurden, gilt Bestandsschutz (Steuerfreiheit). Positionen nach 2009 bis Ende 2017 unterliegen den alten Regeln, ab 2018 gilt die Teilfreistellung von 30% für Aktienfonds-ETFs.
Mein Rat: Prüfen Sie zunächst, ob Rebalancing über Zukäufe möglich ist. Falls Verkäufe unvermeidbar sind, sollte man diese über mehrere Steuerjahre strecken, um den Freistellungsbetrag optimal zu nutzen. Eine individuelle steuerliche Beratung ist bei Depots dieser Größenordnung empfehlenswert.
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SteuerSparerin_Sina
- Beiträge: 11
- Registriert: Mi Mär 18, 2020 11:00 pm
Re: Rebalancing im Depot — wie oft macht ihr das und nach welcher Regel?
Ergänzend zu meinem Kollegen August noch ein praktischer Punkt, der hier noch nicht erwähnt wurde:
Wenn Sie, Rolf, Ihre Dividenden oder Ausschüttungen nicht automatisch reinvestieren, sondern manuell anlegen, können Sie diese gezielt für das Rebalancing nutzen. Ausschüttungen sind zwar auch steuerpflichtig (auf den Ausschüttungsbetrag), aber Sie zahlen die Steuer ohnehin — den Netto-Betrag können Sie dann in die untergewichtete Position lenken.
Außerdem: Falls Sie im laufenden Jahr noch Verluste in anderen Positionen realisiert haben (oder realisieren könnten), lassen sich diese mit den Rebalancing-Gewinnen verrechnen. Verlustverrechnungstöpfe bei Ihrer Depotbank prüfen!
Und noch etwas: Bei Trade Republic, DKB oder ING können Sie die Verlustverrechnungstöpfe online einsehen. Das sollte vor jedem geplanten Rebalancing-Verkauf der erste Schritt sein.
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Nebenjob_Nele
- Beiträge: 16
- Registriert: Mo Aug 22, 2022 10:00 pm
Re: Rebalancing im Depot — wie oft macht ihr das und nach welcher Regel?
Oh wow, der Thread ist super hilfreich ? ich bin zwar noch jung und mein Depot ist winzig (ca. 8k bei Trade Republic), aber ich frag mich schon ob ich das überhaupt machen soll.
Ich hab mal gelesen, dass bei kleinen Depots das Rebalancing durch Verkaufen sich wegen der Transaktionskosten und Steuern kaum lohnt. Ist das bei euch auch so ein Konsens? ?
Ich mach's aktuell einfach durch die monatliche Sparrate anpassen — wenn der MSCI World zu groß wird, erhöh ich kurz den EM-Sparplan. Klingt doch eigentlich logisch oder? ?
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GiroKontoGustav
- Beiträge: 14
- Registriert: Mi Dez 04, 2019 11:00 pm
Re: Rebalancing im Depot — wie oft macht ihr das und nach welcher Regel?
Ich muss ehrlich sagn, ich hab jahrelang gar nicht rebalanciert. Einfach vergessen oder keine Lust gehabt. Mein Depot ist jetzt komplett schief — fast alles in einem DAX-ETF der sich gut entwickelt hat, und der Rest gammelt rum.
Aber ob das schlimm ist? Kein Ahnung. Ich schlaf jedenfals gut dabei ? Vielleicht ist das auch eine Strategie: einfach den Gewinnern laufen lassen. Hab ich irgendwo gelesen nennen das manche 'Momentum-Ansatz'.
Allerdings... Rolf dein Fall klingt organisierter als meiner. Du machst das schon richtig indem du drüber nachdenkst.
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PKV_Probleme_Peter
- Beiträge: 14
- Registriert: Sa Okt 10, 2020 10:00 pm
Re: Rebalancing im Depot — wie oft macht ihr das und nach welcher Regel?
@GiroKontoGustav das mit dem 'Gewinner laufen lassen' stimmt zwar für aktives Trading, aber bei einem langfristigen ETF-Portfolio ist das eigentlich kontraproduktiv. Du nimmst damit automatisch mehr Risiko als ursprünglich geplant.
@Renten_Rebell_Rolf zum Thema Schwellenwert: In der Literatur (Kommer, Bernstein etc.) wird oft die 5/25-Regel empfohlen — also rebalancen wenn eine Position entweder 5 Prozentpunkte absolut oder 25% relativ vom Ziel abweicht. Bei deiner 70%-Zielgewichtung wären das 70% +/- 5% = Eingriff ab 65% oder 75%.
Du bist bei 78%, also leicht über der absoluten Schwelle. Aber wie die anderen sagen: erst prüfen ob Zukäufe reichen.