Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?
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KreditmuffelKai
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Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?
Moin zusammen ?
Ich bin Elektriker und arbeite viel auf Industriebaustellen, Schaltanlagen, neue Trafo-Stationen usw. Man merkt das direkt: überall wird umgebaut, Richtung erneuerbare Einspeisung, Wärmepumpen in Produktionshallen, neue Stromverteiler. Das ist auf der einen Seite gut für mich als Elektriker — aber ich frag mich trotzdem, ob das alles für die Betriebe nicht einfach brutal teuer wird auf Dauer.
Konkret mein Gedanke: Wir haben in Deutschland schon jetzt einen der höchsten Industriestrompreise in Europa. Frankreich zahlt durch Atomkraft deutlich weniger. Die USA pumpen grad massiv Subventionen in grüne Industrie (IRA und so). Und dann schau ich mir an, wer bei uns Strom frisst — Stahl, Chemie, Aluminium, Glas, Papier. Das sind alles Branchen, wo Energie direkt in den Produktpreis reingeht.
Meine Frage an euch: Ist das ein temporäres Problem, das sich in 10-15 Jahren von selbst löst wenn Erneuerbare günstiger werden? Oder haben wir strukturell ein Problem, weil die Netzausbaukosten, die Backup-Kapazitäten und der ganze Bürokratiewahnsinn die Strompreise dauerhaft hochhalten? ?
Und was heißt das dann für Jobs? Ich seh das ja live auf den Baustellen, aber der große Blick fehlt mir. Bin gespannt was ihr denkt!
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ETF_Opa_Günni
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Re: Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?
Kai, das ist eine sehr gute Frage und ich freu mich, dass auch jüngere Leute das kritisch hinterfragen.
Ich war 35 Jahre Ingenieur in der Maschinenbaubranche, hab die Ölkrise 73 miterlebt, die Wiedervereinigung, den Euro. Jede dieser Phasen wurde als 'strukturelle Katastrophe' bezeichnet. Manche waren es, manche nicht.
Was mich diesmal wirklich besorgt: Früher hatten wir günstige Energie als Standortvorteil. Das ist weg. Und das kommt nicht zurück, egal wie viele Windräder wir bauen — denn die Netzkosten, die Systemdienstleistungen, die Reservekapazitäten, das alles frisst die Ersparnisse bei den Erzeugungskosten wieder auf. Das ist keine Panikmache, das ist Physik und Ökonomie.
Stahl und Chemie wandern ab. Nicht dramatisch über Nacht, sondern langsam, Investitionsentscheidung für Investitionsentscheidung. Das ist das eigentlich Gefährliche — man merkt es erst wenn es zu spät ist.
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InflationsFlüsterer_Ivo
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Re: Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?
Ich würde das gerne etwas differenzierter einordnen, weil die Diskussion oft in zwei Extreme verfällt.
Fakt ist: Der deutsche Industriestrompreis lag 2023 je nach Abnahmemenge zwischen 15 und 22 Cent/kWh. Frankreich liegt bei 8-12 Cent, USA je nach Bundesstaat bei 5-9 Cent. Das ist kein marginaler Unterschied — das ist ein Faktor 2-3.
Was aber oft vergessen wird: Energieintensive Industrien machen in Deutschland nur ca. 3-4% der Beschäftigung aus. Der Großteil der deutschen Wirtschaft — Maschinenbau, Software, Pharma, Medizintechnik — ist weit weniger stromkostenabhängig. Der Anteil der Energiekosten am Umsatz liegt da meist unter 2%.
Das eigentliche Problem ist die Investitionsunsicherheit. Unternehmen planen 10-20 Jahre im Voraus. Wenn niemand weiß, was Strom 2035 kostet, wird nicht investiert — unabhängig vom aktuellen Preisniveau.
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BudgetPlanerBernd_HB
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Re: Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?
Ich fahr LKW und bring unter anderem Stahl und Chemikalien zu den großen Werken hier im Norden. Man merkt schon was. Thyssen-Krupp in Duisburg, BASF in Ludwigshafen — da liest man ja auch in der Zeitung was passiert. Stellenabbau, Verlagerung von Investitionen.
Mein Kumpel arbeitet bei einem Aluhersteller. Der sagt, die haben 2022/23 die Produktion zeitweise gedrosselt weil sich das bei den Strompreisen nicht gerechnet hat. Sowas hab ich vorher noch nie gehört von dem.
Also ich glaub schon das Kai nen Punkt hat. Ob das dauerhaft ist weis ich nicht, bin kein Ökonom. Aber gefühlt läuft da was in die falsche Richtung.
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AzubiAndreas_Dortmund
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Re: Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?
ok aber mal ehrlich, wir können doch nicht einfach weiter CO2 in die luft blasen nur damit stahl billig bleibt oder ? irgendwann zahlen wir den preis halt anders, nämlich mit klimaschäden die noch teurer sind
und außerdem gibts doch grünen stahl, hab mal was gelesen über Salzgitter die machen das mit wasserstoff. vielleicht ist das halt die zukunft auch wenns grad teuer ist
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GeldwertGerhard_BO
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Re: Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?
@AzubiAndreas_Dortmund — Junge, das ist zu einfach gedacht. Natürlich muss was passieren beim Klima, das bezweifelt hier keiner ernsthaft.
Aber 'grüner Stahl' kostet aktuell das Doppelte bis Dreifache vom konventionellen. Wer kauft den? Wenn ein Autobauer zwischen deutschem Grünstahl und chinesischem Billigstahl wählt, und der Endkunde nicht bereit ist mehr zu zahlen, dann weißt du was passiert.
Ich hab 30 Jahre als Industriemeister gearbeitet, zuletzt im Ruhrgebiet. Die Deindustrialisierung ist kein Schreckgespenst, die läuft seit Jahren. Kohle weg, Stahl geschrumpft, jetzt Chemie unter Druck. Irgendwann ist da nicht mehr viel übrig was man 'transformieren' kann.
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VersicherungsVeronika2
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Re: Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?
Ich möchte einen Aspekt einbringen, der in dieser Diskussion noch fehlt: das Thema Risikobewertung und Versicherbarkeit von Industrierisiken.
In meiner Branche beobachten wir seit etwa 2021 eine deutliche Veränderung bei Betriebsunterbrechungsversicherungen für energieintensive Betriebe. Die Prämien steigen, weil das Risiko von erzwungenen Produktionsstopps durch Strompreisvolatilität oder Netzengpässe gestiegen ist. Einige Versicherer schränken ihre Deckung für bestimmte Szenarien bereits ein.
Das ist ein marktwirtschaftliches Signal, das oft übersehen wird: Wenn Versicherungen das Risiko höher bewerten, dann steckt da eine reale Einschätzung dahinter, keine politische Meinung. Betriebe, die heute noch rechnen können, haben morgen möglicherweise deutlich höhere Absicherungskosten — was den Effekt der Energiekosten nochmals verstärkt.
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HaushaltsbudgetHubi
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Re: Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?
Also ich fahr auch LKW wie Bernd und sag mal so: ich versteh die ganze Debatte gut aber irgendwie dreht sie sich im Kreis oder? Entweder wir machen Energiewende und zahlen mehr, oder wir machen sie nicht und zahlen anderswo mehr (Klimaschäden, CO2-Preise steigen eh durch ETS). Pick your poison wie die Engländer sagen ?
Was mich mehr nervt ist dass wir in Deutschland immer alles besonders kompliziert machen müssen. Windrad beantragen dauert hier 7 Jahre, in Dänemark 2. Das ist doch das eigentliche Problem, nicht die Transformation an sich.
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Abgeltungssteuer_August
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Re: Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?
Ich möchte die steuerliche und beihilferechtliche Dimension ergänzen, da diese für die tatsächliche Wettbewerbsfähigkeit hochrelevant ist.
Deutschland hat verschiedene Entlastungsmechanismen für energieintensive Industrien geschaffen: die besondere Ausgleichsregelung nach EEG (§ 63 ff.), Spitzenausgleich bei Energie- und Stromsteuer, sowie Befreiungen von bestimmten Netzentgelten. Diese Regelungen sind jedoch beihilferechtlich durch EU-Vorgaben begrenzt und wurden in den letzten Jahren mehrfach eingeschränkt.
Das strukturelle Problem aus steuerlicher Sicht: Die Kostenbestandteile des deutschen Strompreises — EEG-Umlage (jetzt Bundeszuschuss), Netzentgelte, Steuern und Abgaben — sind politisch determiniert und damit planungsunsicher. Das erschwert die Investitionskalkulation erheblich. Selbst bei sinkenden Erzeugungskosten können regulatorische Entscheidungen den Endpreis jederzeit nach oben korrigieren.
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KreditKritiker_Konrad
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Re: Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?
Ich arbeite als Disponent und koordiniere Produktionslogistik. Was ich täglich erlebe: Lieferketten werden kürzer und regionaler — was eigentlich gut klingt, aber oft nur bedeutet, dass man von teuren deutschen Vorprodukten abhängig wird statt von günstigen asiatischen.
Das Thema Wasserstoff nervt mich übrigens gewaltig. Alle reden davon als wäre das die Lösung. Aber grüner Wasserstoff kostet heute 5-8 Euro pro Kilo, für wettbewerbsfähige Stahlproduktion bräuchte man unter 2 Euro. Das ist keine Kleinigkeit, das ist ein Faktor 3-4. Und das soll bis 2035 gelöst sein? Ich glaub das wenn ich's seh.