Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?

Inflation, Zinsen, EZB, Geldpolitik, Konjunktur, Steuern allgemein
ZinsjaegerZimmer
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Re: Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?

Beitrag von ZinsjaegerZimmer »

Aus Bankenperspektive möchte ich einen Punkt hervorheben, der die Frage von KreditmuffelKai direkt beantwortet: Ja, die Produktionskosten steigen strukturell — aber die entscheidende Frage ist, ob deutsche Unternehmen diese Kosten durch Produktivität und Innovation kompensieren können. Was ich in der Unternehmensfinanzierung beobachte: Banken bewerten Investitionskredite für energieintensive Sektoren zunehmend strenger. Das Kreditrating von Stahlunternehmen, Aluminiumherstellern und Grundchemie hat sich in den letzten 3 Jahren merklich verschlechtert — nicht nur wegen der Konjunktur, sondern wegen struktureller Margenkompression. Konkret bedeutet das: höhere Kapitalkosten für genau die Unternehmen, die eigentlich in grüne Technologien investieren müssten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das ist ein klassisches Henne-Ei-Problem. Wer sich für die Zahlen interessiert: Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat dazu im Herbst 2023 eine Studie veröffentlicht, die man auf bdi.eu findet.
GrenzgängerGabi_AT
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Re: Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?

Beitrag von GrenzgängerGabi_AT »

Interessante Diskussion! Ich lebe in Österreich und arbeite für ein deutsches Pharmaunternehmen, also hab ich beide Seiten vor Augen. Österreich hat ebenfalls hohe Energiepreise, aber durch einen anderen Mix (viel Wasserkraft) etwas mehr Stabilität. Was ich aber sagen kann: Mein Arbeitgeber hat tatsächlich in den letzten zwei Jahren eine neue Produktionslinie nach Irland verlagert statt nach Bayern. Offiziell wegen 'Gesamtkostenoptimierung' — inoffiziell spielten Energiekosten und regulatorische Unsicherheit eine große Rolle, hat mir mein Kollege aus der Strategie erzählt. Das ist genau das, was ETF_Opa_Günni meint: kein großes Drama, keine Pressemitteilung, einfach still und leise wandert die Investition woanders hin. Und das summiert sich.
NachzahlerNadja
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Re: Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?

Beitrag von NachzahlerNadja »

Ich möchte mal die Gegenseite etwas stärken, weil hier gerade eine recht pessimistische Mehrheitsmeinung entsteht. Was für eine langfristige Entspannung spricht: - Die Grenzgestehungskosten für Solar und Wind sind in Deutschland auf unter 4 Cent/kWh gefallen — das ist historisch niedrig - Der Ausbau der Übertragungsnetze (SuedLink etc.) wird Engpasskosten mittelfristig senken - Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) der EU schützt ab 2026 schrittweise vor Billigimporten aus Ländern ohne CO2-Bepreisung - Die USA und China subventionieren massiv — aber das ist nicht kostenlos, das zahlen deren Steuerzahler Ich sage nicht, dass alles gut wird. Aber die Prämisse 'dauerhaft teurer' ist nicht zwingend. 2030 kann die Welt ganz anders aussehen, wenn der Netzausbau greift.
AltersvorsorgeAnfänger_A
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Re: Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?

Beitrag von AltersvorsorgeAnfänger_A »

Als Mechatroniker seh ich das täglich in der Fertigung. Unser Betrieb — mittelständischer Maschinenbauer — hat letztes Jahr eine neue CNC-Anlage gekauft. Die ist deutlich energieeffizienter als die alte. Trotzdem: die Stromrechnung ist höher als vorher, weil der Preis gestiegen ist schneller als wir einsparen konnten. Was mich wurmt: Wir investieren brav in Effizienz, machen alles 'richtig', und trotzdem fressen die Netzentgelte und Abgaben den Vorteil weg. Da stimmt was nicht im System.
Mod_Sabine_Spartipps
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Re: Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?

Beitrag von Mod_Sabine_Spartipps »

Guter Thread, danke an alle für die sachlichen Beiträge! ? Kurze Moderationsnotiz: bleibt beim Thema, keine parteipolitischen Zuordnungen bitte. Ich möchte noch einen Aspekt einbringen, der hier noch nicht erwähnt wurde: die Differenz zwischen Großhandels-Strompreis und dem, was Industriebetriebe tatsächlich zahlen. Die Spotmarktpreise an der Strombörse EEX waren 2023 und 2024 teilweise wieder auf Vor-Krisen-Niveau. Was viele nicht sehen: Das Problem sind nicht mehr primär die Erzeugungskosten, sondern die Netzentgelte, die in den nächsten Jahren durch den Netzausbau weiter steigen werden. Bundesnetzagentur-Daten zeigen, dass Netzentgelte für Industriekunden 2024 im Schnitt um 20-25% gestiegen sind. Das ist unabhängig von Windkraft oder Solar — das zahlt jeder, egal wie grün der Strom ist. Wer das in seiner Energiekostenplanung nicht auf dem Schirm hat, wird überrascht.
KreditmuffelKai
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Re: Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?

Beitrag von KreditmuffelKai »

Wow, krasse Diskussion! Danke an alle ? Was ich mitnehme: Das Problem ist nicht so sehr die Erzeugung (die wird tatsächlich günstiger), sondern der ganze Rattenschwanz drumrum — Netzentgelte, Abgaben, regulatorische Unsicherheit. Und das ist halt politisch gemacht, nicht marktgetrieben. @NachzahlerNadja der CBAM-Punkt ist interessant, den kannte ich so nicht. Macht Sinn dass das zumindest einen Teil der Wettbewerbsverzerrung ausgleicht. @GrenzgängerGabi_AT das mit der Produktionslinie nach Irland ist genau das was ich mein. Kein Knall, kein Schlagzeile, einfach weg. Das ist das Gruselige daran. Mein Fazit: Ja, strukturell teurer — aber ob das die Industrie killt hängt davon ab wie schnell der Netzausbau kommt und ob die Politik die Abgaben im Griff behält. Beides bin ich ehrlich gesagt nicht optimistisch ?
Mod_Sabine_PF
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Re: Energiewende = dauerhaft teurere Produktion? Gefährdet die grüne Transformation den Industriestandort Deutschland?

Beitrag von Mod_Sabine_PF »

Schöner Abschluss von Kai. Ich fasse kurz zusammen was hier an echten Erkenntnissen zusammenkam: - Erzeugungskosten sinken, aber Netzentgelte und Systemkosten steigen — Nettoeffekt bleibt negativ für Industrie - Besonders betroffen: Stahl, Chemie, Aluminium, Glas, Papier — energieintensive Grundstoffe - Investitionsunsicherheit oft gefährlicher als der aktuelle Preis selbst - CBAM schützt ab 2026 schrittweise vor Billigimporten, aber kein Allheilmittel - Verlagerungen passieren lautlos, Investitionsentscheidung für Investitionsentscheidung Wer tiefer einsteigen will: BDI-Studie auf bdi.eu, Bundesnetzagentur-Monitoringbericht, und das DIW Berlin hat dazu regelmäßig Analysen auf diw.de Thread bleibt offen, gerne weiter diskutieren! ?
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