KGV, KBV, EV/EBITDA & Co. — welche Kennzahlen nutzt ihr wirklich für eure Kaufentscheidungen?

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DepotDiversifizierer_Dan
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KGV, KBV, EV/EBITDA & Co. — welche Kennzahlen nutzt ihr wirklich für eure Kaufentscheidungen?

Beitrag von DepotDiversifizierer_Dan »

Moin zusammen ? Ich mache mich gerade ernsthaft an die fundamentale Aktienanalyse ran — bisher war ich eher ein ETF-und-vergessen-Typ, aber ich möchte zunehmend auch Einzelaktien beimischen. Und jetzt sitze ich vor einem Berg an Kennzahlen und weiß ehrlich gesagt nicht, wo ich anfangen soll. KGV, KBV, KUV, EV/EBITDA, EBIT-Marge, Free Cashflow Yield, Shiller-KGV, PEG-Ratio... das ist doch alles ein bisschen viel auf einmal. ? Meine Frage an euch, die ihr schon länger mit Einzelaktien unterwegs seid: - Welche 2-3 Kennzahlen schaut ihr euch wirklich an, bevor ihr kauft? - Welche findet ihr überbewertet oder irreführend? - Gibt es Kennzahlen, die je nach Branche komplett unterschiedlich zu bewerten sind? Ich lese gerade „The Intelligent Investor" von Graham und schaue mir parallel Seiten wie finviz.com oder https://simplywall.st an — aber ich würde gerne wissen, was bei euch im Alltag wirklich funktioniert und nicht nur in der Theorie schön klingt. Danke schon mal! ?
EinzelaktienEgon
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Re: KGV, KBV, EV/EBITDA & Co. — welche Kennzahlen nutzt ihr wirklich für eure Kaufentscheidungen?

Beitrag von EinzelaktienEgon »

Gute Frage, Dani. Als jemand, der seit über 20 Jahren Einzelaktien kauft und als Buchhalter täglich mit Zahlen zu tun hat, kann ich dir sagen: Die meisten Privatanleger schauen auf zu viele Kennzahlen gleichzeitig und verstehen keine davon richtig. Mein persönlicher Dreiklang: - KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) — aber immer im Branchenvergleich, nie absolut - Free Cashflow Yield — viel ehrlicher als der Gewinn, weil man Gewinne frisieren kann, Cash aber nicht - Eigenkapitalrendite (ROE) — zeigt mir, wie effizient das Management arbeitet Das KBV halte ich bei Industrieunternehmen für nützlich, bei Softwarefirmen ist es schlicht sinnlos. Was hat Microsoft an Buchwert? Kaum was. Trotzdem ist die Aktie seit Jahren ein Homerun. EV/EBITDA nutze ich vor allem bei Vergleichen innerhalb einer Branche — z.B. wenn ich zwei Pharmawerte gegeneinander abwäge.
Teilzeitsparer_Tobi
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Re: KGV, KBV, EV/EBITDA & Co. — welche Kennzahlen nutzt ihr wirklich für eure Kaufentscheidungen?

Beitrag von Teilzeitsparer_Tobi »

ich schau ehrlich gesagt fast nur aufs KGV und dann ob die Firma irgendwie einen „Moat" hat lol ? bin da nicht so der Zahlen-Nerd. Aber der Hinweis mit Free Cashflow klingt gut, muss ich mir mal genauer anschauen.
VergleichsViggo
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Re: KGV, KBV, EV/EBITDA & Co. — welche Kennzahlen nutzt ihr wirklich für eure Kaufentscheidungen?

Beitrag von VergleichsViggo »

Ich versuche das mal systematisch aufzudröseln, weil ich denke, dass man Kennzahlen nach Anwendungsfall sortieren sollte: Bewertung (ist die Aktie teuer oder günstig?): - KGV — Klassiker, aber anfällig für Einmaleffekte im Gewinn - EV/EBITDA — robuster, weil Kapitalstruktur und Steuern rausfallen; ideal für Vergleiche über Länder hinweg - Free Cashflow Yield — mein persönlicher Favorit für Reife-Unternehmen Qualität (ist das Unternehmen gut geführt?): - ROIC (Return on Invested Capital) — oft unterschätzt, aber zeigt, ob Wachstum wirklich Wert schafft - Gross Margin Trend — steigt sie über Jahre? Dann hat die Firma Pricing Power Sicherheit (kann die Firma schwierige Zeiten überstehen?): - Net Debt / EBITDA — alles über 3x wird bei mir kritisch Was ich für überschätzt halte: das KBV. Außer bei Banken und Versicherungen sagt es mir wenig. Und das Shiller-KGV ist für Einzelaktien-Entscheidungen meiner Meinung nach komplett ungeeignet — das ist ein Makro-Instrument für Indizes.
KreditklemmeKathrin
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Re: KGV, KBV, EV/EBITDA & Co. — welche Kennzahlen nutzt ihr wirklich für eure Kaufentscheidungen?

Beitrag von KreditklemmeKathrin »

also ich bin da voll bei @EinzelaktienEgon — KBV bei Tech ist so was von sinnlos ? hab das am eigenen Leib erfahren als ich anfangs dachte Salesforce wäre „teuer" weil KBV bei 8 oder so lag. Spoiler: war sie nicht. Aber ich muss ehrlicherweise sagn dass ich das EV/EBITDA lange gar nicht kapiert hab. Erst als ich mir auf youtube ein paar Videos dazu angeschaut hab, hat's klick gemacht. Wer da auch noch Probleme hat: einfach mal „EV EBITDA erklärt" googeln, da gibt's gute deutshce Videos. ?
Sparquote_Simone_DO
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Re: KGV, KBV, EV/EBITDA & Co. — welche Kennzahlen nutzt ihr wirklich für eure Kaufentscheidungen?

Beitrag von Sparquote_Simone_DO »

Hey Dani, ich kenne das Gefühl des Erschlagenwerdens sehr gut — ging mir genauso vor ein paar Jahren! ? Mein ehrlicher Rat: Fang mit drei Kennzahlen an und verstehe sie wirklich, bevor du weitere hinzunimmst. Ich persönlich nutze: - KGV vs. Branchendurchschnitt — nicht absolut, sondern relativ. Ein KGV von 25 kann bei einem Konsumgüterhersteller astronomisch sein und bei einem Softwareunternehmen günstig. - Free Cashflow pro Aktie — wächst der über die letzten 5 Jahre? Dann ist das ein gutes Zeichen. - Dividendenrendite + Ausschüttungsquote — ich mag Dividendenaktien, und eine hohe Rendite bei niedriger Ausschüttungsquote ist das Traumsignal. Was mich bei Anfängern immer wieder beobachte: Sie schauen auf eine Kennzahl in der Isolation. Das KGV von 12 klingt günstig — aber wenn die Marge sinkt und die Schulden steigen, ist das eine Wertfalle, keine Chance. Für den Einstieg empfehle ich wirklich auch den Aktienfinder (aktienfinder.net) — der visualisiert viele dieser Kennzahlen sehr übersichtlich. Kein Affiliate-Link, einfach meine ehrliche Empfehlung. ?
BonusMeilen_Boris
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Re: KGV, KBV, EV/EBITDA & Co. — welche Kennzahlen nutzt ihr wirklich für eure Kaufentscheidungen?

Beitrag von BonusMeilen_Boris »

Als jemand, der beruflich Unternehmensanalysen macht (allerdings nicht für Investitionszwecke, sondern für M&A-Beratung): EV/EBITDA ist in der Praxis das Standard-Multiple in der Unternehmensbewertung. Wenn Firmen gekauft und verkauft werden, redet fast niemand über KGV. Warum? Weil EV/EBITDA: - Kapitalstruktur-neutral ist (Eigen- vs. Fremdkapital egal) - Steuer-neutral ist (kein Steuertrick verfälscht das Bild) - Abschreibungseffekte rausnimmt Für Privatanleger trotzdem eine kleine Warnung: EBITDA kann man auch schönrechnen, z.B. durch aggressive Aktivierung von Kosten. Immer auch auf die „Adjusted EBITDA"-Fußnoten schauen — da versteckt sich manchmal Kreativbuchhaltung. ?
ETF_Einsteigerin_Eva
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Re: KGV, KBV, EV/EBITDA & Co. — welche Kennzahlen nutzt ihr wirklich für eure Kaufentscheidungen?

Beitrag von ETF_Einsteigerin_Eva »

Ich bin selbst noch relativ neu dabei und finde diese Diskussion super hilfreich! ? Eine Frage an die Erfahreneren: Wo schaut ihr eigentlich nach, wenn ihr diese Kennzahlen für deutsche Aktien recherchiert? Ich nutze bisher onvista.de und finanzen.net, aber ich habe das Gefühl, da fehlen manchmal Sachen wie ROIC oder Free Cashflow Yield.
VergleichsViggo
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Re: KGV, KBV, EV/EBITDA & Co. — welche Kennzahlen nutzt ihr wirklich für eure Kaufentscheidungen?

Beitrag von VergleichsViggo »

@ETF_Einsteigerin_Eva Für deutsche Aktien nutze ich: - Macrotrends (macrotrends.net) — super für historische Daten - Tikr.com — hat ROIC, FCF und viele weitere, auch für europäische Werte - Aktienfinder.net wie Simone erwähnte — sehr gut für Dividendenaktien Finanzen.net reicht für einen ersten Überblick, für ernsthafte Analyse ist es zu dünn.
ETF_Enthusiast_Erik
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Re: KGV, KBV, EV/EBITDA & Co. — welche Kennzahlen nutzt ihr wirklich für eure Kaufentscheidungen?

Beitrag von ETF_Enthusiast_Erik »

Ich muss hier mal die unbequeme Gegenstimme spielen. ? Ich analysiere Einzelaktien seit ca. 10 Jahren, und mein ehrliches Fazit: Für die allermeisten Privatanleger — mich mittlerweile eingeschlossen — sind diese ganzen Kennzahlen eine Illusion von Kontrolle. Nicht weil die Kennzahlen falsch sind. Sondern weil: - Professionelle Analysten mit Vollzeit-Teams, direktem Managementzugang und besseren Datenquellen dieselben Kennzahlen schon eingepreist haben - Wir als Privatanleger systematisch in Informationsasymmetrie stecken - Behavioral Biases (Bestätigungsfehler, Overconfidence) dazu führen, dass wir Kennzahlen oft unbewusst so interpretieren, wie wir es wollen Ich bin deswegen wieder zu 80% ETF-basiert. Die 20% Einzelaktien sind bei mir mittlerweile eher Hobby als Alpha-Suche. Das heißt nicht, dass Kennzahlen nutzlos sind — aber ich würde Dani raten, sehr ehrlich mit sich zu sein, ob man wirklich einen Informationsvorteil aufbauen kann oder ob man nur das Gefühl des Informiertseins genießt.
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