EZB Quantitative Tightening 2025 — was passiert da gerade mit der Bilanz und was bedeutet das für uns?
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BausparkassenBernd
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EZB Quantitative Tightening 2025 — was passiert da gerade mit der Bilanz und was bedeutet das für uns?
Hallo zusammen,
ich lese seit Wochen immer wieder, dass die EZB ihr sogenanntes Quantitative Tightening fortsetzt und die Bilanz schrumpft. Konkret geht es wohl darum, dass die aufgekauften Anleihen aus dem APP- und PEPP-Programm nicht mehr vollständig reinvestiert werden.
Jetzt bin ich kein Ökonom — ich verkaufe Versicherungen und versuche nebenbei meine Ersparnisse halbwegs sinnvoll anzulegen — aber ich frage mich: Was passiert da eigentlich konkret? Wenn die EZB Anleihen auslaufen lässt, wer kauft die dann? Und drückt das die Kurse der Staatsanleihen nach unten, also die Renditen nach oben?
Und was bedeutet das für die Geldmenge im Euroraum? Ich hab mal gehört, QE hat die Geldmenge aufgebläht — macht QT das jetzt rückgängig?
Ich frage weil ich überlege, ob ich in meinem Depot noch ein paar Euro-Staatsanleihen-ETFs halten soll oder ob das gerade ungünstig ist. Vielleicht hat hier jemand einen vernünftigen Überblick. Danke schon mal!
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Mod_Thorsten_FFF
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Re: EZB Quantitative Tightening 2025 — was passiert da gerade mit der Bilanz und was bedeutet das für uns?
Gute Frage, Bernd — und ich sehe das öfter hier, dass die Leute QT mit irgendwas Mysteriösem verwechseln. Kurze Einführung von meiner Seite:
Die EZB hat zwischen 2015 und 2022 über das APP (Asset Purchase Programme) und später das PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme) Anleihen in Billionenhöhe aufgekauft. Dadurch ist die EZB-Bilanz auf über 8 Billionen Euro angeschwollen. Das Geld, das die EZB dafür schuf, landete als Reserven bei den Geschäftsbanken.
Beim QT läuft das so: Wenn eine Staatsanleihe fällig wird, bekommt die EZB ihr Geld zurück — und sie reinvestiert es nicht mehr. Das Geld verschwindet quasi aus dem System (genauer: die Zentralbankreserven sinken). Beim PEPP war der Stopp der Reinvestitionen Ende 2024, beim APP schon früher.
Was das konkret heißt: Der Staat muss diese Anleihen nun am freien Markt platzieren, also private Käufer finden. Das kann theoretisch die Renditen leicht erhöhen — muss es aber nicht zwingend, wenn die Nachfrage anderweitig da ist.
Für deinen ETF-Gedanken würde ich das Thema weiter im Thread verfolgen — da kommen sicher noch kompetentere Einschätzungen.
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NüchternerNikolai
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Re: EZB Quantitative Tightening 2025 — was passiert da gerade mit der Bilanz und was bedeutet das für uns?
Mod_Thorsten hat das Grundprinzip korrekt dargestellt. Ich möchte ein paar Präzisierungen ergänzen, weil hier schnell Missverständnisse entstehen.
Zur Geldmenge: QT reduziert primär die Zentralbankgeldmenge (M0), also die Reserven der Geschäftsbanken bei der EZB. Der Effekt auf die breiteren Geldmengenaggregate M1, M2, M3 ist indirekter und hängt vom Kreditverhalten der Banken ab. Es ist also nicht einfach eine 1:1-Umkehrung von QE.
Zu den Renditen: Die empirische Literatur ist hier gespalten. Studien etwa von BIS-Ökonomen schätzen, dass QE die Laufzeitprämien von Bundesanleihen um 50-100 Basispunkte gedrückt hat. QT sollte diesen Effekt teilweise umkehren — aber die tatsächliche Wirkung hängt stark davon ab, wie viel private Nachfrage (Pensionsfonds, Versicherungen, ausländische Zentralbanken) absorbiert.
Stand 2025: Die EZB-Bilanz ist seit dem Peak von ca. 8,8 Billionen Euro auf unter 6,5 Billionen gesunken. Das ist erheblich, aber der Prozess läuft moderat — kein aktiver Verkauf, nur auslaufen lassen.
Für einen Privatanleger in Euro-Staatsanleihen-ETFs ist der direkte Effekt überschaubar, wenn man langfristig investiert.
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PfennigfuchserPaul_OWL
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Re: EZB Quantitative Tightening 2025 — was passiert da gerade mit der Bilanz und was bedeutet das für uns?
ok ich versuchs mal einfach zu erklären weil ich das auch erst letztes Jahr kapiert hab ?
stell dir vor die EZB hat nen riesen Stapel Anleihen im Keller. die hat die jahrelang aufgekauft und dafür quasi geld aus dem nichts gezaubert. jetzt lässt sie die einfach ablaufen — also wenn die Anleihe fällt, kriegt sie ihr geld zurück und kauft NCIHT nochmal nach. der stapel wird kleiner.
das bedeutet: mehr Anleihen müssen von echten Käufern (Fonds, Versicherungen, Pensionskassen) geschluckt werden. mehr angebot = tendenziell höhere renditen. logisch eigentlcih.
für uns kleinkram-anleger: tagesgeld bei Trade Republic oder N26 wird dadurch nicht direkt beeinflusst, aber bundesanleihen-renditen ja. mein ETF auf euro-staatsanleihen hat letztes jahr etwas gelitten, nix dramatisches aber spürbar ?
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Riester_Realist_Rainer
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Re: EZB Quantitative Tightening 2025 — was passiert da gerade mit der Bilanz und was bedeutet das für uns?
Ich steuere mal die Praxisseite bei, weil ich das alles schon ein paarmal durchgemacht hab (die Börse, mein ich, nicht QT speziell).
Was mich an der ganzen QT-Diskussion nervt: alle tun so als wäre das ein Uhrwerk, das genau vorhersagbar läuft. Ist es aber nicht. Die EZB hat beim ersten Anzeichen von Stress schon mehrfach zurückgerudert — Stichwort TPI (Transmission Protection Instrument). Das ist quasi die Notbremse, falls einzelne Länder wie Italien oder Spanien zu hohe Spreads bekommen.
Bernd, konkret zu deiner Frage wegen Staatsanleihen-ETF: Ich würde nicht wegen QT umschichten. Wenn du sowas hältst, dann wegen des Zinsänderungsrisikos insgesamt — und da ist die Duration deines ETFs viel entscheidender als ob die EZB gerade 30 Mrd. pro Monat weniger reinvestiert.
Schau mal auf die Duration deines ETFs. Kurzlaufende ETFs sind deutlich robuster wenn Renditen steigen.
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VorruhestandsVogler
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Re: EZB Quantitative Tightening 2025 — was passiert da gerade mit der Bilanz und was bedeutet das für uns?
Rainer hat recht mit dem Hinweis auf die Duration, das ist wirklich der entscheidende Hebel für Privatanleger.
Ich möchte aber noch einen Aspekt ergänzen, der hier noch nicht erwähnt wurde: den Unterschied zwischen APP und PEPP in der aktuellen Phase.
Das APP-Portfolio wird seit März 2023 nicht mehr reinvestiert — das läuft also schon über zwei Jahre. Das PEPP wurde noch bis Ende 2024 flexibel reinvestiert (als Puffer gegen Fragmentierung), und seit Anfang 2025 läuft auch das aus. Das ist eigentlich die relevantere Entwicklung für 2025, weil das PEPP gezielt in südeuropäische Staatsanleihen geflossen war.
Was ich in meinem Umfeld beobachte: Versicherungsgesellschaften und Pensionsfonds sind tatsächlich bereit, diese Anleihen aufzunehmen — die brauchen die langen Laufzeiten für ihr Liability Matching. Insofern ist die Befürchtung eines dramatischen Renditeanstichs durch QT bisher nicht eingetreten.
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GratisGiroGregor
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Re: EZB Quantitative Tightening 2025 — was passiert da gerade mit der Bilanz und was bedeutet das für uns?
Alter, ich hab das mal so erklärt bekommen: QE war wie wenn die EZB auf einer Party alle Drinks bezahlt. Jeder konnte günstig an Geld kommen, Anleiherenditen im Keller, alle happy. QT ist jetzt der Moment wo die EZB sagt 'ich geh jetzt nach Hause' und keiner mehr die Runde schmeißt. ?
Ernsthaft aber: für meinen Revolut-Savings-Account oder meinen Barclays-Tagesgeld macht das direkt null Unterschied. Die EZB-Leitzinsen sind der viel direktere Hebel für sowas. QT ist eher ein langsamer Hintergrundprozess.
Wenn Bernd Bundesanleihen-ETFs hält: schau mal auf iShares oder Xtrackers, die haben kurz- und langlaufende Varianten. Kurzläufer sind bei QT-Szenarien deutlich entspannter. Und die Kosten sind bei beiden unter 0,10% TER, also kein Thema.
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ETF_Erna_aus_Erfurt
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Re: EZB Quantitative Tightening 2025 — was passiert da gerade mit der Bilanz und was bedeutet das für uns?
Ich finde den Thread sehr hilfreich, danke an alle. Ich hab selbst einen Euro-Staatsanleihen-ETF im Depot und war mir nie ganz sicher ob der gerade passt.
Eine Frage hab ich noch, die mich schon länger beschäftigt: Wenn die EZB Anleihen auslaufen lässt und dadurch die Reserven der Geschäftsbanken sinken — hat das dann auch Auswirkungen auf die Kreditvergabe? Also wird es für Normalos schwerer, Kredite zu bekommen?
Ich frag weil meine Tochter gerade über eine Baufinanzierung nachdenkt und ich ihr keinen Unsinn erzählen möchte. Bauzinsen sind ja ohnehin schon auf einem Niveau das weh tut.
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NüchternerNikolai
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Re: EZB Quantitative Tightening 2025 — was passiert da gerade mit der Bilanz und was bedeutet das für uns?
Zur Frage von ETF_Erna:
Der direkte Zusammenhang zwischen EZB-Reserven und Kreditvergabe ist weniger mechanisch als oft dargestellt. Banken vergeben Kredite nicht deshalb, weil sie Reserven haben — sie schaffen Einlagen beim Vergeben von Krediten und beschaffen sich Reserven danach (endogenes Geld). Das ist ein wichtiger Unterschied zum vereinfachten Multiplikatormodell.
Was QT für Bauzinsen indirekt bedeutet: Wenn Renditen langer Staatsanleihen steigen (weil die EZB als Käufer wegfällt), dann steigen tendenziell auch die Swap-Sätze, an denen sich Bauzinsen orientieren. Dieser Effekt ist aber bisher moderat geblieben.
Für die Tochter: Bauzinsen werden kurzfristig eher von den EZB-Leitzinsentscheidungen getrieben als von QT. Und die Leitzinsen sind 2024/2025 bereits deutlich gesunken — von 4,5% auf unter 3%. Das sollte sich bei Bauzinsen bemerkbar machen, auch wenn der Markt das schon teilweise eingepreist hat.
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VorruhestandsVogt
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Re: EZB Quantitative Tightening 2025 — was passiert da gerade mit der Bilanz und was bedeutet das für uns?
Ich möchte hier mal eine etwas skeptischere Perspektive einbringen, weil mir der Thread ein bisschen zu harmonisch wirkt.
Die Vorstellung, QT läuft einfach so geräuschlos ab, ist historisch nicht belegt. Die US-Fed hat 2019 mit ihrem QT eine Repo-Marktkrise ausgelöst — die Reserven waren zu stark gesunken und plötzlich gab es Liquiditätsengpässe. Die Fed musste sofort gegensteuern.
Die EZB bewegt sich auf diesem Terrain mit einer heterogenen Währungsunion, in der Länder wie Italien Schuldenquoten jenseits der 140% des BIP haben. Wenn die Spreads zwischen deutschen Bundesanleihen und italienischen BTPs zu stark auseinanderlaufen, wird es politisch und ökonomisch brenzlig.
Das TPI-Instrument ist zwar vorhanden, aber noch nie aktiviert worden. Ob es im Ernstfall schnell genug wirkt, ist offen. Ich würde das nicht dramatisieren, aber auch nicht kleinreden. Für Anlagen in Euro-Peripherie-Anleihen wäre ich entsprechend vorsichtiger als für Core-Staatsanleihen.