Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
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WGKostenWenke
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Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
Okay ich muss das mal loswerden, weil mir das gerade wieder aufgegangen ist, als ich meiner WG-Mitbewohnerin erklären musste, was ein Freistellungsauftrag ist. Sie ist 22. Studiert. Hat keine Ahnung. Ich bis vor einem Jahr auch nicht. ?
Ich studiere selbst auf Lehramt und frage mich ernsthaft: Warum haben wir das nie in der Schule gelernt?? Ich meine, ich hab 13 Jahre lang Schule überlebt. Ich kann eine Sinuskurve zeichnen, ich kenn die Photosynthese, ich kann auf Latein fluchen (danke, Gymnasium). Aber was ein ETF ist, wie man eine Steuererklärung macht, was Zinseszins bedeutet oder warum man bloß nicht den Dispo überziehen sollte – null. Nada. Nichts.
Alles was ich heute weiß über Budgetplanung, Tagesgeld, Sparrate, Depot usw. hab ich mir selbst zusammengegoogelt, aus Podcasts gezogen oder hier im Forum gelernt. Meine Eltern konnten mir da auch nicht viel helfen, die haben selbst nie Aktien oder sowas angefasst.
Meine Fragen an euch:
– Habt ihr in der Schule irgendwas Sinnvolles über Finanzen gelernt?
– Oder war das bei euch auch so ein Totalausfall?
– Und was würdet ihr ändern, wenn ihr könntet?
Bin gespannt, ob das nur mein Gymnasiun in Münster war oder ob das deutschlandweit so ein Trauerspiel ist ?
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VeronikaSpartKlug
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
In Österreich sieht es nicht besser aus, spoiler. Ich habe neun Jahre AHS hinter mir, und das Einzige, was ich an Finanzwissen mitgenommen habe, war ein kurzes Kapitel im Geographie-Unterricht über "Wirtschaftsräume der Welt". Sehr hilfreich für meine erste Gehaltsabrechnung. Nicht.
Was mich wirklich ärgert: Es ist kein Zufall. Finanzkompetenz ist eine Fähigkeit, die man braucht, um nicht ausgenommen zu werden – von überteuerten Ratenkrediten, von Bankberatern, die Produkte verkaufen statt beraten, von Versicherungsvertretern. Wer das nicht kann, ist einfach anfälliger. Und das Schulsystem reproduziert das zuverlässig seit Jahrzehnten.
Ich hab als Controllerin natürlich irgendwann alles gelernt. Aber das war Beruf, nicht Schule.
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ZinsZombie_Zach
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
lol wir hatten mal eine Stunde "Wirtschaft" in der 9. Klasse wo wir erklärt bekommen haben was ein Scheckbuch ist. ein. scheckbuch. ich schwör ?
der Lehrer hat dann noch gesagt "Aktien sind Glücksspiel" und das wars. Danke fürs nichts, Herr Müller.
BWL studier ich jetzt selber und selbst da kommt persönliche Finanzplanung kaum vor, weil das ja zu "simpel" ist für die Uni lol. Ironie des Lebens.
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FinanzFrischling_Finja
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
Oh Gott ja, das kenn ich so gut ? Ich bin in der Schweiz zur Schule gegangen und wir hatten tatsächlich ein paar Stunden "Wirtschaft und Recht" – klang erstmal vielversprechend. In der Praxis war's hauptsächlich "was ist eine AG" und "wie funktioniert der Bundesrat". Sehr nützlich für mein erstes Budget als Studentin. Nicht.
Was mich aber noch mehr stört als die Schule: Viele Eltern können's auch nicht weitergeben weil sie's selbst nie gelernt haben. Das ist so ein richtiger Kreislauf. Ich komm aus einer Familie wo Geld einfach "nicht geredet wurde" – das war irgendwie Tabuthema. Und dann stehst du mit 18 da und weißt nicht mal was ein Kontokorrentkredit kostet ?
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KreditkartenKritikerin_K
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
Bei mir in Berlin war's Realschule, dann Berufsschule. Finanzbildung? Ha. Wir haben mal gelernt wie man einen Überweisungsschein ausfüllt. Den Papier-Überweisungsschein. Der seit 10 Jahren niemand mehr benutzt.
Was mich in meiner Arbeit als Sozialarbeiterin täglich auf die Palme bringt: Ich sehe Klienten, die in der Schuldenfalle sitzen – nicht weil sie dumm sind, sondern weil ihnen niemand erklärt hat was Dispozinsen bedeuten (oft 12-15% p.a.!), was ein Ratenkredit wirklich kostet oder dass man Inkassoschreiben nicht einfach ignorieren darf. Das sind keine Einzelfälle. Das ist Masse. ?
Finanzbildung in der Schule wäre echte Prävention. Billiger als jede Schuldnerberatung danach.
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Mahnbescheid_Monika
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
Also ich bin Jahrgang 74 und wir hatten gar nixs. Null. Hab alles von meinen Eltern gelernt, und die waren auch nicht gerade Finanzprofis ? Mein Vater hat sein ganzes Leben lang das Geld unterm Kopfkissen gespart, kein Witz.
Erst mit Anfang 30 hab ich kapiert dass das Girokonto keine Sparanlage ist. Hätte ich das früher gewusst, wäre heute deutlich mehr auf dem Konto. Man lernt aus Fehlern, aber manche Fehler sind halt teuer.
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ZinsZombie_Zach
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
KreditkartenKritikerin_Kris schrieb:Dispozinsen bedeuten (oft 12-15% p.a.!)
krass dass das legal ist ehrlich gesagt. meine erste eigene Bank war die DKB, die haben damals 10% Dispo verlangt. hab das einfach nicht gecheckt weil ich dachte "ist ja nur kurz". kurz waren dann 4 Monate ? schöne 60€ Lehrgeld.
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Frührentner_Franz
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
Ich habe 1981 Abitur gemacht. Damals gab es tatsächlich "Wirtschaftslehre" als Wahlfach – aber das war auf Volkswirtschaft ausgerichtet, also Makroökonomie, Konjunkturzyklen, Geldmengenpolitik der Bundesbank. Nichts, was einem jungen Menschen hilft, seinen ersten Nettolohn sinnvoll einzuteilen.
Was mich im Rückblick wirklich beschäftigt: Ich habe als Beamter 33 Jahre lang eingezahlt und trotzdem erst mit Mitte 40 angefangen, die Beamtenversorgung wirklich zu verstehen – und zu begreifen, dass sie allein nicht reicht, wenn man früher aufhören möchte. Hätte ich mit 25 angefangen, 200 Euro monatlich in einen breit gestreuten Fonds zu stecken, wäre ich heute deutlich komfortabler dran. Der Zinseszinseffekt über 30 Jahre ist brutal – in beide Richtungen.
Insofern: Ja, das Schulsystem hat hier versagt. Aber ich würde auch sagen, dass die Gesellschaft insgesamt lange ein seltsames Verhältnis zu Geld und Rendite hatte. "Geld regiert die Welt" war kein Kompliment.
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DepotDebütantin_Dana
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
Ich studier auch BWL in Leipzig (hi @ZinsZombie_Zach bist du da auch??) und ich kann bestätigen: selbst im Studium kommt persönliche Finanzplanung kaum vor. Wir machen Unternehmensfinanzierung, Investitionsrechnung, Portfoliotheorie auf Unternehmensebene – aber "wie eröffne ich ein Depot" oder "was ist mein persönlicher Steuerfreibetrag" – nope. ?
Ich hab mein erstes Depot bei Trade Republic erst letztes Jahr eröffnet, nachdem ich durch Zufall einen Finanzpodcast gehört hab. Hätte ich das früher gewusst… egal, jetzt läuft's zumindest ?
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ZinsjaegerPro
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
Ich arbeite seit 18 Jahren im Bankensektor und kann bestätigen, was hier viele schreiben – und ich sage das ohne Freude über meine eigene Branche: Ein Großteil der Produkte, die an uninformierte Kunden verkauft werden, wären bei besserer Finanzbildung schlicht unverkäuflich.
Konkret: Kapitallebensversicherungen mit 1,5% Gesamtrendite, aktiv gemanagte Fonds mit 1,8% TER, Ratenschutzversicherungen bei Konsumkrediten – all das funktioniert nur, weil die Kundschaft keine Vergleichsbasis hat. Das ist kein Vorwurf an die Kunden, das ist ein strukturelles Problem.
Was helfen würde: Verpflichtendes Schulfach ab Klasse 9, Themen wie Zinsrechnung, Steuerfreibeträge, Rentenvorsorge, Kreditkosten. Vier Stunden pro Schuljahr würden mehr bewirken als jeder Bankberater-Pflichttermin.