Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
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HannahHaushaltet
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
Als Erzieherin verdiene ich nicht viel – Entgeltgruppe S8a, wer's kennt, kennt's. Und ich sag euch: Gerade deshalb war es so wichtig, dass ich mir Finanzwissen selbst angeeignet habe, weil bei wenig Einkommen jeder Fehler wehtut.
In der Schule? Nichts Brauchbares. Was ich wirklich gelernt habe, kam von "Finanztip" (der Newsletter hat mein Leben verändert, kein Witz ?), von diesem Forum hier und von einem Buch von Gerd Kommer. Mit dem Wissen hab ich dann einen ETF-Sparplan angelegt, den Freistellungsauftrag beantragt und aufgehört, mein Geld auf dem Girokonto vergammeln zu lassen.
Was ich mir für die Schule wünschen würde: Einfach mal eine Gehaltsabrechnung gemeinsam durchgehen. Erklären was Brutto/Netto bedeutet, was Sozialversicherungsbeiträge sind, was der Arbeitnehmer-Pauschbetrag ist. Das braucht keine Stunde. Das braucht 20 Minuten und einen Overheadprojektor.
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ETF_Entdecker_Eddi
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
Ich hab Hauptschule und dann Ausbildung gemacht, kein Studium oder so. In der Schule kam Geld exakt einmal vor: der Mathe-Lehrer hat uns Prozentrechnung beigebracht. Das wars. Kein Witz.
Ich hab mit 28 angefangen mich für das Thema zu interessieren, komplett durch YouTube – Finanzfluss hauptsächlich, auch Thomas von der dort erklärt das wirklich gut für Leute die null Vorwissen haben. ETF-Sparplan läuft jetzt seit zwei Jahrn bei Scalable. Komisch dass ich das dem Internet zu verdanken hab und nicht 9 Jahren Schule ?
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SparplanSeppel
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
Handwerksmeister hier, kein Studium. Bei mir war Schule in den 90ern auch kompletter Ausfall was Finanzen angeht. Dafür hab ich gelernt wie man Holzbalken richtig verbindet. Sehr nützlich für die Altersvorsorge ?
Im Ernst: Ich hab das alles von meinem Vater gelernt, der war auch Handwerker und hat mir früh gesagt "Seppl, immer zuerst 10% vom Lohn weglegen, dann komm was will". Das war seine ganze Finanzphilosophie – und sie ist gar nicht so falsch. Heute mach ich das mit nem Sparplan auf den MSCI World, aber das Prinzip ist dasselbe.
Was ich ändern würde: Einfach mal einen Monat lang im Wirtschaftsunterricht persönliche Finanzen durchnehmen. Haushaltsbuch führen als Schulaufgabe. Kreditvergleich als Matheaufgabe. Fertig. Kostet nix.
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VermögenswirbelWinfried
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
Als Selbstständiger bin ich in einer besonders schönen Lage: Ich muss nicht nur persönliche Finanzen managen, sondern auch Betriebsfinanzen, Vorsteuerabzug, Gewinnermittlung, private Krankenversicherung und Altersvorsorge komplett selbst organisieren. Kein Arbeitgeber, der die Hälfte der Rentenversicherung zahlt. Kein Betriebsrat. Kein gar nichts.
Schule hat mir dafür: null Komitees gegeben. Ich hab mir das alles in den ersten drei Jahren Selbstständigkeit mühsam zusammengebaut, teils mit Steuerberater (der erste war übrigens gut, der zweite eine Katastrophe – auch da hilft Basiswissen, um Fehler zu erkennen).
Interessanter Gedanke übrigens @WGKostenWenke: Du studierst Lehramt. Du könntest die Person sein, die das ändert. Ernsthaft gemeint.
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WeltportfolioWilma
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
Ich möchte eine Lanze für einen strukturierten Ansatz brechen, weil der Thread sonst beim Klagen bleibt:
Es gibt tatsächlich Bundesländer, die das Thema inzwischen ernster nehmen. Bayern und Baden-Württemberg haben "Wirtschaft und Beruf" bzw. "Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung" als eigene Fächer eingeführt. Das ist nicht perfekt, aber es ist mehr als "wie man einen Scheck ausfüllt".
Das eigentliche Problem ist die Lehrerausbildung. Wie soll jemand Zinseszins, ETFs und Steuerklassen unterrichten, wenn er selbst Germanistik und Geschichte studiert hat und nie gezwungen war, sich damit zu befassen? Das ist kein Vorwurf an Lehrer, das ist ein Curriculumproblem.
Lösung die funktionieren würde: Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung und Finanztip, fertige Unterrichtsmaterialien, die Lehrer ohne Vorwissen einsetzen können. Die Materialien existieren teilweise schon. Die Umsetzung fehlt.
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RatenkreuzRüdiger
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
Ich hab mit 24 meinen ersten Ratenkredit aufgenommn, für ein Auto. 8.900 Euro, 48 Monate, effektiver Jahreszins stand irgendwo im Kleingedruck. Ich hab nicht mal geschaut was da stand. Hab einfach unterschrieben weil die Monatsrate okay klang.
Effektivzins war 9,4%. Hab ich erst zwei Jahre später kapiert. Schöner Fehler. In der Schule hätte mir das jemand beibringen können – aber nope. Ich lern's halt so.
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Inflationsschutz_Irene
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
Was ich in dieser Diskussion noch ergänzen möchte: Es fehlt nicht nur das Wissen über Produkte und Konten – es fehlt das grundlegende Konzept, dass Geld auf dem Konto real an Wert verliert. Kaufkraftverlust durch Inflation war in der Schule nie ein Thema, und ich glaube, das ist der eigentliche Denkfehler, mit dem viele Erwachsene herumlaufen.
"Mein Geld liegt sicher auf dem Sparbuch" ist ein Satz, den ich von Patienten in der Apotheke höre, die eigentlich kluge Menschen sind. Sicher im nominalen Sinne. Real verliert das Geld bei 2-3% Inflation pro Jahr über 20 Jahre massiv an Kaufkraft. Das zu verstehen braucht keine komplizierte Mathematik – das braucht eine einzige gut erklärte Unterrichtsstunde.
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WienerWanderer_AT
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
Aus österreichischer Perspektive: Wir hatten "Wirtschaftskunde" im Gymnasium, aber der Fokus lag auf Makro – Außenhandel, Währungspolitik, EU-Institutionen. Nützlich für ein Pub Quiz, weniger für die erste Steuererklärung.
Was ich interessant finde: Wir diskutieren hier über Schulversagen, aber wenn man ehrlich ist, würden viele Erwachsene heute noch scheitern. Ich berate beruflich Unternehmen und sehe regelmäßig Geschäftsführer, die ihre eigene Gewinn-und-Verlust-Rechnung nicht lesen können. Das ist kein Schul-, das ist ein Gesellschaftsproblem.
Positives Ende: Mein Sohn ist 14, und ich unterhalte mich mit ihm regelmäßig über Geld. Was kostet unser Haushalt? Was ist eine Aktie? Warum haben wir einen Notgroschen? Eltern können das kompensieren – wenn sie's selbst wissen.
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HannahHaushaltet
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
VermögenswirbelWinfried schrieb:Du studierst Lehramt. Du könntest die Person sein, die das ändert.
Das fand ich auch einen starken Punkt. @WGKostenWenke – ernsthaft, wenn du Wirtschaft als Fach wählen kannst oder später in deiner Klasse Spielraum hast: mach was draus. Ich wünschte, ich hätte als Kind eine Lehrerin gehabt, die mir erklärt hätte was ein Lohnzettel bedeutet. ?
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WGKostenWenke
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Re: Hat die Schule euch wirklich irgendwas über Geld beigebracht?
Wow, ich hab nicht erwartet dass das so abgeht hier ? Danke für alle Antworten, das ist wirklich interessant zu lesen.
@VermögenswirbelWinfried und @HannahHaushaltet – ihr habt mich erwischt ? Ich studiere tatsächlich mit Fach Wirtschaft/Politik (neben Deutsch), also theoretisch bin ich genau die Person die das in der Schule machen könnte. Hab schon überlegt ob ich meine Hausarbeit im nächsten Semester über Finanzbildung im Schulkontext schreib. Mal sehen.
Was mich am meisten beschäftigt nach eurem Thread: @KreditkartenKritikerin_Kris hat's gut auf den Punkt gebracht – es ist echte Prävention. Schuldnerberatungsstellen sind voll, und ein Teil davon wäre vermeidbar wenn die Leute früher die Basics kennen würden. Das ist kein Luxusproblem von BWL-Studenten, das ist Alltag für viele Menschen.
Ich nehm das mit. Und falls ich irgendwann selbst vorne im Klassenzimmer steh – Gehaltsabrechnung-Analyse kommt auf jeden Fall ins Programm ?