FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?
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Zinseszins_Zelda
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FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?
Ich beschäftige mich jetzt seit etwa zwei Jahren intensiver mit FIRE und habe in den letzten Wochen verschiedene Rechner durchprobiert — cFIREsim, firecalc.com und den deutschen Ableger von Finanzfluss. Je nach Annahmen bekomme ich Ergebisse zwischen 14 und 23 Jahren bis zur finanziellen Unabhängigkeit. Das ist eine riesige Spannbreite.
Mein konkretes Szenario: Ich bin 49, habe aktuell rund 280.000 € im Depot (hauptsächlich MSCI World + EM, 80/20), spare monatlich 1.400 € und brauche im Ruhestand ca. 2.500 € netto pro Monat. Die meisten Rechner werfen mir ~18 Jahre aus, wenn ich mit 4% Entnahmerate und 7% nominalem Wachstum rechne.
Mein Problem: Die 4%-Regel stammt aus der Trinity-Studie, basiert auf US-Aktienmarktdaten von 1926 bis in die 1990er. Für einen deutschen oder europäischen Anleger mit Weltportfolio sehe ich da methodische Schwächen. Der europäische Aktienmarkt hat historisch schlechter performed, und Sequenzrisiken in der Entnahmephase werden bei simplen Rechnern oft nicht richtig abgebildet.
Konkrete Fragen:
1. Welche Entnahmerate setzt ihr für Deutschland realistischerweise an — 3,5% oder sogar nur 3%?
2. Wie berücksichtigt ihr die spätere gesetzliche Rente (ich hätte mit 67 ca. 1.100 € brutto)?
3. Rechnet ihr mit Inflation 2% oder eher 3%?
Ich bin Mathematiklehrerin, ich kann mit Zahlen umgehen — aber ich möchte keine Scheinpräzision produzieren, wenn die Grundannahmen wackeln.
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Mod_Thomas_Vergleiche
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?
Gute Fragestellung, und du hast die Kernproblematik schon selbst benannt: Die Trinity-Studie ist US-zentriert. Wer das auf Europa überträgt, muss sich bewusst sein, dass die historische Erfolgsquote dort niedriger ausfällt.
Zur konkreten Einordnung: In der Studie von Pfau (2010) wurden internationale Märkte untersucht. Für Deutschland lag die sichere Entnahmerate bei einem 30-Jahres-Horizont und 100% Aktien bei ungefähr 3,0–3,2%. Mit einem gemischten Portfolio sogar noch darunter. Das ist der konservative Referenzpunkt.
Deine Rentenanwartschaft von 1.100 € brutto ist ein echter Joker — die würde ich explizit modellieren: Ab 67 sinkt dein Entnahmebedarf aus dem Depot auf rund 1.500–1.600 € (nach Steuer und Inflation grob geschätzt). Das verändert die Rechnung erheblich. Viele Rechner haben dafür ein "Zusatzeinkommen ab Jahr X"-Feld, cFIREsim zum Beispiel.
Mein persönlicher Ansatz: 3,5% Entnahmerate, 2% Inflation, 6% nominales Wachstum. Klingt konservativ, aber damit schlafe ich ruhiger als mit optimistischen 7%+ Annahmen.
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KurzarbeitKarl
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?
Ich check das mit den ganzen Prozentzahlen ehrlichgesagt nur halb ? aber einen Punkt find ich wichtig: 18 Jahre bedeutet bei dir Rente mit 67? Oder früher? Weil wenn du mit 67 eh Rente kriegst, is das doch eigentlich kein richtiges FIRE mehr sondern eher normales Sparen mit Rendite.
Nicht böse gemeint, aber das FIRE-Konzept geht ja davon aus dass man komplett aufhört zu arbeiten — und dann 40 Jahre zehren muss, nicht nur 18. Das is nochmal ein anderes Risiko als "noch 18 Jahre bis zur normalen Rente".
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Schnäppchenjäger_Schorsc
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?
280k Depot mit 49 und 1.400€ Sparrate — respekt ehrlich ? ich bin froh wenn ich meinen Kontostand kenne lol
Aber mal ernsthaft: ich hab mal mit nem anderen Rechner gespielt (portfoliovisualizer.com, englisch aber mega gut) und der macht auch Monte-Carlo-Simulationen statt nur historische Sequenzen. Da kann man Inflation, Entnahmerate und Depot-Zusammensetzung einzeln einstellen. Ergebnis war bei mir immer pessimistischer als cFIREsim — aber dafür ehrlicher.
3% Entnahmerate für 40+ Jahre Laufzeit wäre mein Tipp wenns wirklich sicher sein soll. 4% is halt der "funktioniert meistens"-Wert, nicht der "funktioniert garantiert"-Wert ?
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Hypothekenheld_Holger
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?
Ich möchte einen Aspekt ergänzen, der in FIRE-Diskussionen oft untergeht: die Steuerbelastung in der Entnahmephase.
Bei 2.500 € Nettobedarf musst du brutto deutlich mehr entnehmen, da Kursgewinne mit 25% Abgeltungsteuer plus Soli belastet werden. Je nach Einkaufskurs und Haltezeit kann das relevant sein. Wer das nicht einrechnet, unterschätzt den tatsächlichen Entnahmebedarf systematisch.
Konkret: Wenn dein Depot im Schnitt 60% Kursgewinn enthält und du 2.500 € netto brauchst, musst du rund 2.900–3.000 € brutto entnehmen. Das verschiebt deinen Zielbetrag nach oben.
Zur Inflationsannahme: 2% halte ich für optimistisch nach den Erfahrungen 2021–2023. Ich würde mit 2,5% planen, vielleicht sogar 3% für die ersten 10 Jahre.
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PassivEinkommen_Pit
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?
@Hypothekenheld_Holger hat recht mit der Steuer, das übersehen echt viele. Wobei man fairerweise sagen muss: in der Entnahmephase nutzt man auch den Freibetrag (1.000 € pro Person, 2.000 € bei Verheirateten) und kann durch geschicktes Rebalancing die Steuerlast glätten.
Zur eigentlichen Frage: ich rechne mit 3,5% Entnahmerate und finde das für ein globales ETF-Portfolio vertretbar. Nicht weil die Daten das garantieren, sondern weil ich flexibel bleibe — wenn der Markt 2 Jahre crasht, gebe ich halt 10-15% weniger aus. Das nennt sich variable Withdrawal Strategy und die Studien dazu (Guyton-Klinger Rules) zeigen, dass man damit deutlich höhere Entnahmeraten überleben kann als mit starren 4%.
Deine Rente mit 67 macht das Ganze übrigens viel entspannter. Du musst nicht 40 Jahre überbrücken, sondern erst 18 Jahre mit voller Entnahme und danach nur noch den Differenzbetrag. Das ist ein komplett anderes Risikoprofil. ?
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AzubiMitGroschemn
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?
ich blick da nicht ganz durch aber 280.000€ klingt nach nem Traumdepot für mich ?? ich hab 2.300€ und fühl mich schon reich lmao
eine frage: was ist eigentlich sequenzrisiko? klingt irgendwie nach nem videospiel boss ?
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Zinseszins_Zelda
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?
@AzubiMitGroschemn Sequenzrisiko bedeutet: Es ist nicht nur wichtig, welche Durchschnittsrendite du über 30 Jahre erzielst, sondern wann die schlechten Jahre kommen. Wenn der Markt in den ersten 5 Jahren deiner Entnahmephase stark fällt, verkaufst du Anteile zu niedrigen Kursen — die dann nicht mehr für die spätere Erholung zur Verfügung stehen. Das kann ein Portfolio ruinieren, selbst wenn die Durchschnittsrendite langfristig stimmt.
Vereinfachtes Beispiel: Zwei Portfolios, beide mit 6% Durchschnittsrendite über 20 Jahre. Portfolio A hat die schlechten Jahre am Anfang, Portfolio B am Ende. Bei reiner Ansparung macht das kaum einen Unterschied. Bei Entnahme kann Portfolio A bankrottgehen, während Portfolio B überlebt. Das ist Sequenzrisiko.
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DispoZinsHasser_Dierk
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?
ok die erklärung ist eigentlich ganz gut verständlich ? aber mal ne andere frage — hast du eigentlich ne Wohnung oder Haus? weil wenn du mit 67 noch Miete zahlst ist 2500€ netto recht wenig je nach stadt. in mannheim gehts noch, in münchen kannst damit direkt auf der straße schlafen fast
frag nur weil ich auch mal ausrechnen will ob ich jemals aufhören kann zu arbeiten lol. spoiler: nein
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FestgeldFabienne
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?
Zum Thema Inflation: Die EZB hat als Ziel 2%, und langfristig ist das eine vertretbare Planungsannahme. Für die persönliche Inflationsrate kommt es aber stark auf den Warenkorb an — wer viel Miete zahlt oder gesundheitsintensive Ausgaben hat, erlebt strukturell höhere Preissteigerungen.
Was ich bei solchen Berechnungen immer empfehle: Nicht nur mit einer Inflationsrate rechnen, sondern mit einem Szenario 2% und einem Szenario 3%, und dann schauen wie groß der Unterschied im Zielvermögen ist. Bei 18 Jahren Aufbauphase und 20+ Jahren Entnahme macht 1 Prozentpunkt Inflation einen erheblichen Unterschied — das Ergebnis überrascht viele.
Zur Entnahmerate: 3,5% für einen 40-Jahres-Horizont halte ich für vertretbar, wenn man flexibel ist. Wer stur jedes Jahr 4% entnimmt egal was passiert, geht mehr Risiko ein als die Zahl vermuten lässt.