FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?

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TagesgeldTanja_FFM
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?

Beitrag von TagesgeldTanja_FFM »

Ich finde den Punkt mit der gesetzlichen Rente am interessantesten. 1.100 € brutto mit 67 — das sind nach Krankenversicherung und Steuer (je nach Gesamteinkommen) vielleicht 850–950 € netto. Klingt wenig, aber kombiniert mit einem dann deutlich geringeren Entnahmebedarf aus dem Depot entlastet das die Rechnung erheblich. Ich würde in cFIREsim konkret so vorgehen: Entnahmebedarf 2.500 € bis Jahr 18 (also bis du 67 bist), danach 1.600 € aus dem Depot — weil die Rente den Rest deckt. Das kannst du dort mit dem "planned income" Feld abbilden. Die Erfolgsquote springt damit in fast jedem Szenario deutlich nach oben.
RisikostreuerRobert
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?

Beitrag von RisikostreuerRobert »

Die Diskussion hier ist inhaltlich gut, aber ich möchte einen methodischen Einwand machen: Alle genannten Rechner — inklusive cFIREsim — arbeiten mit historischen Renditesequenzen oder Monte-Carlo-Simulationen, die auf historischer Volatilität basieren. Das ist besser als nichts, bildet aber strukturelle Brüche (Währungsreform, Kriegswirtschaft, deflationäre Jahrzehnte) nicht angemessen ab. Die Earlyretirementnow-Blogserie von Big ERN (Karsten Jeske) ist meiner Meinung nach die seriöseste öffentlich zugängliche Analyse zur Safe Withdrawal Rate. Sein Ergebnis für 40+ Jahre Horizont: 3,25–3,5% unter konservativen Annahmen. Das deckt sich mit dem, was Thomas hier schon geschrieben hat. Was ich für Deutschland spezifisch hinzufügen würde: Die gesetzliche Rentenversicherung ist ein echter Risikopuffer, den US-basierte Modelle nicht kennen. Die Social Security in den USA ist strukturell ähnlich, aber deutschen Anlegern wird das selten explizit angerechnet. Wer wie Zelda eine substanzielle Rentenanwartschaft hat, kann die Entnahmerate durchaus etwas großzügiger ansetzen als jemand ohne jede Absicherung.
MedizinstudentMax_HH
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?

Beitrag von MedizinstudentMax_HH »

Ich lese hier viel mit weil ich selbst noch weit von solchen Summen entfernt bin, aber die Erklärung von @Zinseszins_Zelda zum Sequenzrisiko hat mich wirklich weitergebracht — danke. Eine naive Frage vielleicht: Warum nicht einfach in der Entnahmephase einen Teil als Tagesgeld/Festgeld-Puffer halten (z.B. 2 Jahresausgaben = 60.000 €) und erst bei Markterholung wieder aus dem ETF entnehmen? Würde das das Sequenzrisiko nicht deutlich mildern?
PassivEinkommen_Pit
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?

Beitrag von PassivEinkommen_Pit »

MedizinstudentMax_HH schrieb:Warum nicht einfach in der Entnahmephase einen Teil als Tagesgeld/Festgeld-Puffer halten? Das nennt sich "Bucket-Strategie" und ist tatsächlich eine verbreitete Methode. Die Kritik daran: Du hast dann Kapital, das nicht am Markt arbeitet. Wenn der Crash 3–4 Jahre dauert (2000–2003 z.B.), leert sich der Puffer, und du entnimmst am Ende doch aus dem gefallenen Depot. Empirisch schneidet die Bucket-Strategie laut mehreren Studien nicht besser ab als ein rebalanciertes Gesamtportfolio — aber psychologisch hilft sie vielen Menschen enorm. Und den psychologischen Faktor sollte man nicht unterschätzen, weil Panikverkäufe in Crashes echtes Geld kosten.
Doppeldeckerhorst
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?

Beitrag von Doppeldeckerhorst »

Ich fahr täglich Leute durch die Gegend die aussehen als hätten sie nie über Altersvorsorge nachgedacht und trotzdem glücklich sind. Sag ich nur ? Im ernst: ich bin 58 und hab mit sowas viel zu spät angefangen. 18 Jahre klingt lang aber das geht schneller als man denkt. Ich hät gerne sowas wie diese Diskussion vor 20 Jahren gelesen. Passt auf euch auf mit dem Geld.
KurzarbeitKarl
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?

Beitrag von KurzarbeitKarl »

@RisikostreuerRobert den Big ERN kenn ich, der ist wirklich gut. Aber ehrlich gesagt is das für Normalsterbliche wie mich fast schon zu detailiert — der hat da Beiträge mit 50 Variablen und ich steh dann da wie der Ochs vor dem Berg ? Für die Praxis würd ich sagen: 3,5% ansetzen, flexibel bleiben wenn die Märkte crashen, und nicht jeden Monat neu berechnen. Zu viel Optimieren kostet auch Lebensenergie.
RatenkaufRebell_Rico
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?

Beitrag von RatenkaufRebell_Rico »

alter ich check das alles nicht wirklich aber 280k mit 49 klingt mega krass ?? ich hab grad 0 depot und 400€ auf dem konto lol. respekt echt aber mal konkret gefragt: wenn der markt crasht kurz vor FIRE, wartest du dann einfach oder zieht man das trotzdem durch? das wär mein hauptproblem glaub ich, also mental
Zinseszins_Zelda
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?

Beitrag von Zinseszins_Zelda »

@RatenkaufRebell_Rico Das ist tatsächlich die entscheidende Frage, und ich habe keine perfekte Antwort. Mein Plan wäre: Falls ich kurz vor dem geplanten FIRE-Datum in einen starken Crash gerate (>30% Rückgang), würde ich noch 1–2 Jahre weiter arbeiten oder zumindest teilzeitlich tätig bleiben. Als Lehrerin habe ich die Möglichkeit, Vertretungen zu übernehmen ohne Vollzeitstelle — das federt das Sequenzrisiko ab, ohne das Portfolio zu zerstören. Was ich auf jeden Fall nicht tun würde: In Panik verkaufen. Das ist das einzige Szenario, das garantiert zum Misserfolg führt. Danke übrigens an alle hier für die Beiträge — besonders der Hinweis von @TagesgeldTanja_FFM zur Modellierung der Rente in cFIREsim und der Steuerhinweis von @Hypothekenheld_Holger waren für mich neu und relevant. Ich werde meine Tabelle nochmal anpassen.
MinuszeichenMirko
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?

Beitrag von MinuszeichenMirko »

sorry für necro aber ich hab diesen thread gerade gefunden und muss mal fragen: gilt die 4% regel eigentlich auch wenn man kein riesen depot hat? ich mein bei 280k ja klar, aber was wenn man z.b. nur 80k hat und mit 3200€ entnahme pro monat plant? dann rechnet sich das doch garnicht oder ?? ich glaub ich hab die gruntidee noch nciht ganz kapiert
RisikostreuerRobert
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Re: FIRE-Rechner zeigt 18 Jahre — welche Annahmen sind realistisch bei 4% Entnahmerate?

Beitrag von RisikostreuerRobert »

@MinuszeichenMirko Die 4%-Regel beschreibt eine Rate, keine absolute Zahl. 4% von 80.000 € sind 3.200 € — pro Jahr, nicht pro Monat. Das wären also ca. 267 € monatlich. Für 3.200 € monatliche Entnahme bräuchtest du ein Depot von 960.000 €. Die Formel ist simpel: Jahresbedarf × 25 = benötigtes Startkapital (bei 4% Entnahmerate). Das nennt sich auch "25x-Regel". Wer 30.000 € im Jahr braucht, zielt auf 750.000 €. Wer 40.000 € braucht, auf 1 Million. Das Depot skaliert linear mit dem Bedarf.
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