Private Rentenversicherung vs. ETF-Depot ab 50 — lohnt sich das noch?

Riester, Rürup, betriebliche Altersvorsorge, gesetzliche Rente
Girokonto_Gabi_Gera
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Private Rentenversicherung vs. ETF-Depot ab 50 — lohnt sich das noch?

Beitrag von Girokonto_Gabi_Gera »

Hallo zusammen ? Ich bin jetzt 50 und hab letzte Woche einen Termin bei meiner Sparkasse gehabt. Die haben mir eine fondsgebundene Rentenversicherung angeboten, irgendwas von der ERGO oder Allianz, ich glaub Allianz war das. Kosten so 200 Euro im Monat, Laufzeit bis 67. Der Berater hat groß rumgeworfen mit "Steuervorteile in der Rentenphase" und dass ich nur die Hälfte der Auszahlung versteuern muss wenn ich das Ding 12 Jahre halte und erst ab 62 abrufe. Klingt erstmal nicht schlecht. Aber ich hab dann zuhause n bisschen gegoogelt und bin auf so Vergleiche gestoßen wo steht, dass die Kostenquoten bei solchen Versicherungen teilweise 2-3% pro Jahr fressen. Das ist doch krass oder?? Bei nem simplen MSCI World ETF zahlt man doch quasi nix, so 0,2% oder so. Ich frag mich halt: macht das bei nur noch 17 Jahren Ansparzeit überhaupt noch Sinn mit der Versicherung? Oder soll ich die 200 Euro lieber einfach selbst in nen ETF stecken, zum Beispiel über mein ING-Depot oder sowas? Ich bin keine Expertin, ich verkauf Klamotten, kein Finanzprodukte ? Ach ja: ich hab keine große bAV oder sowas, nur die gesetzliche Rente. Die wird wohl so um die 900-1000 Euro sein, schätze ich. Also irgendwas zusätzliches muss schon her. Was würdet ihr machen? Bin echt unsicher grad.
Mod_Katharina
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Re: Private Rentenversicherung vs. ETF-Depot ab 50 — lohnt sich das noch?

Beitrag von Mod_Katharina »

Hallo Gabi, gute Frage, die viele in deiner Situation beschäftigt. Ich versuche mal eine strukturierte Einschätzung zu geben. Der Steuerargument der Sparkasse stimmt grundsätzlich — das sogenannte Halbeinkünfteverfahren gilt tatsächlich, wenn der Vertrag mindestens 12 Jahre läuft und die Auszahlung frühestens mit 62 erfolgt. Das heißt, nur 50% der Erträge werden mit deinem persönlichen Steuersatz besteuert. Bei einer Einmalzahlung ist das ein echter Vorteil gegenüber dem ETF-Depot, wo du auf Kursgewinne 25% Abgeltungsteuer plus Soli zahlst. Aber: Dieser Vorteil muss die Mehrkosten erst einmal aufholen. Bei fondsgebundenen Rentenversicherungen mit aktiven Fonds können die Gesamtkosten tatsächlich 2–3% p.a. betragen. Es gibt allerdings neuere Nettotarife (ohne Abschlussprovision) z.B. über Honorarberater oder Direktversicherer wie Condor oder myLife, die deutlich günstiger sind — teilweise unter 0,5% Verwaltungskosten zusätzlich zum ETF. Kurzfazit: Pauschal ist weder das eine noch das andere besser. Entscheidend sind die konkreten Vertragskosten. Lass dir auf keinen Fall den Allianz-Tarif der Sparkasse verkaufen ohne vorher einen Nettotarif verglichen zu haben.
FrugalistFlorian_HB
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Re: Private Rentenversicherung vs. ETF-Depot ab 50 — lohnt sich das noch?

Beitrag von FrugalistFlorian_HB »

@Mod_Katharina hat den wichtigsten Punkt schon genannt: Nettotarife. Der klassische Sparkassen-Berater verkauft dir einen Bruttotarif, weil er daran verdient. Da sind Abschlusskosten von 4–5% der gesamten Beitragssumme drin, die erstmal in den ersten Jahren vom Depot abgezogen werden (Zillmerung). Das bedeutet, du bist die ersten 2–3 Jahre quasi im Minus. Ich hab mal grob gerechnet: 200€/Monat über 17 Jahre sind 40.800€ eingezahlt. Bei 4% Abschlusskosten wären das direkt mal ~1.600€ weg, die nie für dich arbeiten. Plus laufende Kosten. Das ETF-Depot hat das Problem schlicht nicht. Für mich persönlich wäre das Ding klar: ETF-Sparplan, fertig. Aber ich bin auch kein Fan von Versicherungsmänteln generell.
BavarianBudgetBasti
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Re: Private Rentenversicherung vs. ETF-Depot ab 50 — lohnt sich das noch?

Beitrag von BavarianBudgetBasti »

Ey Gabi, willkommen im Club der Leute die von Bankberatern verwirrt werden ? Im Ernst: 200 Euro im Monat in nen MSCI World oder FTSE All World bei der ING oder Consorsbank, fertig. Kein Schnickschnack. Nach 17 Jahren hast du bei angenommenen 7% p.a. grob 80.000–85.000 Euro. Ohne Versicherungsmantel, ohne Abschlussgebühren, ohne irgendwelche Stornorisiken wenn du mal krank wirst und aussetzen musst. Ich versteh die Logik von Rentenversicherungen bei 30-Jährigen noch irgendwie, aber ab 50?? Der Zeitvorteil ist weg, die Kosten bleiben. Da muss der Steuervorteil echt heftig sein um das aufzuholen ?‍♂️
Inflationsschutz_Irene
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Re: Private Rentenversicherung vs. ETF-Depot ab 50 — lohnt sich das noch?

Beitrag von Inflationsschutz_Irene »

Ich möchte kurz eine andere Perspektive einbringen, weil hier gerade alle sehr eindeutig Richtung ETF tendieren — was ich grundsätzlich nachvollziehe, aber: Gabi hat erwähnt, dass sie mit ca. 900–1.000 Euro gesetzlicher Rente rechnet. Das ist knapp. Wenn sie mit 67 in Rente geht und vielleicht 85–90 wird, reden wir von 20+ Jahren Rentenbezug. Ein ETF-Depot kann sie in dieser Phase nicht vor sich selbst schützen — d.h. wenn die Märkte 2031 crashen und sie gerade Geld braucht, muss sie trotzdem verkaufen. Eine Rentenversicherung mit lebenslanger Verrentungsoption bietet genau das: sie kann das Geld nicht aufbrauchen, egal wie alt sie wird. Das hat einen echten Wert, den man nicht einfach wegrechnen kann. Mein Vorschlag wäre: ETF für einen Teil, und wenn überhaupt Versicherung, dann einen günstigen Nettotarif prüfen — nicht den Sparkassenvorschlag.
SparSpaß_Sabrina_K
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Re: Private Rentenversicherung vs. ETF-Depot ab 50 — lohnt sich das noch?

Beitrag von SparSpaß_Sabrina_K »

okay ich bin zwar Azubi und kein Finanzprofi aber selbst ich weiß dass Sparkassenberater nicht dein Freund sind wenn's ums Geld anlegen geht ?? meine oma hat so einen vertrag abgeschlossen und nach 20 jahren hatte sie weniger drin als sie eingezahlt hat, weil irgendwelche "Verwaltungsgebühren" alles gefressen haben. ich schwöre das ist kein witz einfach ETF, kein stress ?✌️
Mod_Ingrid_Finanzen
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Re: Private Rentenversicherung vs. ETF-Depot ab 50 — lohnt sich das noch?

Beitrag von Mod_Ingrid_Finanzen »

Ich möchte den Thread etwas ordnen, weil hier einige Punkte vermischt werden. Was stimmt: Klassische Bruttotarife über Filialbanken sind in der Regel zu teuer. Das ist Konsens und korrekt. Was zu pauschal ist: "Rentenversicherung immer schlecht" stimmt so nicht. Irene hat das Langlebigkeitsrisiko zu Recht angesprochen. Wer 95 wird und sein ETF-Depot mit 80 aufgebraucht hat, hat ein Problem. Konkret für Gabi: Mit 17 Jahren Restlaufzeit ist der Steuervorteil des Halbeinkünfteverfahrens bei einer Einmalauszahlung real messbar — bei einem Grenzsteuersatz von z.B. 30% zahlst du auf ETF-Gewinne effektiv 25% Abgeltungsteuer, bei der Versicherung nur 15% (30% auf 50%). Das macht bei einem Depot von 80.000 Euro und sagen wir 40.000 Euro Gewinn einen Unterschied von ca. 4.000 Euro. Nicht gigantisch, aber auch nicht null. Fazit: Wenn, dann nur Nettotarif. Und parallel trotzdem ein ETF-Depot führen.
KreditBremse_Kira
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Re: Private Rentenversicherung vs. ETF-Depot ab 50 — lohnt sich das noch?

Beitrag von KreditBremse_Kira »

@Mod_Ingrid_Finanzen okay die Steuerrechnung macht Sinn, danke ? aber ich frag mich: wenn Gabi das Geld eh nicht verrentet sondern als Einmalauszahlung nimmt, braucht sie dann wirklich eine Versicherung dafür? Dann ist es doch eigentlich nur ein teurer ETF-Mantel? Das Langlebigkeitsrisiko wäre ja nur relevant wenn sie die Verrentungsoption wählt. Und die ist dann nochmal mit nem Rentenumwandlungsfaktor verbunden der zum Abschlusszeitpunkt meist mies ist.
Girokonto_Gabi_Gera
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Re: Private Rentenversicherung vs. ETF-Depot ab 50 — lohnt sich das noch?

Beitrag von Girokonto_Gabi_Gera »

Wow okay danke euch allen, das ist schon mal viel mehr Input als ich erwartet hatte ? @Mod_Ingrid_Finanzen deine Steuerrechnung hab ich dreimal gelesen bis ichs verstanden hab aber jetzt macht das Sinn. 4000 Euro Unterschied ist halt auch nicht nix wenn man mit nem Verkäuferinnen-Gehalt spart. Diese Nettotarife kannte ich gar nicht. Ich googel mal Condor und myLife. Gibt's da irgendwo nen seriösen Vergleich? Finanztip oder sowas? Und @Inflationsschutz_Irene — das mit dem Langlebigkeitsrisiko hab ich noch gar nicht so bedacht. Wenn ich 90 werde und mein Depot ist leer... das wär natürlich doof. Meine Oma ist 91 geworden also nicht unrealistisch ?
FrugalistFlorian_HB
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Re: Private Rentenversicherung vs. ETF-Depot ab 50 — lohnt sich das noch?

Beitrag von FrugalistFlorian_HB »

Girokonto_Gabi_Gera schrieb:Gibt's da irgendwo nen seriösen Vergleich? Finanztip oder sowas? Finanztip hat tatsächlich gute Artikel dazu, ja. Die empfehlen grundsätzlich auch eher ETF-Depot, aber haben auch Artikel speziell zu Nettopolicen. Stichwort: "ETF-Rentenversicherung Nettotarif" bei denen suchen. Alternativ: Der Kanal von Gerd Kommer auf YouTube hat eine Folge speziell zu Rentenversicherung vs. ETF-Depot, die ist ziemlich unaufgeregt und datenbasiert. Kein Bullshit-Marketing, der Mann ist Vermögensverwalter und hat da kein eigenes Produkt zu verkaufen.
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