Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener
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Kreditkarten_Knecht_Knut
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Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener
Hallo zusammen,
ich lese seit Wochen alles was ich zum Thema Riester finden kann und bin ehrlich gesagt mehr verwirrt als vorher. Jeder zweite Artikel sagt, Riester ist der größte Blödsinn seit der Erfindung des Negativzins. Aber ich frage mich: gilt das auch für meine Situation?
Kurz zu mir: Ich bin Buchhalter, verdiene knapp 42.000 € brutto im Jahr, habe zwei Kinder (9 und 12 Jahre alt) und zahle natürlich Einkommensteuer. Wohne in Österreich, arbeite aber in Deutschland – also bin ich in Deutschland sozialversicherungspflichtig und riesterberechtigt. Der Grenzgänger-Kram ist nochmal eine eigene Geschichte, aber grundsätzlich komme ich als Förderberechtigter in Frage.
Ich habe bereits einen alten Riester-Banksparplan bei der Sparkasse, der seit 2012 läuft. Da liegt irgendwas um die 9.000 € drin. Die Rendite ist so naja. Jetzt frage ich mich: weitermachen, aufstocken, kündigen oder beitragsfreisetzen?
Was ich konkret suche: ein ehrliches Rechenbeispiel, das zeigt ob sich Riester bei 42.000 € brutto, 2 Kinder gegenüber einem ETF-Sparplan (z.B. MSCI World) lohnt. Ich bin 58 Jahre alt, habe also noch etwa 7 Jahre bis zur Rente. Die zeitliche Komponente ist natürlich auch relevant.
Bitte keine Marketing-Antworten. Ich bin Buchhalter, ich kann mit Zahlen umgehen ?
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SparmarathonSilke
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Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener
Oh Knut, da hast du dir gleich mal ein richtig schönes Thema rausgesucht ?
Also ich kann dir sagen was ich weiß: Die Grundzulage sind 175 € im Jahr, und pro Kind gibt's nochmal 300 € (für Kinder ab 2008 geboren). Wenn deine Kinder 9 und 12 sind, passt das zeitlich. Das macht bei dir also 175 + 300 + 300 = 775 € Förderung pro Jahr – die kriegst du quasi geschenkt vom Staat, solange du den Mindesteigenbeitrag leistest.
Der Mindesteigenbeitrag ist 4% deines Vorjahres-Bruttoeinkommens minus Zulagen. Bei 42.000 € wären das 1.680 € minus 775 € = also nur rund 905 € Eigenanteil im Jahr, also ca. 75 € im Monat. Dafür kriegste die volle Zulage.
Ob sich das gegenüber ETF lohnt – da bin ich überfragt, aber rein von der Förderquote her klingt das bei dir gar net so schlecht. Die 775 € auf 905 € Eigenbeitrag sind fast 86% Rendite auf den Einsatz allein durch Zulagen ?
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BavarianBudgetBasti
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Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener
@SparmarathonSilke Moment mal, so einfach ist das net ? Die 86% klingen geil, aber die Rechnung geht nur auf wenn man die Nachteile weglässt:
- Riester-Rente wird voll besteuert im Alter (nachgelagert)
- Bei nem Banksparplan haste im Zweifel 1,x% Zinsen – während der MSCI World in 10 Jahren historisch so 7-8% p.a. gemacht hat
- Wenn Knut in 7 Jahren in Rente geht, hat er auch gar nicht so viel Zeit um schlechte Konditionen auszusitzen
Ich sag net dass Riester Mist ist – aber die Zulagen-Rechnung allein reicht net. Man muss auch schauen was hinten rauskommt ?
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Schuldenfrei_Schorsch
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- Registriert: Sa Nov 30, 2019 11:00 pm
Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener
Knut, du bist Buchhalter, also rechnen wir das durch.
Dein Grenzsteuersatz bei 42.000 € brutto liegt grob bei ca. 30-32%. Neben den Zulagen kannst du den kompletten Beitrag als Sonderausgabe absetzen, bis zum Max von 2.100 € im Jahr. Das Finanzamt schaut dann ob Zulagen oder Steuererstattung für dich günstiger ist und gibt dir die Differenz zurück (Günstigerprüfung).
Bei 2.100 € Beitrag + 775 € Zulagen = Gesamtbeitrag-Abzug 2.100 €. Bei 30% Grenzsteuer wären das rund 630 € Steuererstattung – die Zulagen sind da aber schon drin, also kriegst du ungefähr 630 minus 775... warte, da stimmt was net. Die Zulagen werden von der Steuererstattung abgezogen, weil der Staat die ja schon gezahlt hat. Wenn die Steuerersparnis größer als die Zulagen ist, kriegst du die Differenz extra. Bei dir: 630 € Steuerersparnis vs 775 € Zulagen – Zulagen sind günstiger, also gibt's keine zusätzliche Steuererstattung on top. Aber du hast ja schon die 775 €.
Der Eigenanteil bleibt also bei den ~905 € die Silke genannt hat. Klingt fair, WENN der Anbieter was taugt. Ein Banksparplan 2024 ist aber ne Katastrophe.
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ETF_Elsbeth
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- Registriert: Mi Sep 02, 2020 10:00 pm
Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener
Ich möchte hier etwas Struktur reinbringen, weil die Diskussion gerade etwas durcheinandergerät.
Situation Knut, grob zusammengefasst:
- 58 Jahre alt, ca. 7 Jahre bis Rente
- 42.000 € Brutto, 2 förderberechtigte Kinder
- Bestehender Banksparplan seit 2012 mit ~9.000 €
Was die Zulagen bringen: Silke hat das korrekt berechnet. 775 € Förderung bei ~905 € Eigenanteil ist eine sofortige Rendite von ca. 86% auf den Eigenbeitrag – aber das ist natürlich ein Einmaleffekt, keine jährliche Rendite auf das Gesamtkapital.
Das eigentliche Problem: Ein Riester-Banksparplan wirft aktuell kaum mehr als 2-3% ab, und das bei einer Laufzeit, die bei Knut nur noch 7 Jahre beträgt. Ein MSCI-World-ETF hat historisch ~7% p.a. erzielt, aber mit deutlich höherem Risiko und ohne Kapitalgarantie.
Mein Fazit für Knut: Bei 7 Jahren Restlaufzeit würde ich den bestehenden Vertrag beitragsfrei stellen (die 9.000 € bleiben erhalten, keine weiteren Zulagen, kein Eigenanteil), und parallel einen ETF-Sparplan aufbauen. Die kurze Laufzeit macht den Zinseszinseffekt beim ETF schwächer, aber der Banksparplan lohnt sich trotzdem nicht aufzustocken.
Eine Riester-Rentenversicherung wäre theoretisch noch eine Option, aber bei 7 Jahren Restlaufzeit sind die Abschlusskosten ein echtes Problem.
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ZinsZombie_Zach
- Beiträge: 30
- Registriert: Fr Jun 17, 2022 10:00 pm
Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener
alter ich hab das mal schnell durchgerechnet weil ich grad nix besseres zu tun hab lol ?
Szenario A – Riester Banksparplan weiter besparen: 905 € Eigenanteil + 775 € Zulage = 1.680 € ins Riester, 7 Jahre, bei sagen wir 2,5% Zins. Macht am Ende grob 13.500 € Zuwachs. Plus die 9.000 € die schon drin sind. Also ~22.500 €. Davon wird die Rente voll besteuert, Steuersatz im Alter vielleicht 18-20%.
Szenario B – ETF stattdessen: 905 € monatlich... warte nein, das sind ja 905 € im Jahr also ~75 € pro Monat. 75 € x 7 Jahre bei 7% p.a. = ca. 7.600 €. Kein Steuervorteil vorher, aber Abgeltungssteuer 25% nur auf den Gewinn im Verkauf.
Also Riester hat hier durch die Zulagen klar die Nase vorn, solange der Vertrag net zu teuer ist. Banksparplan ohne große Gebühren = eigentlich okay?? bin verwirrt ?
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WeltportfolioWalter
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Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener
Zacharias, ich schätze den Versuch, aber in deiner Berechnung steckt ein methodischer Fehler: Du vergleichst die Nettoinvestition beim Riester (905 € p.a.) mit dem gleichen Betrag beim ETF, ohne zu berücksichtigen, dass beim ETF der Steuervorteil entfällt und beim Riester die volle Nachversteuerung anfällt.
Für eine seriöse Vergleichsrechnung müsste man folgendes tun:
- Netto-Aufwand nach Zulagen und Steuereffekten identisch setzen
- Renditeerwartungen und Kosten beider Produkte einbeziehen
- Nachsteuerbetrachtung im Rentenalter durchführen, inklusive Grundfreibetrag
Für Knut besonders relevant: Im Rentenalter mit gesetzlicher Rente + Riester-Rente wird sein zu versteuerndes Einkommen entscheidend. Liegt er mit Gesamteinkünften unter dem Grundfreibetrag (~11.604 € in 2024), ist die Nachversteuerung minimal. Das ist bei einem Normalverdiener-Riester-Betrag durchaus realistisch.
Elsbeth hat mit der Empfehlung zur Beitragsfreistellung bei einem Banksparplan recht. Ein Wechsel zu einem Riester-Fondssparplan wäre bei 7 Jahren Restlaufzeit jedoch riskant, da die Beitragsgarantie den Anbieter zwingt, konservativ anzulegen.
Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener
Ich war Steuerberater, jetzt Rentner, und kann hier etwas Licht ins Dunkel bringen.
Walter hat den entscheidenden Punkt angesprochen: die nachgelagerte Besteuerung. Riester-Renten werden zu 100% mit dem persönlichen Steuersatz im Alter besteuert – anders als z.B. Kapitalerträge, die pauschal 25% Abgeltungssteuer kosten.
Bei Knut: Angenommen er bezieht im Alter eine gesetzliche Rente von ca. 1.400 € im Monat (grobe Schätzung bei seinem Einkommen) plus eine kleine Riester-Rente von sagen wir 80-100 € im Monat. Dann liegt sein Jahreseinkommen bei rund 18.000 €. Nach Abzug des Grundfreibetrags, des Rentenfreibetrags und diverser Pauschalen könnte der effektive Steuersatz auf die Riester-Rente bei 12-15% liegen. Das ist günstiger als die 25% Abgeltungssteuer beim ETF – sofern der ETF-Gewinn hoch ist.
Allerdings: die Beitragsgarantie bei Riester kostet Rendite. Und ein Banksparplan 2024 ist wirklich nicht das Gelbe vom Ei. Mein Rat: Beitragsfreistellung des alten Vertrags, dazu ein solider ETF-Sparplan. Das klingt banal, ist aber für seine Situation vermutlich am sinnvollsten.
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FrugalistFlorian_HB
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Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener
Ich will kurz auf einen Aspekt eingehen der bisher kaum diskutiert wurde: Flexibilität.
Riester ist das Gegenteil von flexibel. Das Geld ist bis zur Rente gebunden (außer du willst Förderung zurückzahlen), es gibt Einschränkungen bei der Auszahlung (mindestens 30% auf einmal, Rest als Rente), und wenn du vor der Rente stirbst, bekommt deine Familie unter Umständen nicht alles zurück – zumindest nicht die Zulagen.
ETF-Sparplan: Du kannst jederzeit ran, jederzeit stoppen, jederzeit entnehmen. Bei 7 Jahren bis zur Rente ist das ein echter Vorteil – man weiß nie was passiert.
Ich würde bei Knut so vorgehen: alten Vertrag beitragsfrei stellen, die 9.000 € laufen lassen bis 63 (frühestmögliche Auszahlung). Parallel 75-100 € monatlich in einen günstigen ETF, z.B. über Scalable oder Trade Republic. Simpel, transparent, flexibel.
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GiroGrüblerGabriel
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Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener
Als Selbstständiger bin ich ja eh aus dem Riester-Club raus (danke, Staat ?), aber ich find die Diskussion hier mega interessant.
Was mich bei Knut's Situation noch interessiert: Er sagt er ist Grenzgänger (wohnt AT, arbeitet DE). Hat da schon jemand gecheckt ob die Zulagen wirklich problemlos fließen? Ich meine – der Steuerbescheid kommt ja aus Deutschland, aber die Wohnsituation ist nicht trivial. Hat da jemand Erfahrung?
@Kreditkarten_Knecht_Knut hast du das schon mal mit deinem Anbieter besprochen? Die Sparkasse ist da manchmal... sagen wir... nicht die schnellste wenn's um Grenzfälle geht ?