Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener

Riester, Rürup, betriebliche Altersvorsorge, gesetzliche Rente
Kreditkarten_Knecht_Knut
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Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener

Beitrag von Kreditkarten_Knecht_Knut »

@GiroGrüblerGabriel – gute Frage, ja das hab ich tatsächlich schon abgeklärt. Als unbeschränkt Steuerpflichtiger in Deutschland (ich gebe da eine Steuererklärung ab) bin ich riesterberechtigt, das hat mir damals schon mein Steuerberater bestätigt. Die Zulagen kommen bisher auch ohne Probleme. Der Grenzgänger-Status macht das Ganze etwas bürokratischer, aber grundsätzlich funktioniert's. Was mich aber wirklich beschäftigt ist der Punkt den Elsbeth und Klaus gemacht haben mit der Beitragsfreistellung. Wenn ich den alten Vertrag einfriere – verliere ich dann die bisher erhaltenen Zulagen nicht? Oder bleiben die drin solange ich nicht kündige?
ETF_Elsbeth
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Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener

Beitrag von ETF_Elsbeth »

Kreditkarten_Knecht_Knut schrieb:Wenn ich den alten Vertrag einfriere – verliere ich dann die bisher erhaltenen Zulagen nicht? Nein, die bisherigen Zulagen bleiben erhalten. Beitragsfreistellung bedeutet nur, dass du keine neuen Beiträge mehr einzahlst – und damit auch keine neuen Zulagen mehr erhältst. Was bereits im Vertrag ist, bleibt vollständig erhalten und wird weiter verzinst (bei einem Banksparplan also mit dem vereinbarten Zinssatz). Verlust der erhaltenen Zulagen droht nur bei Kündigung mit Rückzahlung (also wenn du das Geld vollständig vor der Rente entnimmst und nicht in einen anderen Riester-Vertrag überträgst). Das solltest du unbedingt vermeiden. Beitragsfrei stellen: kein Problem. Das Geld arbeitet weiter bis zur Rente, du zahlst nichts mehr ein, kriegst keine neuen Zulagen – aber was drin ist, gehört dir.
SparplanSeppel
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Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener

Beitrag von SparplanSeppel »

Mensch, da lernt man echt was hier ? Ich hab selbst auch so einen alten Riester-Vertrag bei der VR-Bank liegen, auch Banksparplan. Ich hab da schon länger überlegt ob ich den kündigen soll. Nach dem was hier steht: Finger weg von der Kündigung, einfach beitragsfrei stellen und laufen lassen. Klingt nach dem Weg des geringsten Widerstands. ? Knut – wie hoch sind eigentlich die Kosten bei deinem Sparkassen-Vertrag? Kontoführungsgebühren oder so? Bei Banksparplnen ist das oft der entscheidende Punkt.
PortfolioPhilipp_B
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Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener

Beitrag von PortfolioPhilipp_B »

Ich mache mal eine etwas nüchternere Gesamtbetrachtung für Knut, weil ich finde dass hier viele Details diskutiert werden aber das große Bild fehlt. Die echte Frage ist nicht Riester ja/nein, sondern: was ist das Ziel? Knut ist 58, hat 7 Jahre bis zur Rente. Mit 42.000 € Brutto und zwei Kindern ist die gesetzliche Rente vermutlich der Hauptpfeiler der Altersvorsorge. Riester ist bei ihm ein Ergänzungsprodukt, kein Basisprodukt. Die 9.000 € die drin sind, werden als Rente vielleicht 40-50 € im Monat bringen. Das ist kein Game Changer. Wenn Knut jetzt die ~75 € Eigenanteil monatlich woanders anlegt – sagen wir in einen MSCI World ETF – dann hat er nach 7 Jahren bei 6% p.a. grob 8.500 € angespart. Steuerlich günstiger bei Entnahme, flexibler, keine Bindung. Die fehlenden Zulagen (775 € p.a. x 7 = 5.425 €) sind natürlich ein echter Verzicht. Fazit: Die Zulagen machen Riester attraktiv, der Banksparplan macht ihn schlecht. Wer wechseln will, braucht einen Riester-Fondssparplan (z.B. UniProfiRente oder DWS RiesterRente Premium) – aber bei 7 Jahren ist das Risiko-Rendite-Verhältnis auch da mäßig. Beitragsfrei stellen + ETF daneben: das ist die pragmatische Lösung die hier mehrfach empfohlen wurde, und sie ist richtig.
Sparplan_Sören_HB
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Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener

Beitrag von Sparplan_Sören_HB »

Ich möchte noch den Aspekt Grundsicherung einwerfen, der in solchen Diskussionen oft vergessen wird: Wenn jemand im Alter Grundsicherung beziehen würde (was bei 42.000 € Brutto unwahrscheinlich aber nicht unmöglich ist), dann wird eine Riester-Rente bis zu einem Freibetrag von ca. 100 € monatlich nicht auf die Grundsicherung angerechnet. Für Menschen mit geringerem Einkommen als Knut kann das ein wichtiges Argument für Riester sein. Bei Knut mit seiner Einkommenssituation ist das weniger relevant – er wird voraussichtlich eine gesetzliche Rente oberhalb der Grundsicherung haben. Aber es zeigt: Riester ist nicht für jeden gleich schlecht oder gleich gut. Es kommt tatsächlich auf die individuelle Situation an. Was ich Knut empfehle: lass dir von der Rentenberatung der Deutschen Rentenversicherung einen konkreten Rentenbescheid-Ausdruck zeigen und rechne von dort aus. Dann weißt du was du tatsächlich im Alter haben wirst und kannst besser entscheiden ob 40-50 € Riester-Rente extra das Aufstocken lohnt.
BudgetBossBalint
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Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener

Beitrag von BudgetBossBalint »

Super Thread, ich hätte noch eine konkrete Zahl die ich für Knut durchgerechnet hab ? Vergleich über 7 Jahre (Knut, 42k Brutto, 2 Kinder): Option A – Riester weiterbesparen (Banksparplan, 2,5% p.a.): Eigenanteil: 905 € p.a. / Zulagen: 775 € p.a. / Gesamtbeitrag: 1.680 € p.a. Startkapital: 9.000 € Nach 7 Jahren: ca. 23.800 € (inkl. Startkapital, Zinsen, Zulagen) Effektiver Eigenaufwand: 905 € x 7 = 6.335 € Nachsteuer bei 15% im Alter: ~20.200 € verfügbar Option B – Beitragsfrei + ETF (7% p.a. angenommen): Beitragsfreier Riester wächst von 9.000 € auf ca. 14.400 € (2,5% p.a.) ETF: 75 € x 12 x 7 Jahre bei 7% p.a. = ca. 8.200 € Eigenaufwand: gleich (75 € x 84 Monate = 6.300 €) Nachsteuer ETF (25% auf Gewinn von ~1.900 €): ~7.700 € netto Riester nachsteuer (15%): ~12.200 € Gesamt: ca. 19.900 € Also Option A liegt vor Option B – aber nur wegen der Zulagen! Ohne Zulagen würde der ETF gewinnen. Das zeigt: Riester lohnt sich für Knut, aber nur wenn man den Eigenbeitrag auf das Zulagen-Minimum reduziert. Mehr einzahlen als nötig bringt nix.
FINANZflüsterin_Fiona
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Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener

Beitrag von FINANZflüsterin_Fiona »

Balints Rechnung ist gut, aber ich möchte auf eine Schwachstelle hinweisen: Der Vergleich ist nur fair wenn man dieselbe Nettoliquidität ansetzt. In Option A fließen 905 € p.a. in den Riester. In Option B fließen 75 € p.a. in den ETF (gleicher Eigenanteil) – das stimmt. Aber in Option B hat Knut keine Zulagen mehr, spart also effektiv weniger an. Was wäre wenn Knut in Option B die vollen 1.680 € p.a. in den ETF steckt (also Zulagen selbst ersetzt)? Dann würde der ETF bei 7% nach 7 Jahren ca. 16.500 € erwirtschaften, plus beitragsfreier Riester 14.400 €, macht ~30.900 €. Abzüglich 25% Steuer auf die ETF-Gewinne (~3.000 €) und 15% auf Riester: Gesamtnetto ~38.600 €. Ergebnis: Wer die Zulagen selbst aufbringen kann (sprich: 1.680 € p.a. in den ETF steckt statt 905 €), schlägt Riester langfristig. Wer das nicht kann, profitiert von den Zulagen als Hebel. Für Knut konkret: Bei 42.000 € Brutto und zwei Kindern ist Budget oft knapp. Die Zulagen als Hebel nutzen und Eigenanteil minimieren – das ist die rationale Strategie.
RisikostreuerRobert
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Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener

Beitrag von RisikostreuerRobert »

Ich möchte abschließend auf etwas hinweisen, das in dieser Diskussion zu kurz gekommen ist: das Langlebigkeitsrisiko. Riester-Rente zahlt lebenslang – egal ob man 75 oder 95 wird. Ein ETF-Depot ist irgendwann aufgebraucht, wenn man zu lange lebt oder zu viel entnimmt. Das ist ein struktureller Vorteil von Riester gegenüber einem selbstverwalteten Depot, der in Rendite-Vergleichen nicht auftaucht. Für Knut, der jetzt 58 ist und statistisch noch 25-30 Jahre vor sich hat: Diese Garantie hat einen Wert. Wie hoch dieser Wert ist, hängt von der persönlichen Risikopräferenz ab. Wer ein großes ETF-Depot aufbaut und diszipliniert eine Entnahmeregel (z.B. 3-4% p.a.) befolgt, schlägt Riester trotzdem. Aber das erfordert Disziplin über Jahrzehnte. Kein Produkt ist universell besser. Riester ist ein schlechtes Produkt mit guten Zulagen. Der Banksparplan ist der schlechteste Riester-Durchführungsweg. Das lässt sich trennen.
Mod_Thorsten_FFF
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Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener

Beitrag von Mod_Thorsten_FFF »

Schöner Thread, gute Diskussion ohne Ausreißer – danke an alle. Ich pinne das mal kurz im Unterforum Altersvorsorge, da kommen solche Fragen regelmäßig. Kleiner Hinweis für alle Leser: Die hier genannten Zahlen sind Näherungswerte und keine Steuer- oder Anlageberatung. Für die konkrete Situation – insbesondere bei Grenzgängern – empfiehlt sich ein Gespräch mit einem unabhängigen Finanzberater oder Steuerberater. Die Deutsche Rentenversicherung bietet auch kostenlose Beratungsgespräche an.
ZinsZombie_Zach
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Re: Wann lohnt sich Riester wirklich noch? Rechenbeispiel für Normalverdiener

Beitrag von ZinsZombie_Zach »

Sorry für Necro aber ich hab das grad nochmal gelesen für meine Hausarbeit über Riester lol ? Fiona's Punkt über Opportunitätskosten ist eigentlich der kernigste hier. Hab das als Quelle in meine Seminararbeit gepackt, hoffe das ist ok ? Knut wie hast du dich eigentlich entschieden??
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