Was passiert mit meinem ETF-Depot wenn der Broker pleite geht?

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RentnerKarlheinz
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Was passiert mit meinem ETF-Depot wenn der Broker pleite geht?

Beitrag von RentnerKarlheinz »

Guten Abend zusammen, ich bin seit etwa zwei Jahren dabei und habe mein Erspartes zu einem guten Teil in ETFs angelegt — über Trade Republic, wenn ich das erwähnen darf. Meine Enkel haben mich überredet, und eigentlich bin ich ganz zufrieden damit. Aber neulich habe ich einen Artikel gelesen, wo stand, dass einige dieser neuen Neobroker noch gar nicht so lange am Markt sind und man nie wissen kann. Jetzt grübel ich: Was passiert eigentlich konkret mit meinem Depot, wenn so ein Broker eines Tages insolvent geht? Ich weiß, dass ETFs sogenanntes Sondervermögen sind und dass das vom Vermögen der Fondsgesellschaft getrennt ist. Aber wie läuft das in der Praxis ab? Bekomme ich meine Anteile einfach zurück, oder werden die eingefroren? Und wie lange kann so eine Übertragung dauern? Ich bin 71 Jahre alt und möchte nicht jahrelang auf mein Geld warten müssen. Außerdem: Gilt das auch für den Fall, dass nicht der Broker pleite geht, sondern die Fondsgesellschaft selbst (also z.B. iShares oder Xtrackers)? Ist das ein anderer Fall? Für eine verständliche Erklärung wäre ich sehr dankbar. Ich bin kein Fachmann, also bitte nicht zu kompliziert ? Karlheinz aus Freiburg
BausparkritikBernadette
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Re: Was passiert mit meinem ETF-Depot wenn der Broker pleite geht?

Beitrag von BausparkritikBernadette »

Hallo Karlheinz, das ist eine sehr berechtigte Frage, die leider viel zu selten gestellt wird. Ich versuche das strukturiert zu erklären. Fall 1: Broker-Insolvenz Deine ETF-Anteile liegen rechtlich gesehen nicht beim Broker — sie liegen bei einer Depotbank (Verwahrstelle). Bei Trade Republic ist das die HSBC Deutschland. Der Broker ist nur eine Art Zugangstür zu deinem Depot. Geht der Broker pleite, hat die Insolvenzmasse keinen Zugriff auf deine ETF-Anteile, weil sie dir gehören und nicht dem Broker. Das ist gesetzlich geregelt im Depotgesetz (§ 6 DepotG). In der Praxis wird dann ein Insolvenzverwalter bestellt, der die Depotübertragung zu einem anderen Broker organisiert. Das kann einige Wochen dauern — ich habe Schätzungen von 4 bis 12 Wochen gelesen, je nach Komplexität. Verkäufe sind in dieser Zeit in der Regel nicht möglich. Fall 2: Insolvenz der Fondsgesellschaft (z.B. BlackRock/iShares) Das ist tatsächlich ein anderer Fall. Hier greift die Sondervermögen-Regelung des Kapitalanlagegesetzbuches (KAGB). Das Fondsvermögen ist vom Vermögen der Gesellschaft getrennt und wird von einer unabhängigen Verwahrstelle gehalten. Bei einer Insolvenz von BlackRock würde der Fonds entweder von einem anderen Anbieter übernommen oder geordnet abgewickelt — du bekommst in beiden Fällen den Gegenwert deiner Anteile. Kurz: Dein Geld ist in beiden Szenarien grundsätzlich geschützt. Der Unterschied liegt im Zeitaufwand und in der Zugänglichkeit während des Verfahrens.
Mod_Thorsten_FFF
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Re: Was passiert mit meinem ETF-Depot wenn der Broker pleite geht?

Beitrag von Mod_Thorsten_FFF »

Gute Zusammenfassung von Bernadette. Ich schiebe noch kurz einen praktischen Hinweis nach: Es gibt in Deutschland bisher noch keinen Fall, wo ein regulierter Retail-Broker insolvent gegangen ist und Kleinanleger dauerhaft ihre ETF-Anteile verloren hätten. Das ist kein Grund, sorglos zu sein — aber die historische Bilanz ist besser als viele denken. Was manche vergessen: Zusätzlich zur Sondervermögen-Regelung gibt es noch die Einlagensicherung für Guthaben auf dem Verrechnungskonto (bis 100.000 €, gesetzlich, über die EdB). Das ist der Teil, den man im Insolvenzfall wirklich verlieren könnte — nämlich Bargeld, das gerade nicht investiert ist.
SparenOderLeben_Sigi
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Re: Was passiert mit meinem ETF-Depot wenn der Broker pleite geht?

Beitrag von SparenOderLeben_Sigi »

okay ich steig kurz ein weil ich das immer wieder lese und immer wieder dasselbe denk: die Leute machen sich Sorgen über Broker-Insolvenz aber kaufen gleichzeitig bei irgendwelchen Krypto-Exchanges ohne regulierung ? Aber Spaß beiseite, @RentnerKarlheinz — du bist bei Trade Republic, die sind BaFin-reguliert, haben ne deutsche Banklizenz seit 2023 und die Depotbank ist HSBC. Da schlafen schon mal schlechter aufgestellte Broker. Die Frage ist absolut berechtigt, aber ich würd sagen dein konkretes Risiko ist recht überschaubar. Was mich persönlich mehr nerven würde: die Wochen, in denen man nix verkaufen kann. Ich hab mal gelesen das war bei Maple Financial in Kanada so ein Fall, da hat's Monate gedauert. Aber das sind andere Dimensionen.
Abgeltungssteuer_August
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Re: Was passiert mit meinem ETF-Depot wenn der Broker pleite geht?

Beitrag von Abgeltungssteuer_August »

Ich möchte einen steuerlichen Aspekt ergänzen, der in dieser Diskussion oft vergessen wird. Bei einer Depotübertragung im Zuge einer Broker-Insolvenz handelt es sich um eine Übertragung in Natura — das heißt, die ETF-Anteile werden zu einem neuen Broker transferiert, ohne dass ein steuerlicher Realisierungstatbestand ausgelöst wird. Es fällt also keine Abgeltungssteuer an, weil kein Verkauf stattfindet. Allerdings: Der übernehmende Broker muss die Anschaffungsdaten (Kaufdatum, Kaufkurs, Anschaffungskosten) korrekt übernehmen. In der Praxis kommt es dabei gelegentlich zu Fehlern, was später beim tatsächlichen Verkauf zu falschen Steuerberechnungen führen kann. Ich empfehle grundsätzlich, nach jeder Depotübertragung die Anschaffungsdaten beim neuen Broker zu prüfen und notfalls schriftlich zu korrigieren. Für Altbestände vor 2009 gilt das umso mehr — falls Karlheinz solche haben sollte.
Kredithai_Kassandra
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Re: Was passiert mit meinem ETF-Depot wenn der Broker pleite geht?

Beitrag von Kredithai_Kassandra »

Ich studier Jura und hab mich letztes Semester ein bisschen mit dem DepotG beschäftigt — Bernadette hat das gut erklärt. Ich würd noch ergänzen: Die Verwahrstelle (also die Depotbank, bei TR die HSBC) ist nochmal separat reguliert und muss ihrerseits die Wertpapiere von ihrem eigenen Vermögen trennen. Das ist also quasi doppelt abgesichert. Was ich interessant fand: Im Falle einer Insolvenz hat der Kunde einen Aussonderungsanspruch nach § 47 InsO. Das bedeutet, deine Anteile fallen gar nicht erst in die Insolvenzmasse — du kannst sie herausverlangen. Das ist rechtlich ein ziemlich starkes Instrument. Praktisch ist das natürlich trotzdem nervig wenns passiert. Aber rechtlich bist du gut aufgestellt.
GoldGlaubeGertrude
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Re: Was passiert mit meinem ETF-Depot wenn der Broker pleite geht?

Beitrag von GoldGlaubeGertrude »

Lieber Karlheinz, ich versteh deine Sorge gut. Ich hab mein erspartes auch zum Teil in ETFs aber meien Mann sagt immer, Gold kann nicht pleite gehen ? Ich glaub ihm da halb. Aber mal ernsthaft: ich hab mich nie so genau mit dem Sondervermögen beschäfitgt und das hier erklärt mir das viel besser als alles was ich bis jetzt gelesen hab. Danke an alle!
RisikoRudolf_aus_RLP
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Re: Was passiert mit meinem ETF-Depot wenn der Broker pleite geht?

Beitrag von RisikoRudolf_aus_RLP »

Als Versicherungsmensch sehe ich das pragmatisch: Restrisiken gibt es immer, die Frage ist ob sie versicherbar oder zumutbar sind. Das Sondervermögen-Konzept ist juristisch solide — das haben Bernadette und Kassandra gut ausgeführt. Was ich aus Risikosicht trotzdem empfehle: - Nicht alles bei einem einzigen Broker. Zwei Depots kosten kaum extra (Scalable und Trade Republic z.B. sind beide kostenlos) und du hast im Ernstfall Zugriff auf wenigstens einen Teil deines Vermögens. - Das Verrechnungskonto nicht als Sparstrumpf nutzen — nur so viel Cashbestand wie nötig. Der Rest sollte investiert sein oder auf einem separaten Tagesgeldkonto liegen, das unter die Einlagensicherung fällt. - Depotauszüge regelmäßig ausdrucken oder als PDF sichern. Im Streitfall brauchst du Nachweise über deine Bestände. Das klingt vielleicht paranoid, ist aber 20 Minuten Aufwand pro Jahr und gibt einem ruhigen Schlaf. ?
BausparkritikBernadette
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Re: Was passiert mit meinem ETF-Depot wenn der Broker pleite geht?

Beitrag von BausparkritikBernadette »

Abgeltungssteuer_August schrieb:Der übernehmende Broker muss die Anschaffungsdaten korrekt übernehmen. In der Praxis kommt es dabei gelegentlich zu Fehlern. Wichtiger Punkt. Ich ergänze: Wer seine Kaufbelege nicht mehr hat, kann beim abgebenden Broker (bzw. dessen Insolvenzverwalter) die Jahressteuerbescheinigungen und Abrechnungen anfordern. Das Recht dazu besteht auch während eines Insolvenzverfahrens. Im Zweifel das Finanzamt über die Situation informieren — die sind in solchen Sonderfällen in der Regel kooperativer als man denkt.
RentnerKarlheinz
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Re: Was passiert mit meinem ETF-Depot wenn der Broker pleite geht?

Beitrag von RentnerKarlheinz »

Guten Morgen allerseits, ich bin wirklich beeindruckt wie schnell und ausführlich ihr geantwortet habt. Das ist wirklich eine tolle Gemeinschaft hier. Also wenn ich das richtig verstehe: Meine ETF-Anteile gehören mir und nicht dem Broker, die liegen bei der HSBC, und im schlimmsten Fall dauert eine Übertragung ein paar Wochen aber ich verliere sie nicht. Das beruhigt mich sehr. Den Tipp mit den zwei Depots von Rudolf finde ich gut — ich schau mir Scalable Capital mal an. Und die Sache mit den Anschaffungsdaten (danke August!) werde ich meiner Tochter zeigen, die hilft mir bei solchen Sachen. Jetzt hab ich noch eine kleine Folgefrage die mich beschäfigt: Gilt das alles genauso auch für einen ausländischen Broker, z.B. wenn man bei DEGIRO ist? Oder ist da die Rechtslage eine andere?
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