Purchasing Power Parity (Kaufkraftparität) — was bedeutet das eigentlich für mich als Normalmensch in Deutschland?

Inflation, Zinsen, EZB, Geldpolitik, Konjunktur, Steuern allgemein
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GeldTagebuch_Greta
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Purchasing Power Parity (Kaufkraftparität) — was bedeutet das eigentlich für mich als Normalmensch in Deutschland?

Beitrag von GeldTagebuch_Greta »

Hey ihr ? ich bin gerade beim Lesen über Wirtschaftsthemen über den Begriff Purchasing Power Parity (also Kaufkraftparität) gestolpert und ehrlich gesagt hab ich nur Bahnhof verstanden ? Ich hab das grob so verstanden: Es geht darum, dass man Währungen nicht nur nach Wechselkurs vergleicht, sondern auch danach, was man damit wirklich kaufen kann. Also z.B. dass ein Kaffee in München viel teurer ist als in Warschau, auch wenn der Zloty nominal weniger wert ist? Aber dann wirds für mich fuzzy ? Konkret frage ich mich: - Wie wird das überhaupt berechnet? Irgendwelche Warenkörbe? - Warum sagen manche, Deutschland hat eine schlechtere Kaufkraft als man denkt, obwohl wir doch hohe Löhne haben? - Was bedeutet das für mich persönlich — z.B. wenn ich überlege ins Ausland zu ziehen oder remote zu arbeiten? - Und stimmt das mit dem „Big Mac Index" oder ist das was anderes? Ich studiere Psycho, nicht BWL ? also gerne einfach erklären. Danke schon mal im Voraus! ?
Mod_Sabine_PF
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Re: Purchasing Power Parity (Kaufkraftparität) — was bedeutet das eigentlich für mich als Normalmensch in Deutschland?

Beitrag von Mod_Sabine_PF »

Super Frage, Greta — das ist tatsächlich eines der Konzepte, die in der Wirtschaftsberichterstattung ständig auftauchen, aber kaum je vernünftig erklärt werden. Ich versuch's mal strukturiert. ? Was ist PPP grundsätzlich? Die Idee dahinter: Wenn du 1.000 Euro in Deutschland hast und 1.000 Euro (umgerechnet) in Rumänien, kannst du dir in Rumänien deutlich mehr davon kaufen — weil Mieten, Lebensmittel, Dienstleistungen dort günstiger sind. PPP versucht genau das zu messen und einzupreisen. Wie wird gerechnet? Die bekannteste Methode kommt von der Weltbank und dem IWF: Man definiert einen einheitlichen Warenkorb (Lebensmittel, Wohnen, Verkehr, Gesundheit etc.) und schaut, was dieser Korb in verschiedenen Ländern kostet. Daraus ergibt sich ein PPP-Wechselkurs, der vom nominalen Wechselkurs abweicht. Und der Big Mac Index? Das ist eine vereinfachte, humorvolle Version davon — die Zeitschrift The Economist veröffentlicht den regelmäßig. Ein einzelnes Produkt statt eines komplexen Warenkorbs. Nett zur Veranschaulichung, aber natürlich nicht wissenschaftlich präzise. Was bedeutet das für Deutschland? Deutschland hat nominell hohe Löhne, aber auch sehr hohe Lebenshaltungskosten — vor allem in den Großstädten. Im PPP-bereinigten Vergleich schneiden z.B. einige osteuropäische Länder gar nicht so schlecht ab, weil die Kaufkraft dort relativ zur Einkommenssituation besser ist. Für den Remotearbeits-Aspekt — da gibt's gleich sicher noch mehr Meinungen hier im Thread. ?
Portfoliopfleger_Pit
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Re: Purchasing Power Parity (Kaufkraftparität) — was bedeutet das eigentlich für mich als Normalmensch in Deutschland?

Beitrag von Portfoliopfleger_Pit »

Ergänzend zu Sabines sehr guter Erklärung noch ein paar Zahlen zum Einordnen: Der IWF veröffentlicht jährlich das BIP pro Kopf nach PPP. Deutschland lag 2023 bei ca. 56.000 USD (PPP-bereinigt) — das klingt nach viel, aber die Schweiz liegt bei über 80.000, und die USA bei ca. 80.000 ebenfalls. Auch Luxemburg und Norwegen schlagen Deutschland deutlich. Was viele nicht wissen: Im reinen Nominallohnvergleich sieht Deutschland ordentlich aus. Aber wenn man PPP anwendet, zeigt sich, dass hohe Steuern, Sozialabgaben und Lebenshaltungskosten einen erheblichen Teil des Bruttoeinkommens auffressen. Für die praktische Remotearbeits-Entscheidung: Ich kenne einige Consultants, die sich bewusst in Portugal oder Tschechien niedergelassen haben, mit deutschem Gehalt. Die leben dort deutlich komfortabler — nicht weil sie mehr verdienen, sondern weil ihr Geld dort mehr kauft. Das ist PPP in Aktion.
Festgeld_Friedhelm
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Registriert: Mi Okt 16, 2019 10:00 pm

Re: Purchasing Power Parity (Kaufkraftparität) — was bedeutet das eigentlich für mich als Normalmensch in Deutschland?

Beitrag von Festgeld_Friedhelm »

Ich möchte einen Punkt hinzufügen, der gerne vergessen wird: PPP ist kein statisches Konzept. Als ich noch im Beruf war, haben wir in der Buchhaltung auch internationale Vergleiche gezogen. Kaufkraftparitäten änderen sich über die Jahre erheblich — durch Inflation, politische Stabilität, Währungsschwankungen. Was heute für Polen oder Ungarn gilt, kann in zehn Jahren ganz anders aussehen. Deutschland hatte in den 1990er Jahren nach der Wiedervereinigung eine Phase, wo die Kaufkraft in den neuen Bundesländern massiv unter dem Westniveau lag — das ist auch eine Form von interner Kaufkraftdisparität, die gerne übersehen wird. Für Sparentscheidungen oder Auslandsplanungen: immer aktuelle Daten vom IWF oder Eurostat heranziehen, nicht irgendwelche veralteten Artikel.
Nebenjob_Nele
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Re: Purchasing Power Parity (Kaufkraftparität) — was bedeutet das eigentlich für mich als Normalmensch in Deutschland?

Beitrag von Nebenjob_Nele »

okay ich muss kurz was Praktisches dazu sagen weil ich das selbst durchgespielt hab ? Ich arbeite freiberuflich als Grafikerin, also komplett remote. Hab mal ernsthaft überlegt nach Lissabon zu ziehen — deutsche Kunden, portugiesische Mieten. Klingt nach dem perfekten PPP-Hack, oder? ? Die Realität: Portugal ist inzwischen nicht mehr so günstig wie vor 5 Jahren. Lissabon-Mieten haben sich locker verdoppelt, weil gefühlt jede*r Freelancer aus Nordeuropa auf dieselbe Idee gekommen ist. Das nennt sich dann Gentrification durch Remote-Worker und ist so ein bisschen das böse Geschwister von PPP. Also ja, PPP ist real und nützlich — aber schau dir immer aktuelle Zahlen an und nicht irgendwelche Blog-Artikel von 2019 die sagen „Lissabon ist so günstig!!" ?
VersicherungsVerdrossenV
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Registriert: Sa Jun 13, 2020 10:00 pm

Re: Purchasing Power Parity (Kaufkraftparität) — was bedeutet das eigentlich für mich als Normalmensch in Deutschland?

Beitrag von VersicherungsVerdrossenV »

Ich hake mal bei dem Punkt ein, den Pit erwähnt hat — Deutschland vs. USA im PPP-Vergleich. Das ist so ein Lieblingsthema in Wirtschaftsdiskussionen und ich find's oft etwas schief dargestellt. Ja, die USA haben ein hohes PPP-bereinigtes BIP pro Kopf. Aber das PPP-Konzept berücksichtigt nicht automatisch: - Krankenversicherungskosten (in den USA können die brutal sein) - Studiengebühren - Altersvorsorge-Eigenverantwortung - Soziale Absicherung generell Der Standard-Warenkorb für PPP ist relativ und deckt diese strukturellen Unterschiede nur teilweise ab. Wenn ein Amerikaner 30% seines Einkommens für private Kranken- und Rentenversicherung aufwendet, die in Deutschland durch Pflichtbeiträge abgedeckt sind, dann ist der PPP-Vergleich mit Vorsicht zu genießen. Nicht falsch verstehen — PPP ist ein nützliches Werkzeug. Aber wie jedes Makroökonomie-Konzept hat es blinde Flecken.
DepotDiversifizierer_Dan
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Registriert: Mi Jul 21, 2021 10:00 pm

Re: Purchasing Power Parity (Kaufkraftparität) — was bedeutet das eigentlich für mich als Normalmensch in Deutschland?

Beitrag von DepotDiversifizierer_Dan »

@VersicherungsVerdrossenVeit absolut richtig ? und das ist genau der Punkt, den Ökonomen als „nicht-handelbare Güter" bezeichnen. PPP funktioniert am besten bei Gütern, die international handelbar sind — also Elektronik, Rohstoffe, Industrieprodukte. Bei Dingen wie Friseurbesuch, Restaurantessen, Wohnungsmiete oder eben Gesundheitsversorgung versagt der einfache PPP-Ansatz, weil diese Preise stark von lokalen Lohnstrukturen abhängen. Das Balassa-Samuelson-Effekt nennt sich das übrigens — reichere Länder haben tendenziell teurere nicht-handelbare Güter, weil die Löhne in produktiven Sektoren die Löhne in weniger produktiven Sektoren mit hochziehen. Für Greta: Stell dir vor, ein Programmierer in München verdient viel → deshalb muss auch der Bäcker in München mehr zahlen → deshalb kostet die Brezel in München mehr als in Krakau. Das erklärt einen Teil der PPP-Abweichungen. Für konkrete Zahlen zum Selbststudium: Eurostat hat eine schöne interaktive Karte zu Kaufkraftstandards innerhalb der EU. Einfach mal googeln: „Eurostat KKS Kaufkraft"
Festgeldfreund_Florian
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Registriert: Fr Nov 27, 2020 11:00 pm

Re: Purchasing Power Parity (Kaufkraftparität) — was bedeutet das eigentlich für mich als Normalmensch in Deutschland?

Beitrag von Festgeldfreund_Florian »

Ich möchte noch einen nüchternen Hinweis für die praktische Anwendung geben. Für Privatpersonen in Deutschland ist PPP vor allem in folgenden Situationen relevant: - Gehaltsverhandlung mit internationalem Arbeitgeber: Ein US-Unternehmen zahlt vielleicht nominell 80.000 USD — aber was ist das PPP-bereinigt wert, wenn man in Deutschland lebt und arbeitet? - Auslandsentsendung: Wer ins Ausland versetzt wird, sollte auf PPP-adjustierte Gehaltszulagen bestehen. - ETF-Investments mit globalem Fokus: BIP-gewichtete ETFs nutzen teilweise PPP-Daten für die Ländergewichtung. Im Alltag als Normalverbraucher ohne Auslandsbezug hat PPP eher akademischen Charakter. Wichtiger sind dann konkrete Inflationsdaten und Reallohnentwicklung im eigenen Land.
GeldTagebuch_Greta
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Re: Purchasing Power Parity (Kaufkraftparität) — was bedeutet das eigentlich für mich als Normalmensch in Deutschland?

Beitrag von GeldTagebuch_Greta »

Wow, ich hab nicht erwartet dass das so viele Antworten werden — danke euch allen!! ?? Ich glaub ich hab's jetzt viel besser verstanden. Kurze Zusammenfassung für mich selbst (und falls jemand anderes sucht): - PPP = Vergleich was Geld wirklich kauft, nicht nur nominaler Wechselkurs - Berechnung über Warenkörbe, Weltbank/IWF machen das offiziell - Big Mac Index = vereinfachte lustige Version davon - Deutschland hat hohe Löhne aber auch hohe Kosten → PPP-bereinigt nicht ganz so glänzend - Für Remote-Work super relevant, aber Vorsicht mit veralteten Daten (danke Nele! ?) - PPP hat blinde Flecken bei Gesundheit, Sozialversicherung etc. Den Balassa-Samuelson-Effekt muss ich mir noch mal in Ruhe reinziehen, das klang interessant ? und die Eurostat-Karte schau ich mir an! Wirklich top Community hier ?
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