Depot übertragen: So wechselst du den Broker ohne Steuernachteile
Ein Brokerwechsel lohnt sich: Wer von einer Filialbank zu einem Neobroker wechselt, spart oft 50–150 Euro Depotgebühren pro Jahr. Der entscheidende Punkt dabei ist der Weg: Depot übertragen statt auflösen. Wer das falsch macht, löst unnötig Steuern aus – manchmal mehrere tausend Euro auf einmal.
Diese Seite erklärt den genauen Ablauf eines Depotübertrags, welche Broker ihn kostenlos akzeptieren, wie Anschaffungskosten korrekt übermittelt werden und welche Fehler häufig passieren. Alles mit konkreten Zahlen, ohne Werbung für einzelne Anbieter.
Depotübertrag vs. Depotauflösung: Steuerlicher Unterschied
Der Unterschied ist gravierend und wird oft unterschätzt:
- Depotauflösung: Du verkaufst alle Positionen, der Broker zieht Kapitalertragsteuer (25 % + Soli) auf alle realisierten Gewinne ab. Das Geld landet auf deinem Konto, du kaufst beim neuen Broker neu ein.
- Depotübertrag (in Natura): Die Wertpapiere wechseln physisch den Broker. Es findet kein steuerlicher Verkauf statt. Die ursprünglichen Anschaffungskosten bleiben erhalten.
Beispiel: Du hast ETF-Anteile für 10.000 Euro gekauft, die heute 18.000 Euro wert sind. Bei Auflösung zahlst du auf 8.000 Euro Gewinn rund 2.000 Euro Steuern sofort. Beim Übertrag: null Euro – die Steuer fällt erst beim echten Verkauf an.
Faustregel: Solange du nicht vorhast, alle Positionen zeitnah zu verkaufen, ist der Übertrag in Natura fast immer die steuerlich günstigere Variante.
Ausnahme: Verlustpositionen kann es sinnvoll sein, vor dem Wechsel gezielt zu verkaufen, um Verluste mit Gewinnen zu verrechnen.
Schritt-für-Schritt: So läuft ein Depotübertrag ab
Der Übertrag wird beim aufnehmenden Broker (dem neuen) initiiert, nicht beim alten. Ablauf:
- Konto beim neuen Broker eröffnen – vollständige Legitimation abwarten (1–7 Werktage).
- Depotübertrag beantragen – im Kundenportal oder per Formular. Du benötigst die Depotnummer und BLZ/BIC des alten Brokers.
- Liste der zu übertragenden Positionen angeben – entweder alle Positionen oder eine Auswahl. Teildepotüberträge sind möglich.
- Neuer Broker kontaktiert den alten – der alte Broker prüft den Auftrag und gibt die Bestände frei.
- Wertpapiere werden gebucht – inklusive Anschaffungskosten und Kaufdatum.
- Altes Depot kündigen – erst nach vollständiger Übertragung und Prüfung der Bestände beim neuen Broker.
Wichtig: Während des Übertrags sind die Positionen nicht handelbar. Plane das bei volatilen Märkten ein.
Welche Broker akzeptieren Depotüberträge kostenlos?
Die meisten modernen Broker übernehmen eingehende Depotüberträge kostenlos. Bei ausgehenden Überträgen verlangen manche Institute noch Gebühren – typisch sind 25–50 Euro pro Position bei Filialbanken.
- Neobroker (Trade Republic, Scalable, justTrade): Eingehende Überträge kostenlos. Ausgehende Überträge teils ebenfalls gratis.
- Direktbanken (ING, DKB, Comdirect): Eingehende Überträge meist kostenlos. Ausgehende Überträge: 0–25 Euro pro Position je nach Institut.
- Filialbanken: Häufig Gebühren für ausgehende Überträge, teils bis 50 Euro pro Position.
Konkretes Beispiel: Ein Depot mit 5 verschiedenen ETF-Positionen bei einer Filialbank kann beim Abzug 125–250 Euro Transfergebühren kosten. Diese Kosten amortisieren sich trotzdem schnell, wenn der neue Broker deutlich günstiger ist.
Tipp: Manche aufnehmenden Broker erstatten die Übertragungsgebühren des alten Brokers bis zu einem bestimmten Betrag – das sollte man vorab prüfen, ohne dabei Aktionsangeboten blind zu vertrauen.
Anschaffungskosten und FIFO: Was du beim Übertrag beachten musst
Das kritischste Detail beim Depotübertrag ist die korrekte Übermittlung der Anschaffungskosten (Einstandspreise). Fehlen diese beim neuen Broker, nimmt das Finanzamt im Zweifelsfall 0 Euro als Einstandspreis an – und besteuert den gesamten aktuellen Wert als Gewinn.
Was technisch passiert:
- Der alte Broker übermittelt Anschaffungsdaten per standardisiertem Datensatz (WM-Datenformat).
- Nicht alle Broker übermitteln diese Daten vollständig oder korrekt – besonders bei älteren Positionen oder ausländischen Verwahrstellen.
FIFO-Methode: In Deutschland gilt für Wertpapiere das First-in-first-out-Prinzip. Wer mehrere Tranchen desselben ETF gekauft hat, verkauft steuerlich immer zuerst die älteste. Das bleibt auch nach dem Übertrag so – sofern die Kaufdaten korrekt übertragen wurden.
Was du tun solltest:
- Vor dem Übertrag: Alle Anschaffungskosten und Kaufdaten aus dem alten Depot exportieren und speichern.
- Nach dem Übertrag: Beim neuen Broker prüfen, ob alle Einstandspreise korrekt hinterlegt sind.
- Bei Abweichungen: Schriftliche Korrektur beim neuen Broker beantragen – mit Belegen.
Zeitplan: Wie lange dauert ein Depotübertrag typischerweise?
Die Dauer variiert stark – je nach Brokerkombination und Anzahl der Positionen:
- Neobroker zu Neobroker: 3–10 Werktage (häufig schneller, da digitale Prozesse).
- Direktbank zu Neobroker: 7–14 Werktage.
- Filialbank zu Direktbank oder Neobroker: 14–30 Werktage, in Einzelfällen länger.
- Ausländische Depotbanken oder Spezialwerte: Bis zu 6 Wochen möglich.
Verzögerungen entstehen oft durch:
- Fehlende oder fehlerhafte Formulare
- Rückfragen des alten Brokers zur Identifikation
- Manuelle Bearbeitung bei Exoten-Wertpapieren (z. B. Anleihen, Zertifikate)
Während des Übertrags sind die Positionen in der Regel nicht handelbar. Plane daher keine geplanten Verkäufe in diesem Zeitfenster. Wer eine bestimmte Position dringend behalten oder verkaufen will, sollte sie ggf. vom Übertrag ausschließen und separat behandeln.
Faustregel: Rechne mit mindestens 3 Wochen Puffer für den gesamten Prozess, inklusive Kontoeröffnung und Abschlusskontrolle.
Häufige Fragen
Muss ich beim Depotübertrag Steuern zahlen?
Nein – ein Depotübertrag in Natura gilt steuerrechtlich nicht als Verkauf. Es entstehen keine Kapitalertragsteuern. Die Steuer fällt erst an, wenn du die Wertpapiere beim neuen Broker tatsächlich verkaufst. Voraussetzung ist, dass die Anschaffungskosten korrekt übertragen werden.
Kann ich nur einen Teil meines Depots übertragen?
Ja, sogenannte Teildepotüberträge sind möglich. Du kannst einzelne Positionen oder bestimmte Tranchen übertragen und den Rest beim alten Broker belassen. Das bietet sich an, wenn du beim alten Broker weiterhin bestimmte Produkte nutzen möchtest oder Gebühren sparen willst.
Was passiert, wenn der neue Broker die Anschaffungskosten nicht übernimmt?
Das ist ein ernstes Problem. Ohne korrekte Einstandspreise setzt das Finanzamt bei einem späteren Verkauf den Anschaffungspreis auf null – du zahlst dann auf den vollen Verkaufspreis Steuern statt nur auf den Gewinn. Lösung: Eigenbelege aufbewahren und den neuen Broker schriftlich zur Korrektur auffordern.
Kann ich ein Depot übertragen, das Verluste enthält?
Ja. Verlustverrechnungstöpfe werden beim Übertrag allerdings nicht automatisch mitgenommen. Du musst beim alten Broker eine Verlustbescheinigung beantragen (Frist: 15. Dezember des laufenden Jahres) und diese in deiner Steuererklärung geltend machen.
Lohnt sich ein Depotübertrag auch bei kleinen Depots?
Bei einem Depotvolumen unter 5.000 Euro sind die Transfergebühren des alten Brokers (falls vorhanden) relativ zur Ersparnis oft hoch. Hier kann eine Auflösung und Neuanlage sinnvoller sein – aber nur, wenn die realisierten Gewinne gering sind oder durch den Sparerpauschbetrag (1.000 Euro/Jahr) abgedeckt werden.
Du hast Fragen zu deinem konkreten Depotübertrag – etwa zu einem bestimmten Brokerpaar, zu Anschaffungskosten-Problemen oder zu Sonderfällen wie Fondssparplänen und Zertifikaten? Im DailyFinanz-Forum diskutieren erfahrene Anleger genau diese Fragen. Stell deine Situation vor und bekomm konkrete Einschätzungen von Leuten, die den Prozess selbst durchlaufen haben.