Freistellungsauftrag aufteilen: 1000€ sinnvoll auf mehrere Depots verteilen?
-
Zinsjäger_Joachim
- Beiträge: 16
- Registriert: Mo Mai 17, 2021 10:00 pm
Freistellungsauftrag aufteilen: 1000€ sinnvoll auf mehrere Depots verteilen?
Hallo zusammen,
ich habe seit einigen Jahren Depots bei drei verschiedenen Brokern: ein ETF-Depot bei der ING, ein zweites bei Scalable Capital (wegen des Sparplanmodells) und ein älteres bei der Comdirect, das ich noch nicht aufgelöst habe. Dazu noch ein Tagesgeldkonto bei der DKB.
Jetzt frage ich mich, wie ich den Freistellungsauftrag von 1.000 Euro (als Lediger) am sinnvollsten aufteile. Bisher habe ich es einfach gleichmäßig gemacht — jeweils 250 Euro pro Institut. Aber das fühlt sich nicht besonders durchdacht an.
Konkret beschäftigen mich folgende Fragen:
- Gibt es eine Strategie, nach der man sinnvoll aufteilt — zum Beispiel nach erwarteten Kapitalerträgen?
- Was passiert eigentlich, wenn ich bei einem Broker zu wenig Freistellungsauftrag angegeben habe und dort 400 Euro Kapitalerträge anfallen, aber nur 250 Euro freigestellt sind? Wird dann automatisch zu viel Steuer einbehalten?
- Kann ich im laufenden Jahr noch nachträglich umschichten — also den Betrag bei einem Broker erhöhen und bei einem anderen kürzen?
- Und was ist mit dem Tagesgeldkonto? Lohnt es sich da überhaupt, einen Teil des Freibetrags zu reservieren, wenn die Zinsen gerade wieder etwas höher sind?
Ich bin Buchhalter, also grundsätzlich zahlenaffin, aber das Steuerrecht bei Kapitalerträgen hat seine eigenen Tücken. Über konkrete Erfahrungen würde ich mich freuen.
-
GrenzpendlerGregor
- Beiträge: 16
- Registriert: Di Jul 07, 2020 10:00 pm
Re: Freistellungsauftrag aufteilen: 1000€ sinnvoll auf mehrere Depots verteilen?
Kurz vorweg: Ja, du kannst den Freistellungsauftrag im laufenden Jahr jederzeit anpassen — erhöhen, kürzen, auf null setzen. Das geht bei den meisten Brokern einfach online im Kundenbereich. Wichtig ist nur, dass die Summe aller Freistellungsaufträge nicht über 1.000 Euro liegt (als Lediger). Das kontrolliert zwar niemand automatisch, aber wenn du mehr als 1.000 Euro freistellen lässt, musst du die zu Unrecht nicht einbehaltene Steuer in der Steuererklärung nachzahlen. Das Finanzamt gleicht das ab.
Zur Strategie: Ich würde tatsächlich nach den erwarteten Erträgen gehen. Schau dir an, was du bei jedem Institut im letzten Jahr an Kapitalerträgen hattest, und orientiere dich daran. Bei Scalable mit Sparplan wachsen die thesaurierenden ETF-Erträge ja oft langsamer als Zinseinnahmen auf einem Tagesgeldkonto — gerade jetzt mit 3-4% p.a. bei manchen Anbietern.
Was zu deiner zweiten Frage: Wenn bei einem Broker 400 Euro Erträge anfallen, aber nur 250 Euro freigestellt sind, behält der Broker auf die übrigen 150 Euro automatisch 25% Abgeltungsteuer + Soli ein. Du kannst das dann über die Anlage KAP in der Steuererklärung zurückholen — zum Beispiel wenn dein Steuersatz unter 25% liegt (Günstigerprüfung) oder wenn du insgesamt unter 1.000 Euro Erträge bleibst, weil ein anderer Broker seinen Freibetrag nicht ausgeschöpft hat. Aber einfacher ist es, den Freistellungsauftrag vorher richtig zu setzen.
-
GrauenHaarenGuenter
- Beiträge: 11
- Registriert: Sa Mai 16, 2020 10:00 pm
Re: Freistellungsauftrag aufteilen: 1000€ sinnvoll auf mehrere Depots verteilen?
Ich mache das seit Jahren ganz simpel: ich gucke im Januar, wo ich im Vorjahr wie viel Zinsen und Dividenden hatte, und verteile dann entsprechend. Bei der Comdirect hatte ich früher viel, heute fast nichts mehr. Also hab ich den Freibetrag da auf 50 Euro gesetzt und den Rest auf die anderen Institute verschoben.
Was ich noch hinzufügen möchte: Viele vergessen, dass Banken und Broker den Freistellungsauftrag nicht automatisch auf das neue Jahr übertragen — manche schon, manche nicht. Das sollte man jedes Jahr kurz prüfen, sonst zahlt man unnötig Steuer. Ich hab das mal bei meiner Sparkasse übersehen, das hat mich eine klieine Nacharbeit in der Steuererklärung gekostet.
-
AzubineAmelieH
- Beiträge: 10
- Registriert: Sa Apr 01, 2023 10:00 pm
Re: Freistellungsauftrag aufteilen: 1000€ sinnvoll auf mehrere Depots verteilen?
warte mal kurz — ich dachte immer der freibetrag gilt pro bank automatisch voll?? ? also dass jede bank automatisch 1000€ freilässt?? hab ich das die ganze zeit falsch verstanden omg
ich hab bei Trade Republic und der DKB je einen freistellungsauftrag aber ich glaub ich hab nie drauf geachtet wie hoch der ist ? muss ich da jetzt panisch werden
-
GrenzpendlerGregor
- Beiträge: 16
- Registriert: Di Jul 07, 2020 10:00 pm
Re: Freistellungsauftrag aufteilen: 1000€ sinnvoll auf mehrere Depots verteilen?
AzubineAmelieH schrieb:ich dachte immer der freibetrag gilt pro bank automatisch voll?? also dass jede bank automatisch 1000€ freilässt??
Nein, so funktioniert das leider nicht. Du musst den Freistellungsauftrag aktiv bei jeder Bank einrichten und dabei selbst angeben, wie viel du dort freistellen willst. Die Summe über alle Banken darf insgesamt 1.000 Euro nicht überschreiten (Singles) bzw. 2.000 Euro (Verheiratete).
Wenn du nichts eingerichtet hast, behält die Bank auf alle Kapitalerträge sofort Abgeltungsteuer ein. Du bekommst das zwar über die Steuererklärung zurück, aber es ist unnötiger Aufwand. Also: einloggen, schauen was da steht, ggf. anpassen.
-
LehrlingLennart
- Beiträge: 11
- Registriert: Di Jul 04, 2023 10:00 pm
Re: Freistellungsauftrag aufteilen: 1000€ sinnvoll auf mehrere Depots verteilen?
krass ich hab bei Trade Republic auch einfach nix eingetragen weil ich dachte das macht die App automatisch ? bin grad nachgeguckt — steht da tatsächlich 0€ als freistellungsauftrag lol. danke für den wake up call hier im thread
-
LehrerinLena_Finanz
- Beiträge: 8
- Registriert: Sa Apr 11, 2020 10:00 pm
Re: Freistellungsauftrag aufteilen: 1000€ sinnvoll auf mehrere Depots verteilen?
Um die Eingangsfrage noch mal konkret zu beantworten, weil ich glaube das ist ein bisschen untergegangen:
Zur Tagesgeld-Frage: Ja, auf jeden Fall lohnt es sich, dort einen Teil des Freibetrags zu hinterlegen, wenn du nennenswerte Zinsen bekommst. Bei 10.000 Euro auf einem Tagesgeldkonto mit 3,5% p.a. macht das schon 350 Euro Zinsen im Jahr — die würden sonst sofort mit 25% + Soli versteuert. Also mindestens 350 Euro Freibetrag dort einplanen, wenn du so einen Betrag da liegen hast.
Zur Strategie allgemein: Ich mache es so ähnlich wie @GrenzpendlerGregor beschrieben hat — ich schätze die Erträge je Institut für das laufende Jahr und runde großzügig auf. Lieber 50 Euro Puffer einplanen als nachher zu wenig haben. Und im November/Dezember einmal kurz nachschauen, ob die Schätzung noch stimmt. Bei thesaurierenden ETFs ist das oft weniger als man denkt, weil die Ausschüttungsgleichen Erträge (bei manchen Fonds) erst zum Jahresende relevant werden.
Was viele nicht wissen: Wenn du am Jahresende feststellst, dass du bei einem Broker zu viel Freibetrag vergeben hast und woanders zu wenig, kannst du das innerhalb des Jahres noch korrigieren — aber nur bis zu dem Punkt, an dem der Broker den Freibetrag bereits angewendet hat. Was einmal freigstellt wurde, kann man nicht rückwirkend umbuchen. ?
-
Zinsjäger_Joachim
- Beiträge: 16
- Registriert: Mo Mai 17, 2021 10:00 pm
Re: Freistellungsauftrag aufteilen: 1000€ sinnvoll auf mehrere Depots verteilen?
Vielen Dank für die ausführlichen Antworten — das hat mir sehr geholfen.
Ich habe jetzt konkret nachgerechnet: Auf meinem DKB-Tagesgeld liegen aktuell ca. 8.000 Euro zu 3,0%, das macht rund 240 Euro Zinsen im Jahr. Bei der ING läuft der ETF-Sparplan erst seit zwei Jahren, Erträge dort eher überschaubar, vielleicht 80–100 Euro. Scalable bringt durch Dividenden des MSCI World ETF schätzungsweise 150–180 Euro. Und die Comdirect ist wirklich nur noch ein Rumpfdepot — da sind es keine 30 Euro mehr.
Ich werde den Freistellungsauftrag jetzt so aufteilen:
DKB: 280 Euro
Scalable: 220 Euro
ING: 150 Euro
Comdirect: 50 Euro
Macht zusammen 700 Euro — bleibt also 300 Euro Puffer, den ich nicht vergebe. Den kann ich im Herbst noch nachschieben, wenn eine der Positionen stärker läuft als erwartet.
Der Hinweis mit dem Jahresende und den bereits angewendeten Freibeträgen von @LehrerinLena_Finanz war wichtig — das hätte ich so nicht gewusst.
-
GrauenHaarenGuenter
- Beiträge: 11
- Registriert: Sa Mai 16, 2020 10:00 pm
Re: Freistellungsauftrag aufteilen: 1000€ sinnvoll auf mehrere Depots verteilen?
Das klingt nach einem vernünftigen Plan, Joachim. Den Puffer nicht sofort zu vergeben ist übrigens ein guter Trick — viele Leute verteilen ihre 1000 Euro auf Heller und Pfennig und wundern sich dann, wenn sie im Oktober nicht mehr anpassen können weil alles schon verplant ist.
Ich würde die Comdirect mittelfristig aber wirklich überlegen aufzulösen, wenn da eh kaum noch Erträge kommen. Weniger Baustellen ist weniger Verwaltungsaufwand. Das lernt man spätestens wenn man so alt ist wie ich ?