Lohnwachstum > Inflation 2024/2025 — steigen wir real wirklich besser da, oder frisst der Staat alles wieder?
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P2P_Pessimist_Paul
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Lohnwachstum > Inflation 2024/2025 — steigen wir real wirklich besser da, oder frisst der Staat alles wieder?
Moin zusammen,
ich hab letzte Woche einen Artikel gelesen (war irgendwo bei Spiegel oder Zeit, weiß nicht mehr genau), der behauptet hat, dass die Reallöhne in Deutschland 2024 zum ersten Mal seit Jahren wieder positiv sind — also Lohnwachstum schlägt Inflation. Klingt erstmal gut, oder?
Aber ich grübel da schon eine Weile drüber nach. Mein Gefühl sagt mir: irgendwas stimmt da nicht. Mein Gehalt ist tatsächlich gestiegen, aber das Gefühl, dass ich mehr kaufen kann als letztes Jahr, hab ich irgendwie nicht wirklich.
Meine konkreten Fragen:
- Ist das Lohnwachstum brutto oder netto gemeint, wenn man über Reallöhne spricht?
- Wenn ich z.B. 5% mehr Brutto bekomme und die Inflation bei 2,5% liegt — wie viel davon bleibt nach Steuern und Sozialabgaben wirklich übrig?
- Spielen da auch Dinge rein wie die kalte Progression, also dass man durch die Gehaltserhöhung in eine höhere Steuerklasse rutscht?
- Und was ist mit den Beiträgen zur Kranken- und Rentenversicherung, die ja auch gestiegen sind?
Ich frag das weil ich als Entwickler eigentlich überdurchschnittlich verdiene und trotzdem das Gefühl hab, dass von den Gehaltserhöhungen der letzten zwei Jahre gefühlt nur die Hälfte bei mir ankommt. Bin ich da zu pessimistisch, oder seht ihr das auch so?
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Steuerflüsterin_Stefanie
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Re: Lohnwachstum > Inflation 2024/2025 — steigen wir real wirklich besser da, oder frisst der Staat alles wieder?
Das ist eine sehr berechtigte Frage, und die Antwort ist leider: Ja, ein erheblicher Teil deiner Brutto-Erhöhung geht verloren — und zwar aus mehreren Richtungen gleichzeitig.
Erstens: Wenn Statistiker von „Reallohnwachstum" sprechen, meinen sie in der Regel Brutto-Löhne bereinigt um die Inflation. Was netto ankommt, ist eine ganz andere Geschichte.
Zweitens, die kalte Progression: Sie wurde in Deutschland zwar seit 2023 teilweise durch Anpassungen des Einkommensteuertarifs ausgeglichen, aber nicht vollständig. Wer von 60.000 auf 63.000 Euro Jahresbrutto steigt, zahlt auf die zusätzlichen 3.000 Euro je nach Steuerklasse einen Grenzsteuersatz von 35–42%. Von 3.000 Euro Gehaltserhöhung bleiben netto also oft nur 1.600–1.800 Euro übrig.
Drittens: Die Beitragsbemessungsgrenze in der Rentenversicherung wurde 2025 auf 8.050 Euro/Monat (West) angehoben. Wer darunter liegt, zahlt auf jeden Euro mehr auch mehr Rentenversicherung. Und der Krankenkassenbeitrag ist bei vielen Kassen gestiegen — das läppert sich.
Fazit: Ein nominales Lohnwachstum von 5% bei 2,5% Inflation klingt nach 2,5% Realgewinn. Netto kann der tatsächliche Kaufkraftgewinn bei 0,5–1% liegen oder sogar negativ werden, je nach persönlicher Situation.
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WochenendWarrior_Waldi
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Re: Lohnwachstum > Inflation 2024/2025 — steigen wir real wirklich besser da, oder frisst der Staat alles wieder?
Alter, ich sag's dir wie's is: ich hab dieses Jahr 6% mehr gekriegt beim Tarifabschluss, war richtig fett. Und dann kuck ich auf mein Konto und frag mich: wo is das Geld? ?
Netto kam so ca. 3,2% an. Meine Frau sagt das liegt an der Steuer. Ich sag, das liegt daran dass Sprit, Strom und Versicherungen auch alle abgedreht haben. Am Ende steh ich eigentlich fast gleich da wie vorher. Reallohn hin oder her, fühlt sich ned besser an.
Und der Heizölpreis letzten Winter... vergiss es. ?
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RenteRechtzeitig_Rita
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Re: Lohnwachstum > Inflation 2024/2025 — steigen wir real wirklich besser da, oder frisst der Staat alles wieder?
Ich arbeite seit über 20 Jahren in der Buchhaltung und kann das nur bestätigen, was Steuerflüsterin_Stefanie geschrieben hat.
Was mich zusätzlich beschäftigt, ist der Aspekt, der in dieser Diskussion oft vergessen wird: Der Warenkorb, der zur Inflationsmessung herangezogen wird, spiegelt nicht die individuelle Lebenssituation wider. Der offizielle CPI-Warenkorb enthält z.B. Pauschalreisen, Unterhaltungselektronik und Bekleidung — Bereiche, die teilweise deflationär wirken oder kaum gestiegen sind.
Wer hingegen Miete, Lebensmittel und Energie als Hauptkostenblöcke hat — und das ist die Mehrheit der Bevölkerung — erlebt eine persönliche Inflationsrate, die deutlich über dem offiziellen Wert liegt. Gerade Mieten in Ballungsräumen sind 2023/2024 teils um 8–12% gestiegen.
Der statistische Reallohngewinn ist also ein Durchschnittswert, der für viele Einzelpersonen nicht zutrifft.
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FinanzPhilosophin_Frauke
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Re: Lohnwachstum > Inflation 2024/2025 — steigen wir real wirklich besser da, oder frisst der Staat alles wieder?
Rita hat einen wichtigen Punkt angesprochen. Ich möchte das noch etwas weiterdenken, weil ich finde, dass wir hier zwei Ebenen vermischen.
Ebene 1 — Statistisch: Ja, die Reallöhne sind 2024 in Deutschland laut Destatis tatsächlich gestiegen, zum ersten Mal seit 2021 wieder real positiv. Das ist zunächst eine gute Nachricht und kein Fake.
Ebene 2 — Individuell: Wie viel davon bei dir ankommt, hängt von so vielen Faktoren ab, dass der Aggregatwert für deine persönliche Kaufkraft kaum aussagekräftig ist. Einkommenshöhe, Steuerklasse, Krankenversicherung (gesetzlich vs. privat), Wohnort, Familienstand — das alles beeinflusst das Ergebnis massiv.
Was mich als Lehrerin ehrlich gesagt am meisten ärgert: Der Staat hat durch die Inflation der letzten Jahre enorm profitiert — höhere Umsatzsteuereinnahmen, höhere Einkommensteuer durch kalte Progression, höhere Grunderwerbsteuer. Und dieser Gewinn wurde nur teilweise zurückgegeben. Das ist der eigentliche Skandal, über den zu wenig gesprochen wird.
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PragmatikPaula
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Re: Lohnwachstum > Inflation 2024/2025 — steigen wir real wirklich besser da, oder frisst der Staat alles wieder?
Ich versuche das mal etwas konkreter zu machen, weil mir die Diskussion ein bisschen zu abstrakt wird.
Nehmen wir ein Beispiel: Softwareentwickler, ledig, Steuerklasse I, Jahresbrutto 75.000 Euro, Gehaltserhöhung 5% = 3.750 Euro brutto mehr pro Jahr.
- Grenzsteuersatz bei diesem Einkommen: ca. 42% (inkl. Soli entfällt, aber Kirchensteuer je nach Konfession)
- Arbeitnehmeranteil Sozialversicherung: ca. 20% (KV, RV, PV, ALV zusammen)
- Von 3.750 Euro brutto bleiben netto: ca. 1.425–1.600 Euro, also rund 42%
Bei 2,5% Inflation auf einen Jahreskonsum von z.B. 30.000 Euro (realistisch für Single in Großstadt) = 750 Euro mehr Ausgaben.
Netto-Gehaltsplus von ~1.500 Euro minus Mehrausgaben durch Inflation von ~750 Euro = echter Kaufkraftgewinn von ~750 Euro im Jahr, also ca. 62 Euro pro Monat.
Das ist real, aber es fühlt sich nicht nach viel an — weil es das auch nicht ist. Die Wahrnehmung von Paul ist also nicht falsch, sie ist nur präziser als die Schlagzeile.
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KurzarbeitKarl
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Re: Lohnwachstum > Inflation 2024/2025 — steigen wir real wirklich besser da, oder frisst der Staat alles wieder?
Ich red mal von unten: ich bin Teilzeit, verdien so 28k im Jahr. Bei mir ist das mit der Progression kein Riesenthema, da ist der Grenzsteuersatz überschaubar.
Aber rate mal was: meine Krankenkasse (TK) hat den Zusatzbeitrag erhöht, meine Rentenversicherungsbeiträge steigen wegen der neuen Bemessungsgrenze auch ein bisserl. Und die Lebensmittelpreise... ich kauf beim Aldi, nicht im Bio-Laden, und trotzdem ist das spürbar teurer als vor 3 Jahren.
Für mich persönlch gibts da keinen Reallohngewinn, das kann ich dir sagen. Klingt bitter, is aber so. Die schönen Statistiken sind für Leute die 80k verdienen und beim Sparplan noch die Rendite optimiern. ?
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P2P_Pessimist_Paul
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Re: Lohnwachstum > Inflation 2024/2025 — steigen wir real wirklich besser da, oder frisst der Staat alles wieder?
Okay, das war wirklich erhellend — danke an alle, besonders an PragmatikPaula für das konkrete Rechenbeispiel, das trifft meine Situation ganz gut.
Also mein Fazit aus der Diskussion:
- Statistisch stimmt das Reallohnwachstum — aber es ist ein Brutto-Wert, der für viele netto verpufft
- Je höher das Einkommen, desto mehr frisst der Grenzsteuersatz von der Erhöhung weg
- Der individuelle Inflationswarenkorb weicht stark vom offiziellen ab — wer viel Miete zahlt, hat real kaum gewonnen
- Kalte Progression wurde nur teilweise ausgeglichen
Was mich am meisten überrascht hat, war Ritas Punkt mit dem Warenkorb. Ich wohn in München, meine Miete macht gut 30% meines Nettos aus — da hilft mir die günstige Elektronik im CPI-Warenkorb herzlich wenig.
Karl, ich hör dich. Reallohngewinn auf dem Papier ist halt was anderes als Reallohngewinn im Portemonnaie. Schönen Thread, hat mir wirklich geholfen klarer zu denken.