CoastFIRE vs BaristaFIRE in Deutschland – geht das überhaupt?
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GeldgesprächGünstiger
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CoastFIRE vs BaristaFIRE in Deutschland – geht das überhaupt?
Moin zusammen,
ich lese seit nem halben Jahr immer mehr in englischsprachigen FIRE-Subreddits und bin auf CoastFIRE und BaristaFIRE gestoßen. Falls das hier jemand nicht kennt: CoastFIRE bedeutet, du hast früh genug angespart, dass du den Rest einfach laufen lassen kannst (der Zinseszins macht die Arbeit) und nicht mehr aktiv sparen musst. BaristaFIRE ist so ähnlich, aber du arbeitest trotzdem noch Teilzeit weiter – ursprünglich kommt der Name davon, dass Starbucks-Mitarbeiter in den USA über den Job eine Krankenversicherung kriegen.
Jetzt ist mein Problem: Das klingt alles super in den USA, aber ich sitz hier in Chemnitz, arbeite als Lagerist und frage mich ob das irgendwie auf Deutschland übertragbar ist. Bei uns läuft das ja komplett anders – gesetzliche Rentenversicherung, Rentenplücken wenn man aufhört einzuzahlen, und vor allem: Krankenversicherung ist in Deutschland Pflicht und kostet als Selbstzahler mal eben 200-900€ im Monat je nachdem wie man das regelt.
Beim CoastFIRE-Konzept habe ich mich gefragt: Was ist eigentlich meine "Zahl"? In den US-Rechnern wird immer die 4%-Regel genommen und irgendein Zielbetrag ausgerechnet. Aber wenn ich die deutsche Rente mit einrechne, ändert sich das doch komplett, oder? Ich hab jetzt 38.000€ in ETFs, bin 39 Jahre alt und frage mich ob das irgendwie schon was bedeutet.
Hat jemand diese Konzepte schonmal für die deutsche Realität durchgedacht? Besonders die Krankenversicherungsfrage interessiert mich, weil das in jedem englischen Thread einfach weggelassen wird.
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Versicherungscheck_Vreni
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Re: CoastFIRE vs BaristaFIRE in Deutschland – geht das überhaupt?
Die Frage ist gut gestellt und die Krankenversicherung ist tatsächlich der Punkt, an dem die meisten deutschen FIRE-Pläne scheitern oder zumindest stark angepasst werden müssen.
Kurz zur Lage: Wer in Deutschland nicht mehr sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist und kein Einkommen aus nichtselbstständiger Arbeit hat, kann sich freiwillig gesetzlich versichern oder – falls man die Voraussetzungen erfüllt – privat versichern. Der Mindesbeitrag in der freiwilligen GKV liegt 2024 bei etwa 215 Euro monatlich (Mindestbemessungsgrundlage), aber das gilt nur wenn das tatsächliche Einkommen niedrig ist. Kapitalerträge werden angerechnet! Wer also aus ETF-Entnahmen lebt, zahlt auf diese Entnahmen auch KV-Beiträge, bis zur Beitragsbemessungsgrenze von aktuell 5.175 Euro/Monat.
BaristaFIRE ist in Deutschland eigentlich interessanter als in den USA, weil: Wer als Minijobber arbeitet (bis 538 Euro), ist über den Arbeitgeber nicht krankenversichert. Aber wer sozialversicherungspflichtig in Teilzeit arbeitet – sagen wir 20 Stunden – ist pflichtversichert und zahlt nur den Arbeitnehmeranteil, also etwa 7-8% des Lohns. Das ist deutlich günstiger als die freiwillige Versicherung.
Für CoastFIRE gilt: Sobald man aufhört zu arbeiten, entsteht die KV-Lücke. Das muss in der Rechnung drin sein.
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Nebenjob_Nele
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Re: CoastFIRE vs BaristaFIRE in Deutschland – geht das überhaupt?
Ich bin selbstständig und kann da aus leidvoller Erfahrung mitreden ? Die freiwillige GKV hat mich am Anfang echt kalt erwischt. Du zahlst eben nicht nur auf dein "Arbeitseinkommen" sondern auf ALLES – Mieteinnahmen, Kapitalerträge, Honorare. Die Techniker hat mir das mal sehr deutlich erklärt als ich dachte ich könnte clever sein.
Was ich aber cool finde an BaristaFIRE für Deutschland: Du könntest z.B. 25-30h pro Woche irgendwas machen das dir Spaß macht, bist pflichtversichert, sammelst weiter (wenn auch wenige) Rentenpunkte und lässt dein Depot einfach wachsen ohne reinzugreifen. Das ist doch eigentlich genau CoastFIRE + Teilzeit kombiniert, oder? ?
@GeldgesprächGünstiger 38k mit 39 klingt erstmal nach wenig für klassisches FIRE, aber für CoastFIRE kommt's auf die Annahmen an. Mit welcher Rendite rechnest du und was willst du im Alter haben?
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LehrerinLena_Finanz
- Beiträge: 8
- Registriert: Sa Apr 11, 2020 10:00 pm
Re: CoastFIRE vs BaristaFIRE in Deutschland – geht das überhaupt?
Ich hab mich damit auch mal länger beschäftigt und versuche das hier etwas zu strukturieren, weil ich glaube dass viele den deutschen Kontext unterschätzen – in beide Richtungen.
Was bei CoastFIRE in Deutschland anders ist:
- Die gesetzliche Rente ist ein echter Wert, der in die Rechnung gehört. Wer 20 Jahre vollzeitig gearbeitet hat, hat je nach Verdienst vielleicht 600-900€ Rentenanspruch schon aufgebaut. Das ist wie ein "Sockel", den man vom FIRE-Zielbetrag abziehen kann.
- Dafür hat man in Deutschland keine Flexibilität beim Krankenversicherungsthema wie US-Amerikaner über Medicare ab 65 – die Lücke zwischen "ich hör auf" und gesetzlichem Rentenalter muss man selbst schließen.
- Die 4%-Regel ist für kürzere Entnahmephasen entwickelt worden. Wer mit 45 aufhört und 90 wird, braucht eher die 3-3,5%-Regel.
Mein persönliches Fazit: BaristaFIRE macht in Deutschland für viele mehr Sinn als vollständiges FIRE. Man bleibt sozialversichert, man hat Struktur, und man braucht ein deutlich kleineres Depot.
Ich selbst bin Lehrerin, also Beamtin – für mich ist das eh eine andere Welt wegen der Pension. Aber ich finde das Konzept trotzdem spannend für normale Angestellte. ?
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Schnäppchensenator_Sven
- Beiträge: 13
- Registriert: Di Aug 18, 2020 10:00 pm
Re: CoastFIRE vs BaristaFIRE in Deutschland – geht das überhaupt?
ey mal ehrlich, ich find das alles n bissl theoretisch ? Mit 38k ETF haste noch n langen Weg vor dir unabhängig vom Konzept. Das ist kein Vorwurf, ich hab mit 32 auch erst angefangen, aber die ganzen Rechner sind halt für Leute die 50k+ im Jahr sparen können.
Was ich aber voll unterschreibe: Teilziet + Depot laufen lassen ist der realste Weg für uns normalverdiener. Ich kenn nen Typen der macht das so – arbeitet 3 Tage die Woche als Elektriker, hat 180k im Depot und sagt er braucht kaum noch was vom Lohn. Ist das dann Baristafire? Klingt jedenfalls besser als sein Leben für nen Vollzeitjob zu verschwenden lol ?
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RentenpunktRosemarie
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- Registriert: Mi Nov 13, 2019 11:00 pm
Re: CoastFIRE vs BaristaFIRE in Deutschland – geht das überhaupt?
Ich möchte etwas einwerfen, was hier noch nicht angesprochen wurde: die Rentenlücke durch fehlende Beitragsjahre.
Wer mit 45 aufhört Vollzeit zu arbeiten, verliert nicht nur zukünftige Rentenpunkte, sondern riskiert auch, dass er am Ende weniger Rente bekommt als erwartet. Meine Tochter hat das durchgerechnet: Jedes Jahr ohne Rentenbeitrag (oder mit sehr niedrigem Beitrag) kostet später etwa 30-40 Euro monatliche Rente – je nach Verdienst. Klingt wenig, aber über 20 Jahre Rentenzeit sind das 7.000 bis 10.000 Euro insgesamt.
Man kann fehlende Rentenzeiten übrigens durch freiwillige Beiträge auffüllen. Das wird in diesen Diskussionen viel zu selten erwähnt. Die Deutsche Rentenversicherung informiert dazu kostenlos.
Ich sage nicht dass FIRE falsch ist – aber die Rentenoptimierung gehört dazu, nicht nur das Depot.
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GeldgesprächGünstiger
- Beiträge: 8
- Registriert: Fr Nov 18, 2022 11:00 pm
Re: CoastFIRE vs BaristaFIRE in Deutschland – geht das überhaupt?
Danke für die vielen Antworten, das hilft echt weiter!
@Versicherungscheck_Vreni die Sache mit den Kapitalerträgen die für die KV angerechnet werden – das wusste ich so nicht. Heißt das konkret: wenn ich im Jahr 10.000€ aus ETF-Verkäufen entnehme, zahle ich darauf auch KV-Beiträge? Das wäre dann nochmal ~700-750€ extra im Jahr on top, oder? Das ändert die ganze Kalkulation.
@RentenpunktRosemarie der Punkt mit den freiwilligen Beiträgen ist gut, das werd ich mal nachfragen. Ich hab aktuell so ca. 16 Beitragsjahre angesammelt, da fehlt noch was bis zur Mindestrente.
Was ich glaube jetzt verstanden zu haben: CoastFIRE in Deutschland bedeutet eigentlich nur, dass ich nicht mehr für die Rente sparen MUSS (das Depot wächst von selbst bis dahin auf den Zielbetrag), aber ich muss trotzdem weiterarbeiten um die KV zu finanzieren und Rentenpunkte zu sammeln. Das ist dann eigentlich schon fast automatisch BaristaFIRE. Irgendwie sind die Konzepte bei uns flüssiger.
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GiroGuru_Gino
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- Registriert: Sa Mär 26, 2022 11:00 pm
Re: CoastFIRE vs BaristaFIRE in Deutschland – geht das überhaupt?
Genau das ist der Kern – in Deutschland verschwimmen CoastFIRE und BaristaFIRE zu fast demselben Konzept, weil das Sozialversicherungssystem beides miteinander verknüpft.
Zur KV-Frage von @GeldgesprächGünstiger: Ja, Kapitalerträge werden für die freiwillige GKV-Beitragsbemessung herangezogen, aber Achtung – es geht um den Gewinnanteil, also nicht die gesamte Entnahme, sondern nur die tatsächlichen Erträge. Bei thesaurierenden ETFs ist das nochmal etwas komplizierter wegen der Vorabpauschale. Kurz gesagt: Es ist nicht ganz so schlimm wie es klingt, aber ein Steuerberater lohnt sich ab einem gewissen Depotvolumen definitiv. ?
Was ich als Bankkaufmann noch ergänzen würde: Der "Coast"-Gedanke funktioniert rechnerisch in Deutschland sehr gut, wenn man die gesetzliche Rente als Sockel einrechnet. Mit dem Rentenrechner der DRV kann man seinen aktuellen Anspruch einsehen – und der sollte in jede FIRE-Rechnung rein. Wer heute 600€ Rentenanspruch hat, muss im Depot nicht mehr den vollen Betrag ansparen.
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ETF_Einsteigerin_Eva
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- Registriert: Sa Jan 14, 2023 11:00 pm
Re: CoastFIRE vs BaristaFIRE in Deutschland – geht das überhaupt?
Ich folge diesem Thread seit dem Anfang und muss mal fragen: gibt es eigentlich einen deutschen CoastFIRE-Rechner der die GRV mit einbezieht? ? Alle Tools die ich gefunden habe sind entweder auf Englisch oder ignorieren die Rente komplett.
Ich bin 31 und hab ca. 22.000€ im Depot (Vanguard FTSE All World thesaurierend bei der DKB). Ich frag mich ob ich schon irgendwie "auf Coast" bin wenn man die Rente mitrechnet – oder ob das bei meinem Depot noch völlig illusorisch ist.
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LehrerinLena_Finanz
- Beiträge: 8
- Registriert: Sa Apr 11, 2020 10:00 pm
Re: CoastFIRE vs BaristaFIRE in Deutschland – geht das überhaupt?
ETF_Einsteigerin_Eva schrieb:gibt es eigentlich einen deutschen CoastFIRE-Rechner der die GRV mit einbezieht?
Den gibt es so fertig gebaut meines Wissens nicht – zumindest keinen der wirklich gut ist. Was viele machen: Sie nehmen den englischen CoastFIRE-Rechner (z.B. von walletburst.com), rechnen ihren Rentenanspruch in einen "Kapitalwert" um und ziehen den vom Zieldepot ab.
Beispiel grob: 800€ Rente monatlich entsprechen bei 4% Entnahmerate einem Kapitalstock von 240.000€. Den kannst du also von deinem FIRE-Ziel abziehen, weil die Rente diesen Teil "übernimmt".
Mit 22k und 31 Jahren: Das kommt sehr stark darauf an wie viel du monatlich investierst und was dein Rentenziel ist. Bei 7% p.a. Realrendite (nominal minus Inflation, eher konservativ) würden aus 22k in 34 Jahren (also bis 65) etwa 182.000€ – ohne weitere Einzahlungen. Ob das reicht, hängt von deinen Ausgaben ab. ?