PKV mit 29 als Selbstständiger — welche Stellschrauben wirklich wichtig?

KFZ, Haftpflicht, Hausrat, Berufsunfähigkeit, PKV
ETF_Elsbeth
Beiträge: 18
Registriert: Mi Sep 02, 2020 10:00 pm

PKV mit 29 als Selbstständiger — welche Stellschrauben wirklich wichtig?

Beitrag von ETF_Elsbeth »

Ich schreibe hier stellvertretend für meinen Neffen Jonas, 29, der seit gut einem Jahr als freier UX-Designer selbstständig ist. Nettoeinkommen aktuell ca. 3.200 € im Monat, Tendenz steigend, keine Vorerkrankungen, kein Raucher. Er hat mich um Rat gefragt und ich tu mich bei PKV-Themen ehrlich gesagt schwerer als bei ETFs. Er hat bereits zwei Angebote eingeholt — einmal von der Debeka, einmal von der Barmenia — und steht jetzt vor einem Dschungel aus Tarifoptions, die er nicht wirklich einordnen kann. Konkret beschäftigen ihn drei Punkte: - Selbstbehalt: 0 €, 600 €, 1.200 € oder sogar 2.400 € pro Jahr. Wo liegt der Sweet Spot bei seinem Einkommen? - Beitragsrückerstattung (BRE): Lohnt sich das wirklich oder ist das ein psychologischer Trick, damit man Rechnungen nicht einreicht? - Krankentagegeld: Ab wann sinnvoll — ab Tag 15, Tag 22, Tag 43? Er hat noch kein großes Liquiditätspolster aufgebaut, so ca. 3 Monate Rücklage. Was mich zusätzlich interessiert: Worauf sollte man im Kleingedruckten achten, das erstmal harmlos wirkt, aber später teuer werden kann? Ich denke z.B. an Wartezeiten, Leistungsausschlüsse nach Gesundheitsprüfung oder Klauseln zur Beitragsanpassung. Ich bin selber GKV-versichert und kenne die PKV-Welt wirklich nur von außen. Falls jemand hier konkrete Erfahrungen hat — gern auch mit bestimmten Anbietern — wäre das sehr hilfreich.
SparquoteQueen_Quirina
Beiträge: 13
Registriert: Fr Nov 04, 2022 11:00 pm

Re: PKV mit 29 als Selbstständiger — welche Stellschrauben wirklich wichtig?

Beitrag von SparquoteQueen_Quirina »

Okay, ich steig mal ein, weil das Thema bei meinen Kunden auch regelmäßig aufploppt ? Selbstbehalt: Bei 3.200 € netto und noch wenig Rücklage würde ich nicht mit dem höchsten Selbstbehalt einsteigen. Der Beitragsunterschied zwischen 600 € und 1.200 € Selbstbehalt ist oft nur 30–50 € im Monat — das amortisiert sich erst wenn man 2–3 Jahre lang gesund bleibt und gar nix einreicht. Für Leute mit stabiler Liquidität macht's Sinn. Für jemanden der gerade erst aufbaut, eher nicht. BRE: Ich sag's direkt — das ist ein teilweise psychologischer Trick, aber nicht nur. Bei manchen Tarifen (z.B. Barmenia, Hallesche) ist die BRE tatsächlich attraktiv, wenn man 3–4 Jahre nix einreicht. Das Problem: Man reicht dann wirklich nix ein, auch wenn man's sollte. Wer das im Kopf behalten kann, okay. Wer anfängt Arztbesuche zu vermeiden, verzichtet auf Leistung die er bezahlt hat. Krankentagegeld: Bei 3 Monaten Rücklage und Solo-Selbstständigkeit würde ich das KTG ab Tag 22 empfehlen, nicht später. Ab Tag 43 ist zu riskant wenn kein Polster da ist. ?
RürupRudolf
Beiträge: 27
Registriert: Mo Okt 21, 2019 10:00 pm

Re: PKV mit 29 als Selbstständiger — welche Stellschrauben wirklich wichtig?

Beitrag von RürupRudolf »

Zur steuerlichen Dimension möchte ich etwas ergänzen, was in solchen Diskussionen regelmäßig untergeht: PKV-Beiträge sind für Selbstständige als Sonderausgaben absetzbar — allerdings nur der sogenannte Basisschutz (§ 10 Abs. 1 Nr. 3 EStG). Alles was darüber hinausgeht (Zweibettzimmer, Chefarztbehandlung, Zahnersatz über Basis) ist steuerlich nicht abzugsfähig. Bei einem Einkommen von grob 55.000–60.000 € brutto im Jahr und einem Grenzsteuersatz von ca. 33–35 % kann das bei einem Monatsbeitrag von z.B. 380 € (davon vielleicht 280 € Basisschutz) eine steuerliche Entlastung von ca. 1.100 € jährlich bedeuten. Das sollte Jonas in seine Kalkulation einrechnen. Außerdem: Wer später in die GKV zurück möchte, hat es als Selbstständiger sehr schwer. Das ist keine Drohung, nur ein Hinweis — die PKV-Entscheidung sollte langfristig gedacht werden.
KreditmuffelKai
Beiträge: 13
Registriert: So Jan 08, 2023 11:00 pm

Re: PKV mit 29 als Selbstständiger — welche Stellschrauben wirklich wichtig?

Beitrag von KreditmuffelKai »

ich bin zwar kein selbsständiger aber mein Kumpel Tobi ist das und der hat genau diesen fehler gemacht: KTG erst ab Tag 43 gewählt weil "spart ja Beitrag". Dann hatte er mal nen Bandscheibenvorfall, 6 Wochen krank, und hat die ersten 6 Wochen NICHTS bekommen weil er nicht mal annähernd genug Rücklage hatte ? Am ende hat er sich von seiner Mutter Geld geliehen. Mit 31. Das ist die echte Lektion hier imo.
GeldTagebuch_Greta
Beiträge: 9
Registriert: So Mär 19, 2023 11:00 pm

Re: PKV mit 29 als Selbstständiger — welche Stellschrauben wirklich wichtig?

Beitrag von GeldTagebuch_Greta »

@KreditmuffelKai oh nein das ist so ein klassisches "ich spar an der falschen Stelle"-Trauma ? Hoffnungslos. Ich hab mich für ein Seminar zu PKV vs GKV angemeldet letztes Semester (Uni Kiel hat sowas über Verbraucherschutz) und der Referent hat einen Punkt gemacht, der mich echt überrascht hat: die Gesundheitsprüfung beim Eintritt. Wenn man z.B. mal wegen Rückenschmerzen beim Arzt war (auch wenn nix Ernstes), kann das als Vorerkrankung gewertet werden und es gibt einen Leistungsausschluss für Rücken/Orthopädie. Dauerhaft. Das steht dann im Kleingedruckten des Versicherungsscheins. Jonas sollte also alle Arztbesuche der letzten 5–10 Jahre kennen bevor er irgendwo unterschreibt. Wenn er da unsicher ist kann er Einsicht in seine Krankenkassenhistorie beantragen. ✨
Dividenden_Dieter
Beiträge: 13
Registriert: Do Mai 21, 2020 10:00 pm

Re: PKV mit 29 als Selbstständiger — welche Stellschrauben wirklich wichtig?

Beitrag von Dividenden_Dieter »

Ich bin seit 2011 in der PKV (damals als Angestellter, dann in die Selbstständigkeit gewechselt) und kann ein paar Punkte aus der Praxis beisteuern. Beitragsanpassungen: Das ist das Thema, das die meisten unterschätzen. Mein Beitrag lag 2011 bei 310 € (Debeka, mittlerer Tarif, 600 € Selbstbehalt). Heute zahle ich 498 €. Das ist kein Einzelfall — PKV-Beiträge steigen im Schnitt 3–5 % jährlich, teils mehr. Wer mit 29 in die PKV geht, sollte mit 65 einen Beitrag von 800–1.000 € einkalkulieren, bevor die Altersrückstellungen greifen. Das klingt weit weg, ist es aber nicht. Was ich Jonas empfehlen würde: unbedingt auf den Auslösefaktor für Beitragsanpassungen im Tarif achten. Manche Versicherer passen schon bei 5 % Abweichung an, andere erst ab 10 %. Das steht im Bedingungswerk, nicht im Prospekt. Anbietervergleich: Debeka ist für unkomplizierte Fälle oft gut, Hallesche hat interessante Tarifbausteine, HUK24 ist günstig aber Leistung schlanker. Einen echten Makler (nicht Ausschließlichkeitsvertreter!) für die Tarifanalyse zu beauftragen lohnt sich bei PKV fast immer.
KurzarbeitKarl
Beiträge: 17
Registriert: Do Apr 30, 2020 10:00 pm

Re: PKV mit 29 als Selbstständiger — welche Stellschrauben wirklich wichtig?

Beitrag von KurzarbeitKarl »

Ich kenn die PKV nur von außen (bin GKV, Teilzeit, komm da eh net rein) aber mein Schwager hat mir mal erklärt wie das mit der Beitragsrückerstattung läuft und ich find das schon fast perfide. Der hat jahrelang nix eingereicht, einmal 3 Monate BRE kassiert — und dann hatte er nen Zahn der behandelt werden musste. Hat trotzdem gewartet bis die 3 Monate um waren. Der Zahn hat ihm dann deutlich mehr gekostet als die BRE gebracht hat. Das ist halt Behavioral Finance in echt. Ich würd dem Jonas sagen: PKV ist gut wenn man gesund ist und bleibt. Aber den Selbstbehalt nicht zu hoch setzen am Anfang. Lieber später hochschrauben wenn mehr Rücklage da ist. Geht das eigentlich — also nachträglich anpassen?
RürupRudolf
Beiträge: 27
Registriert: Mo Okt 21, 2019 10:00 pm

Re: PKV mit 29 als Selbstständiger — welche Stellschrauben wirklich wichtig?

Beitrag von RürupRudolf »

KurzarbeitKarl schrieb:Geht das eigentlich — also nachträglich anpassen? Ja, das geht in der Regel — allerdings nur in eine Richtung ohne erneute Gesundheitsprüfung. Den Selbstbehalt erhöhen ist problemlos möglich (Versicherer freut sich, niedrigerer Beitrag). Den Selbstbehalt wieder senken kann dagegen eine erneute Risikoprüfung auslösen, je nach Tarif und Anbieter. Das ist ein wichtiger Punkt, der vor Vertragsschluss zu klären ist. Gleiches gilt übrigens für Tarifwechsel innerhalb desselben Versicherers: nach § 204 VVG hat man das Recht, in einen gleichwertigen Tarif zu wechseln. Das ist ein unterschätztes Instrument um langfristig Beiträge zu managen.
ModeratorStefan
Beiträge: 12
Registriert: Fr Sep 13, 2019 10:00 pm

Re: PKV mit 29 als Selbstständiger — welche Stellschrauben wirklich wichtig?

Beitrag von ModeratorStefan »

Guter Thread, ich häng mich kurz dran. Ein paar strukturierende Hinweise die mir fehlen: Zum Makler-Thema (Dieter hat's angesprochen): Es gibt einen Unterschied zwischen Versicherungsmakler und -vertreter. Ein Makler ist dem Kunden verpflichtet, ein Vertreter dem Versicherer. Bei PKV-Abschluss unbedingt auf Maklerqualifikation achten — am besten jemanden der nach §34d GewO zugelassen ist und das auch nachweist. Honorarberater (kein Provisionsinteresse) gibt's auch, kosten meist 150–300 € einmalig, können sich aber lohnen. Zum Kleingedruckten: Neben den bereits genannten Punkten würde ich noch auf die Öffnungsklauseln hinweisen. Manche Versicherer bieten bei Berufsgruppen (Ärzte, Juristen) oder über Verbände günstigere Konditionen ohne volle Gesundheitsprüfung. Ob Jonas über seinen Berufsverband (z.B. BVDW für Designer) sowas bekommt, wäre zu prüfen. ? Quellen für eigenständigen Vergleich: Stiftung Warentest PKV-Ratgeber (aktuell 2023er Ausgabe), PKV-Verband Beitragsrechner, und das Finanztest-Heft 3/2024 hatte einen guten Überblick zu Beitragsanpassungen.
SparquoteQueen_Quirina
Beiträge: 13
Registriert: Fr Nov 04, 2022 11:00 pm

Re: PKV mit 29 als Selbstständiger — welche Stellschrauben wirklich wichtig?

Beitrag von SparquoteQueen_Quirina »

@ModeratorStefan der Punkt mit den Öffnungsklauseln ist Gold wert, danke! Das hab ich selbst noch nicht auf dem Schirm gehabt bei Designern. Noch was das ich vergessen hatte: Pflegepflichtversicherung nicht vergessen. Die ist bei PKV separat abzuschließen (private Pflegepflichtversicherung, PPV). Kostet nochmal ca. 30–50 € im Monat extra und wird oft in den ersten Angeboten gar nicht ausgewiesen. Das hat mich damals bei meinem ersten Angebotsvergleich auch überrascht — der günstige Beitrag in der Anzeige enthält den oft nicht. ?
Antworten